Bergstraße

Gesundheit Ausstellung in der Karl-Kübel-Schule in Bensheim informiert über Schädigungen, die ein Fötus im Mutterleib erleiden kann

Alkohol ist für Schwangere absolut tabu

Archivartikel

Bergstraße.Der Satz ist häufig zu hören: „Ein Glas Sekt geht doch immer.“ Dass das keinesfalls für schwangere Frauen gelten sollte, führt eine Wanderausstellung mit dem vielsagenden Titel „Zero!“ vor Augen, die noch bis zu diesem Freitag, 31. Januar, in der Mensa der Karl-Kübel-Schule in Bensheim zu sehen ist.

Organisiert wurde sie vom Fachdienst Frühe Hilfen des Bergsträßer Jugendamts und der Präventionsstelle im Gesundheitsamt. Anbieter der Ausstellung ist das FASD-Netzwerk Nordbayern. Neben interaktiven Informationsdisplays wird die Präsentation geprägt von einem Zelt, dessen Inneres die Gebärmutterhöhle darstellt. Dort werden die 40 Wochen der Schwangerschaft erlebbar gemacht, unterstützt von einem Monitor mit Filmen und Ultraschallaufnahmen.

Die Dunkelziffer ist hoch

FASD steht für Fetal Alcohol Spectrum Disorder – zu deutsch Fetale Alkoholspektrumstörung. Der Begriff fasst angeborene Fehlbildungen, geistige Behinderungen und Entwicklungsstörungen zusammen, die nicht genetisch bedingt sind, sondern von Alkoholkonsum während der Schwangerschaft hervorgerufen werden.

Es handelt sich um ein besonders tückisches Syndrom, wie der Bensheimer Kinderarzt Dr. Christoph Bornhöft bei der Eröffnung der Ausstellung verdeutlichte. „Die Diagnostik im Alltag ist schwer“, sagte er. Ein Arzt könne, anders als spezialisierte Fachleute, nicht ohne weiteres feststellen, ob ein bereits geborenes Kind an FASD leidet. Und nicht jede Mutter gestehe sich ein, das Leiden durch Alkoholkonsum möglicherweise verursacht zu haben. Die Dunkelziffer sei deshalb hoch.

Schätzungsweise seien im Jahr 2014 etwa 12 500 Kinder mit solchen Alkoholschäden geboren, ergänzte die Bergsträßer Gesundheitsdezernentin Diana Stolz. „Normalerweise sage ich immer, dass es bei Prävention darum geht, Menschen zur Verantwortung für sich selbst zu befähigen. Hier geht es aber auch um Verantwortung für jemand anderen“, hob die Kreisbeigeordnete hervor. Die einzige Möglichkeit der Prävention sei es, überhaupt keinen Alkohol während der Schwangerschaft zu trinken.

Wenn schwangere Frauen rauchen, sei dies für ihn bei Ultraschallaufnahmen einfacher zu erkennen als Alkoholgenuss, erklärte der Lampertheimer Gynäkologe Carl-Michael Bergner. Es gebe bei geborenen Kindern viele verschiedene Symptome, etwa Sprach- und Hörstörungen sowie äußere Auffälligkeiten im Gesicht – darunter kleine, schmale Augen, nicht ausgeformte Ohren oder eine Sattelnase. Moritz, der Junge, der mit seinem Kumpan Max in Wilhelm Buschs Bildergeschichte zahlreiche Streiche spielt, weise mehrere solcher Merkmale auf. Besonders gefährlich sei es, wenn an einem Abend viel Alkohol auf einmal getrunken werde.

Bei einem Vortrag für Personen, die berufsbedingt in Kontakt mit Betroffenen kommen, drang Gisela Bohlbecher, Referentin des FASD-Netzwerks Nordbayern, tiefer in die Thematik ein. „Jede Stunde wird ein Kind mit FASD geboren“, rechnete sie vor. Es sei die häufigste nicht genetisch bedingte Behinderung – und zu 100 Prozent vermeidbar. Über den Mutterkuchen und das Fruchtwasser gelange der Alkohol direkt zum Kind, das bis zur 16. Woche keine Enzyme zum Abbau bilden könne. Danach bauten die Föten den Alkohol immer noch zehn Mal langsamer ab als die Mutter.

In der Gesellschaft verankert

„Es gibt keinen unschädlichen unteren Grenzwert“, betonte die Referentin. Die Auswirkungen könnten bei einer Mutter schlimmer sein als bei der nächsten. Entscheidend könne ein Zeitpunkt sein, der sich kaum bestimmen lasse: Seien etwa am Tag des Konsums gerade die Ohren des Fötus dabei, sich zu formen, werde ihre Entwicklung gehemmt – und nicht nachgeholt. „Sie sollten deshalb nicht erst aufhören, wenn die Schwangerschaft bekannt ist, sondern schon bei einer Verhütungspanne“, gab sie mit auf den Weg. Ein Konsum bis zur zweiten Woche könne bereits zum Abort führen. Bis zur neunten Woche seien sichtbare Schäden an den Kindern möglich, danach nicht sichtbare.

Ein Problem sei die Verankerung des Trinkens in der Gesellschaft. Beim Rauchen sei dies mittlerweile weniger der Fall. Tatsächlich könnten Sekt, Wein, Bier und Co. aber in weit mehr Bereichen Schäden am Kind hervorrufen als Tabak, betonte Bohlbecher. Das Wissen darüber sei aber noch nicht angekommen. So bleibe Alkoholkonsum in der Schwangerschaft ein Phänomen, das sich durch alle gesellschaftlichen Schichten zieht. Gebildete Frauen mit einem hohen Sozialstatus nähmen mehr Alkohol zu sich, als solche mit einem niedrigeren, rauchten dafür aber weniger. „Es sind keineswegs nur Alkoholikerinnen betroffen“, betonte Bohlbecher.

Eines der beschriebenen Merkmale zu haben, sei noch kein Beweis für FASD. Zudem könnten sich die äußeren Anzeichen mit der Zeit verwachsen. Mittlerweile gebe es zahlreiche medizinische Einrichtungen, die die Behinderung feststellen können, erklärte Bohlbecher. Wichtig sei eine frühere Diagnose – am besten zwischen dem achten Lebensmonat und dem achten Lebensjahr. Eine spezialisierte Anlaufstelle in Südhessen ist die Vitos-Ambulanz in Höchst im Odenwald.

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