Bensheim

PiPaPo-Theater Anlässlich des Weltfrauentags sorgte das Kabarett-Duo „Allerhand!“ mit ihrem Programm „Wechsel Jahre“ für viele Lacher

Zwischen Jugendwahn und Midlife-Krise

Bensheim.Halleluja! Endlich traut sich jemand zu sagen, dass Wechsel-Jahre keine weiblichen Alleinstellungsmerkmale sind. Auch Männer haben Hitzewallungen beziehungsweise „klimakterische Schwingungen“, wenn diese sich auch wesentlich von denen der Frauen unterscheiden. Die Kerle wollen es nur nicht zugeben.

Und auch das Geheimnis um den Begriff „Fortpflanzung“ ist gelüftet. Eine „Professorin für virile Pseudoklimakteriologie“ erklärte selbigen mit männlichen Seitensprüngen („Er geht fort, um zu pflanzen.“) Wechsel-Jahre halt. Selbstverständlich ist das Tauschobjekt für die nicht mehr ganz so taufrische Ehefrau ein junges Pflänzchen, das noch grün hinter den Ohren ist.

Kritisch und humorvoll

Rotzfrech, ohne Scheuklappen, kritisch und wahnsinnig humorvoll, hintergründig und intelligent, nachdenklich-ernsthaft und obendrein mit einer großen Portion Witz und Charme hielt das Wiesbadener Frauenkabarett „Allerhand!“ mit Christina Ketzer und Carola von Klaas der modernen „Alles-ist-möglich-Gesellschaft“ im ausverkauften PiPapo-Kellertheater den Spiegel vor.

Dorthin hatte die Stadt Bensheim anlässlich des Internationalen Frauentags eingeladen. Marion Huhn, städtische Frauenbeauftragte, hieß die Besucher willkommen und begrüßte sie traditionsgemäß mit einem Glas Sekt.

Die Bensheimer Stadtverordnetenvorsteherin Christine Deppert wies in ihrem Grußwort auf die Errungenschaften der Frauenbewegung hin und machte gleichzeitig deutlich, dass noch längst nicht alle Ziele erreicht sind: „Was wir wollen, ist die Gleichstellung für alle Frauen weltweit.“

Jung, attraktiv, aufgebrezelt, immer top gestylt und risikofreudig im Bett muss Mutti sein, sonst läuft gar nix mehr „beim letzten Aufglühen vor dem Alter“. Oder ist alles nur ein Fake und der „Pandabär“ („Ich brauch’ nix bügeln, ich zieh es an und es ist glatt“) in Wirklichkeit authentischer und attraktiver als die „Gazelle“, die eine Diät nach der anderen durchleidet und ihre Freizeit auf dem Laufband verbringt? In dem Programm „Wechsel Jahre“ des Kabarett-Duos „Allerhand!“ geht es um das Leben Ü 50, um Trends, Zwänge und Neurosen. Der Zeitgeist lässt grüßen. Fitness-, Schönheits- und Jugendwahn, späte Kinderwünsche von Frauen im Großmutteralter, verrückt spielende Hormone, Anglizismen-Auswüchse, Midlife-Blues, Hyperaktivität, „der Stress mit der perfekten Schönheit und die ständige Sorge um die äußere Fassade“ unterziehen die beiden wandlungsfähigen Künstlerinnen einem Tauglichkeitstest. Fazit: Ein Glas Rotwein mit der besten Freundin ist allemal noch die beste Medizin gegen Weltuntergangsstimmung und wirksamer als jede Pille.

Ketzer und von Klaas servierten Lachnummern im besten Sinne des Wortes! An den Reaktionen des Publikums war zu erkennen, dass sich Frauen wie Männer mit den alltagstauglichen Sketchen aus der klimakterischen Selbsthilfegruppe zu hundert Prozent identifizierten und sich gleichzeitig köstlich amüsierten.

In pointierten, überspitzten, aber niemals bösartigen Dialogen, Soli und Wortspielereien („Ich bin in der AfD – Alles falsche Diagnose“) zeigten die Wiesbadenerinnen mit bewundernswerter Leichtigkeit und zielgenauer Treffsicherheit, mit welchen Herausforderungen sich zuvorderst Frauen im besten Alter im Alltag herumschlagen und welche Hürden sie glauben, nehmen zu müssen. Aber auch, welche unterschiedlichen Wege Männer ins Bett führen und warum man die „drei gängigsten Typen Steiger, Krabbler und Setzer“ nennt, erfuhren die Zuhörer in der „ultimativen Studie für Betteinsteiger“.

Rasante Verwandlungen

Zwischen Kabarett und Show, zwischen Wartezimmer-Klatsch und Therapiesitzungen unterschiedlicher Couleur pendelten die Protagonistinnen unentwegt hin und her. Im Handumdrehen verwandelten sie sich, mit entsprechender Perücke und Ausstattung, in die gelangweilte Dauertouristin im Jetlag-Fieber, die verzweifelte Lisplerin, die sich auf das Gleichstellungsgesetz beruft und trotz Sprachfehler von einer Karriere als Telefonistin oder Moderatorin träumt, die perfekt sächselnde Dresdnerin, die kompromissbereite Religionsberaterin oder die Sextherapeutin, die die biedere Ehefrau mit zweifelhaften, brandgefährlichen Anleitungen versorgt. Die „heiße Nummer“ führt schließlich zu einer verbrannten Pobacke, der Quickie im Aufzug des Seniorenheims zur Gehirnerschütterung der besseren Hälfte mit Krankenhausaufenthalt.

„Ich habe was ganz Gefährliches gemacht. Ich habe nachgedacht“, sagt Christina Ketzer irgendwann im Lauf des Abends und bricht eine Lanze für die so arg verpönte Langeweile – sie „macht besonders kreativ.“ Natürlich durften die Kabarettisten nicht ohne heftig geforderte Zugabe die Bühne verlassen.

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