Bensheim

Geschwister-Scholl-Schule Regisseurin Pina Dietsche sprach vor Jugendlichen über „Scripted Reality“ im Fernsehen

Wirklich real – oder doch frei erfunden?

Bensheim.Gebrüll in der Familie, hektische Kameras verfolgen flüchtende Mütter oder saufende Väter in unaufgeräumten Behausungen. Alltäglicher Trash-TV für ein großes Publikum mit kleinen Ansprüchen. Formate wie „Frauentausch“, „Berlin – Tag & Nacht“ oder das „Dschungelcamp“ sind für ihre emotionalen Ausraster bekannt. Die verwackelten Bilder und holprigen Dialoge vermitteln dem Zuschauer Spontaneität und Wahrhaftigkeit. Doch was ist wirklich real? Und was gescripted – also frei erfunden und stimmig inszeniert?

In einem Workshop an der Geschwister-Scholl-Schule haben Oberstufenschüler gestern einen Blick hinter die Kulissen von Formaten geworfen, die echt wirken, aber „fake“ (Schwindel) sind. Über die Methoden der medialen Manipulation sprach Pina Dietsche vor über 100 Schülern im Forum der Schule.

Seit 2011 arbeitet sie als Autorin, Regisseurin und Creative Producerin für Fernsehformate wie „Quarks“ (WDR) und „Neo Magazin Royale“ (ZDF). Für und mit Jan Böhmermann realisierte sie unter anderem den sogenannten „#verafake“: Ein Langzeitprojekt, bei dem zwei Schauspieler in die Scripted-Reality-Sendung „Schwiegertochter gesucht“ auf RTL eingeschleust wurden und undercover die teils halbseidenen Methoden der Branche aufgedeckt haben. Die Redaktion wurde daraufhin geschlossen ausgetauscht. Der Sender habe Fehler eingestanden, so Pina Dietsche in Bensheim. Doch das Format wurde fortgesetzt.

Für das Projekt wurde das Team 2017 mit dem Grimme-Preis „Unterhaltung“ ausgezeichnet. Mit Jan Böhmermann, Ralf Kabelka und anderen hatte Dietsche als hauptverantwortliche Autorin und Redakteurin die beiden Schauspieler gecastet und an der Story mitgearbeitet. Gemeinsam deckten sie auf, wie konsequent und zielgerichtet Protagonisten, Handlungen und Lebensumstände in der Kuppel-Kulisse manipuliert werden. Nach akribischer Vorarbeit war es der Redaktion gelungen, einen falschen Kandidaten in die von Vera Int-Veen moderierte „Reality-Show“ einzuschleusen. Lückenlos wurden die emotional und wirtschaftlich ausbeuterischen Arbeitsmethoden des Business offengelegt. Und das höchst unterhaltsam, klug und kritisch.

Während im „Dschungelcamp“ erfahrene Medienprofis in einer durchgetakteten Outdoor-Kulisse unter kontrollierten Bedingungen an ihrem Bekanntheitsgrad arbeiten – und abends nicht selten ins Hotel fahren –, werden bei den Reality-Formaten ganz normale Menschen auf der Straße gecastet, so Pina Dietsche in Bensheim. In der „Berlin“-Reihe spielen sie sich quasi selbst sehr nah an der jeweiligen Figur. Die Szenen stehen im Drehbuch, plötzliche Streits und Schlägereien sind abgesprochen, während ein schlecht ausgeleuchteter Hintergrund und kleine Wackeleien authentische Doku-Atmosphäre schaffen sollen, so die Insiderin.

Im Falle von „Frauentausch“ hatte sie ein Beispiel mitgebracht, bei dem eine Frau (Wohnungen und Charaktere sind echt) auf Regieanweisung übelst vorgeführt und bloßgestellt wurde. „Es wird viel manipuliert. Die Schwächen der Menschen werden oft gnadenlos ausgenutzt“, so die TV-Frau. Musik wird als Kommentar und Wertung eingesetzt. „Die Fallhöhe der Personen ist bewusst hoch gehalten.“

In „#verafake“ wurden die beiden Figuren René (38) und Robin (21) als üppig dem Alkohol zusprechendes, arbeitsloses Vater-Sohn-Gespann in zugemüllter Messi-Wohnung eingeführt. Die Redaktion hat schnell angebissen. Bald kam es zum ersten Haubesuch inklusive „Knebelvertrag“ (Dietsche). 16 Stunden pro Drehtag waren die Regel. Für 30 Tage sollten die beiden Teilnehmer 150 Euro erhalten, berichtet die Mitarbeiterin des Undercover-Projekts, die in Bensheim Zweifel an der rechtlichen Gültigkeit des letztlich fiktiven Vertrags äußert. „Unsere Figuren waren schon morgens um neun alkoholisiert und sagten, dass sie viele Details nicht verstehen würden.“ Dennoch seien sie von den TV-Machern zum Einwilligen gedrängt worden.

Das Fernsehteam habe gleich am ersten Tag geschaut, wie weit es gehen kann. „Protagonisten knacken“ nenne man im Jargon das bewusste Weichklopfen der Akteure. „Man braucht willige Leute, die möglichst alles mitmachen.“ Im Falle von „Schwiegertochter gesucht“ habe man Texte vorgegeben und das Image der Figuren zusätzlich ins Lächerliche gezogen, so Dietsche in der GSS.

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