Bergstraße

Diakonisches Werk Björn Metzgen-Meuer, Leiter der Wohnungsnotfallhilfe der Diakonie, schlägt Alarm

Auf dem Wohnungsmarkt im Kreis spitzt sich die Lage zu

Archivartikel

Bergstraße.Der Wohnungsmarkt wird immer enger. Auch im Kreis Bergstraße spitzt sich die Situation weiter zu. Aktuell sind mehr als 1800 dringend wohnungssuchende Haushalte gelistet. Die Zahl hat sich in den vergangenen dreieinhalb Jahren um rund 30 Prozent erhöht. Für Menschen ohne Arbeit ist die Chance, eine adäquate Wohnung zu finden, beinahe aussichtslos. Aber auch Personen mit einer regulären Arbeit fällt es zunehmend schwer, etwas Passendes zu finden.

Vom sozialen Rand in die Mitte

Das Problem hat sich vom sozialen Rand in die mittleren Einkommensschichten ausgedehnt, sagt der Leiter der Wohnungsnotfallhilfe des Diakonischen Werkes Bergstraße. Björn Metzgen-Meuer, Bensheims Ex-Streetworker, kennt die Schwierigkeiten auf dem engen Wohnungsmarkt.

Selbst Angehörige der Mittelschicht müssten mittlerweile bis zu 30 Prozent ihres Nettoeinkommens für die Miete ausgeben. „Das sind Menschen, die das Rückgrat unserer Gesellschaft bilden: Pflegekräfte, Handwerker, Beschäftigte aus der Dienstleistungsbranche.“

Bei der Fachberatungsstelle der Diakonie seien die Beratungsgespräche mit Menschen in Arbeit im vergangenen Jahr um 28 Prozent gestiegen. Es sei schon so weit, dass es ein Durchschnittsverdiener schwer hat, sich eine Neubauwohnung leisten zu können. Wenn viele Menschen aber mehr Miete zahlen, als es ihr Einkommen eigentlich zulässt, trage das insgesamt zu einer schleichenden Verarmung der Gesellschaft bei.

Wer von Hartz IV leben muss, bekommt die Miete zwar gezahlt. Doch die Kosten für die Unterkunft sind mit etwas mehr als fünf Euro pro Quadratmeter eher niedrig bemessen. Die Folge: Am unteren Rand der Gesellschaft steigt die Zahl der Obdachlosen.

Die Zuwanderungswelle vor wenigen Jahren habe das Problem nicht geschaffen, aber verschärft, so Metzgen-Meuer. „Die Wohnungsnot hat sich damit in einem gewissen Sinn internationalisiert.“ Neben Klienten aus Deutschland und Polen, die das Gros der Wohnungssuchenden bilden, verzeichnet die Fachstelle nun auch verstärkt Menschen aus Somalia, Serbien, Marokko oder Rumänien. Insgesamt haben in diesem Jahr kreisweit 607 Personen den Kontakt gesucht, die bereits wohnungslos sind oder bei denen eine Wohnungslosigkeit droht.

Dass die Politiker zu lange die Augen vor der Wohnungsnot verschlossen haben, wollte Björn Metzgen-Meuer im Gespräch mit dieser Zeitung nicht länger erörtern. Dies sei bedauerlich, aber nicht mehr umkehrbar. „Wir müssen jetzt nach vorne schauen“, so der Diplom-Sozialarbeiter.

Konkrete Maßnahmen nötig

Er hofft, dass vonseiten der Politik bald konkrete Maßnahmen in die Wege geleitet werden, um die Situation wenigstens etwas zu entschärfen. „Wir sollten langfristig planen, aber ad hoc reagieren.“ Auswege würden dringend gesucht.

Auch im Zentrum der Wohnungslosenhilfe in Bensheim ist das Problem statistisch ablesbar. Die Aufenthaltszeit beträgt teilweise mehr als zwei Jahre.

Die Suche nach einer festen Bleibe ist meist erfolglos. Wenige Ausnahmefälle, die es manchmal auch zu medialer Aufmerksamkeit schaffen, seien nur ein Tropfen auf den heißen Stein.

Auch bei Wohnbaugenossenschaften hätten solche Menschen allzu oft keine Chance, wenn sie beispielsweise verschuldet seien, so Björn Metzgen-Meuer. Man müsse sich grundsätzlich fragen, ob jegliche Art von Klientelpolitik noch mit der gegenwärtigen Mangelsituation verträglich sei.

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