Bensheim

Theater Michael Klemms Woodstock-Story lockte 160 Zuschauer ins Hochstädter Haus

Zwischen Flower-Power und Kriegstrauma

Archivartikel

Hochstädten.Ein buntes Trio klappert in einem noch bunteren VW Bully Richtung Bethel. Auf einem Acker bei Woodstock ist ein Festival in Vorbereitung. Unterwegs gabeln sie einen traumatisierten Vietnam-Veteranen auf, der die Hippies aus ihrem blumigen Haschich-Rausch reißt.

Man spricht und schläft miteinander und erkennt, dass 1969 nicht alles Flower-Power ist. Am Ziel münden vier Biografien vor einer großen Bühne, auf der gerade ein talentierter 24-jähriger Typ namens Joe Cocker seinen wichtigsten Auftritt beginnt. Auch ihn verändert Woodstock für immer: Er kommt als Klempner und geht als Weltstar.

Woodstock ist eine Projektion aus Matsch und Mythos, Musik und Medienschwindel – und das prominenteste Beispiel einer historischen Fata Morgana, die im Nachhinein ordentlich verklärt worden ist. Bis heute, 50 Jahre nach dem Festival, das auch das Ende der Hippie-Bewegung markiert.

Road-Movie für die Bühne

Regisseur und Schauspieler Michael Klemm hat ein Road-Movie für die Bühne inszeniert, das nicht nur ein Hohelied auf Love and Peace singt, sondern auch die dunklen Seiten der Zeit beleuchtet: Den fernen Krieg, der in den Köpfen der Soldaten auch zu Hause weiter tobt, die Selbstfindung der Jugend zwischen Drogen, Musik und freier Liebe sowie die etlichen Gerüchte, die sich um das Festival ranken. Die CIA soll Drogen wie LSD verbreitet haben, um die Bewegung von Innen zu lähmen. Sogar der Regen über dem Festival soll von dem Geheimdienst chemisch erzeugt worden sein.

Diese Aspekte spricht Klemm nur am Rande an. Seine Botschaft: Die Jugend hat sich durch Nichts und Niemanden den Spaß und die Freiheit verbieten lassen. „Freedom!“ sagt der Hippie am Ende auf der Bühne des Hochstädter Hauses, wo die Eigenproduktion am Wochenende drei Mal aufgeführt wurde. Mit beachtlicher Resonanz. Allein am Freitag und Samstag kamen etwa 160 Zuschauer in den Saal im Obergeschoss, um das gemischte Ensemble mit professionellen und Amateurdarstellern auf ihrem Trip zu begleiten.

Michael Klemm spielt einen textil überzeichneten Vorzeigehippie, der als Esoterik-Hybrid zwischen Mann und Frau changiert und beinahe sämtlichen Facetten und Klischees der Hippies in sich vereint. Ein meditierender Klangschalen-Freak mit Riesen-Joint, bunten Klamotten und enormer Matte auf dem Kopf, der mit zwei Girls (Gabi Dierig und Nadja Winter) im bemalten Kleinbus einfach losrattert, um Zeuge einer (noch unbekannten) Legende zu werden.

Musik spielt eine tragende Rolle

Gerry Fuchs spielt den deprimierten bis depressiven Vietnam-Veteran, dessen Glauben an die US-Regierung sich zwischen Drogen und vernebelten Erinnerungen langsam auflöst. Für ihn, der drei Jahre lang gegen eine weitgehend unsichtbare Macht einen sinnlosen Krieg gekämpft hat, sind die bunten Kids nur „verlogenes und zugedröhntes Hippievolk“. Dennoch ist er in seiner Auflehnung gegen das Establishment den Blumenkindern weitaus näher als den Jüngern von Präsident Lyndon B. Johnson. Der GI will nicht mehr unreflektiert irgendwelchen Befehlen folgen und als billiges Kanonenfutter „den ganzen Schwachsinn akzeptieren“.

Zwischen dem trampenden, auch mental ungeerdeten Soldaten, der in Woodstock „seine Oma besuchen“ und als Roadie arbeiten möchte, und der Hippie-Braut entsteht eine zarte Bande. Die beiden Antipoden ihrer Zeit schlafen miteinander im klapprigen VW-Bus. „Those Were The Days“, singt Mary Hopkin.

Die Musik spielt in „Road to Woodstock“ ohnehin eine der Hauptrollen. Songs von The Byrds, The Mamas And The Papas, Simon & Garfunkel oder den Beatles flankieren die Handlung und dienen als klangliche Übergänge zwischen den einzelnen Szenen. Als Jimi Hendrix mit seiner grell-genialen Version des „Star Spangled Banner“ die amerikanische Nationalhymne zerfetzt, bleibt auch auf der Hochstädter Bühne von Stars and Stripes nur noch ein Fransenteppich übrig, den Gerry Fuchs anklagend durch die Luft schwenkt.

Bekannte Gesichter

Am Ende werden alle eins. Woodstock, Klischees und Gerüchte hin oder her, hat sie alle zu einer Weltfamilie zusammengeschweißt. „Aber von einer bösen Macht verarscht“, fügt Michael Klemm als Oberhippie an. Der gebürtige Bensheimer ist professioneller Schauspieler, Filmproduzent und Regisseur und hat die Produktion dem Hochstädter Haus gleichsam auf den Leib geschrieben. Sein Bruder Andreas Klemm ist im Vorstand des Fördervereins Heimatpflege, die Drähte in den Stadtteil waren trotz einer bewegten Künstlerbiografie niemals abgerissen.

Mit seiner Frau Nadja Winter, ebenfalls ausgebildete Aktrice, hat er in Gerry Fuchs, Gabi Dierig und Michael Kneissel drei bekannte Gesichter der Bergsträßer Amateurbühnen engagiert. Zuletzt hatte die Truppe im Zwingenberger Theater Mobile das Stück „Und ewig rauschen die Gelder“ aufgeführt.

„Road to Woodstock“ ist ein kurzweiliges Kammerspiel über ein einigendes Ereignis, das von großen Bildern bombastisch verklärt wurde. Das Bühnenstück erzählt von den Menschen drumherum, von ihren Träumen und Überzeugungen, Wünschen und Visionen, von denen nicht alle diesen August im Jahre 1969 überleben werden. Geblieben ist das Festival als Ausdruck einer friedlichen Macht, die viele fasziniert und gleichsam missioniert hat. Langer Applaus im Hochstädter Haus. Am Ende tanzt das Ensemble vor der Bühne mit dem Publikum.

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