Bergstraße

Pubertät Bei Asperger-Autisten verläuft sie oft gravierender

Angststörungen und bizarres Verhalten

Bergstraße.Grundsätzlich verläuft die Pubertät bei Autisten nicht anders als bei anderen Heranwachsenden - nämlich mit grundlegenden neurologischen und hormonellen, körperlichen und psychischen Veränderungen. Während der Adoleszenz, der Reifungsphase von der späten Kindheit bis ins frühe Erwachsenenalter, durchlaufe jeder Mensch verschiedene Umbauprozesse. "In der Pubertät ist das Gehirn eine Baustelle", sagt Brita Schirmer. Und wie bei Baustellen sei es auch in der Pubertät üblich, dass dort erhöhte Unfallgefahr herrscht. Bei Asperger-Betroffenen seien die entstehenden Schwierigkeiten jedoch meist gravierender als bei anderen Jugendlichen, erläuterte die Expertin im Rahmen einer ganztägigen Lehrerfortbildung zum Thema Asperger-Autismus in der Bensheimer Geschwister-Scholl-Schule.

Die Berliner Pädagogin und Autorin strukturierte ihren Vortrag über die Pubertät von Asperger-Autisten vor etwa 50 Zuhörern nach einer Reihe von typischen Veränderungsprozessen. Indem Schirmer die für "normale" Jugendliche erläuterte, verwies sie auch auf die jeweiligen Besonderheiten, die für Asperger-Autisten gelten.

Einer dieser Prozesse ist der sogenannte Überschwang oder auch Pruning, bei dem das Gehirn eine Fülle neuer Nervenzellen produziert, von denen nur ein gewisser Anteil erhalten bleibt. Überflüssige verschwinden wieder. Dieser Vorgang bereite Jugendliche auf neue Herausforderungen vor und biete großes Potenzial für Lernprozesse, das jedoch nach außen hin erst auf Nachfrage deutlich wird.

Mehr Bereitschaft zum Risiko

Zur gleichen Zeit findet aber ein tiefgreifender Umbau des Belohnungssystems statt, bei dem fast ein Drittel der Dopaminrezeptoren verloren gehen - Unlust und Antriebslosigkeit sind die Folge. Häufig lassen schulische Leistungen dadurch nach, für viele frühere Interessen fehlt auf einmal die Motivation. Um Interesse zu entwickeln, sind nun stärkere Reize nötig. Daher wenden sich Jugendliche neuen, aufregenden Herausforderungen zu, bei denen sie bisweilen große Risikobereitschaft zeigen. Werden sie daran gehindert, richten sie ihr Verhalten oft auf provokante, rebellische Weise gegen Eltern und andere Autoritätspersonen. Bei Asperger-Betroffenen, so Schirmer, entwickelten sich in dieser Phase oft besonders bizarre Verhaltensweisen.

Zudem lässt die bereits in der Kindheit ausgebildete Fähigkeit, eigene Impulse zu kontrollieren, während der Pubertät nach. Jugendlichen fällt es schwerer, sich zu beherrschen, Versuchungen zu widerstehen und Bedürfnisse aufzuschieben. Asperger-Betroffene hätten in der Regel während der Kindheit ohnehin noch keine starke Impulskontrolle entwickelt.

Erschwerend tritt bei Pubertierenden außerdem eine stärkere emotionale Erregbarkeit auf. Dadurch verschlechtert sich die Fähigkeit, Emotionen zu erkennen und zu unterscheiden. Heranwachsenden fällt es daher schwer, echte von unechten Bedrohungen zu unterscheiden und sie angemessen zu beurteilen. Die Folge kennen alle Eltern: Ihre Sprösslinge fühlen sich schnell angegriffen und als "unfair" behandelt. Bezeichnenderweise entwickeln Asperger-Autisten genau in dieser Phase häufig Angststörungen, eine der häufigsten Komorbiditäten, also begleitende Erkrankungen, von Asperger-Autismus.

Menschen entwickeln in der Kindheit die Fähigkeit, komplexe Handlungen auszuführen - doch während der Pubertät lässt diese Fähigkeit vorübergehend nach. Die dadurch entstehenden Schwierigkeiten, Ordnung zu halten, sich an Zeitpläne und komplizierte Vorgaben zu halten, werden von Eltern und Lehrern oft als Rebellion oder Machtkämpfe missverstanden, meint Schirmer. Es sei deshalb wichtig, genau hinzuschauen und im Zweifelsfall nachsichtig zu sein. Umso mehr, weil man durch Ermahnung und Strafen selten weiterkommt. Stattdessen gelte es, die Jugendlichen selbst vom gewünschten Verhalten zu überzeugen und dafür zu motivieren. Jugendliche mit Asperger-Syndrom seien darin wegen ihrer andersartigen Motivationssysteme besonders knifflige Fälle.

Das gelte insbesondere in Bezug auf die Körperhygiene, die aufgrund körperlicher Veränderungen während der Pubertät wichtiger wird. Während Körperpflege für andere Jugendliche aus sozialen Gründen schnell zur Selbstverständlichkeit wird, sei es schwierig, Asperger-Autisten von deren Notwendigkeit zu überzeugen. Andernfalls geraten sie jedoch sozial stärker ins Abseits, als sie oft ohnehin schon sind. Asperger-Betroffene vereinsamen gerade dann am stärksten, wenn der Bezug zu Gleichaltrigen für andere Jugendliche immer bedeutender wird und sie sich langsam vom Elternhaus ablösen. Um das zu verhindern, sei auch die Mithilfe von Eltern und Lehrern gefragt.

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