Bergstraße

Evangelische Kirche Margot Müller und Sibylle Römer von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Lorsch nahmen an einer Reise nach Sizilien teil

Begegnung in Sizilien: Solidarität ist kein Verbrechen

Bergstraße.Unter dem Motto „Europa mit menschlichem Antlitz“ haben vierzehn ehrenamtlich und vier hauptamtlich Engagierte in der Flüchtlingsarbeit an einer Begegnungsreise nach Sizilien teilgenommen, die von der Evangelischen Kirche und der Diakonie Hessen organisiert wurde. Mit dabei waren Margot Müller und Sibylle Römer von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Lorsch.

Sie haben dort mit Initiativen gesprochen, die die Kriminalisierung ihrer Hilfe fürchten. Und sie haben Menschen getroffen, die bei ihrer Flucht die Hölle auf Erden erlebt haben. „Die Angst unter den Flüchtlingen ist mit Händen zu greifen – und auch die Sorgen der Flüchtlingsinitiativen sind spürbar größer geworden“, meinte der Pfarrer der Waldenser-Kirche auf Sizilien, Jens Hansen. Der italienische Innenminister Salvini erließ im Oktober ein Dekret, das keinen Zweifel lässt: Er will den Kurs gegenüber Flüchtlingen drastisch verschärfen.

„Wir müssen auf dem Meer sein“

Das befürchten auch Judith Gleitze von der Menschenrechtsorganisation Borderline Europe und Marta Bernardini, die als Sozialarbeiterin für das Projekt Mediterranean Hope der Föderation Evangelischer Kirchen in Italien auf der Insel Lampedusa arbeitet. Im Gespräch mit der Gruppe aus Hessen kritisierten sie, dass Italien die Seenotrettung der Nicht-Regierungsorganisationen praktisch unterbunden und kriminalisiert hat. „Solidarität ist kein Verbrechen“, sagt Marta Bernardini. Judith Gleitze ergänzt: „Wir müssen draußen auf dem Meer sein, weil sonst niemand mehr hinschaut.“ Sie verwies auf die Zusammenarbeit Italiens mit der libyschen Küstenwache, die in Absprache mit den italienischen Stellen Flüchtlingsboote auf- und nach Libyen zurückbringt.

„Die vielen Begegnungen mit engagierten und couragierten italienischen Flüchtlingshelfern, die sich durch das immer rauere politische Klima nicht entmutigen lassen, ist motivierend für mich. Ich fühle mich weniger hilflos als vor der Reise und gestärkt einfach weiter zu machen“, zog Margot Müller eine persönliche Bilanz der einwöchigen Reise.

Dramatische Situation für Frauen

Etwa 85 Prozent der Geflüchteten kommen über Libyen nach Italien. „Das Leben dort ist für Flüchtlinge die Hölle. Es gibt eine systematische Verletzung der Menschenrechte“, sagte Pasqua de Candia vom Anti-Rassismus-Forum in Palermo im Gespräch mit der Gruppe aus Hessen. Geflüchtete würden in Libyen geschlagen, in Gefängnisse gesteckt, als Arbeitssklaven missbraucht und vergewaltigt. Fast alle, die Italien erreichten, zeigten post-traumatische Symptome.

Dramatisch ist die Situation von Frauen, die Opfer des Menschenhandels wurden. Insbesondere in Nigeria werden Frauen von Männern angesprochen, die ihnen in Europa das Blaue vom Himmel versprechen. Auf der Fluchtroute durch Westafrika bis nach Libyen werden sie von Etappe zu Etappe weitergereicht. In Italien angekommen, landen sie in der Zwangsprostitution. „Sie werden immer jünger. Viele sind minderjährig“, berichtete Graziella Scalza von der Gruppe Pellegrino della Terra (Pilger der Erde), die betroffene Frauen berät und betreut. „Nennt sie nicht Prostituierte“, fordert Osas Egbon, „nennt sie Opfer!“ Sie stammt aus Nigeria, lebt seit 15 Jahren in Italien und hat sich zur Aufgabe gemacht, Mädchen und Frauen von der Straße holen. Osas weiß, wovon sie spricht. Sie selbst wurde Opfer von Menschenhandel und zur Prostitution gezwungen.

„Wir trafen auf Menschen wie die Karmeliterin Maria Teresa, die mit geschundenen Frauen aus Afrika eine Nähwerkstatt in Palermo betreut, wo sich Joyce aus Nigeria ein Stück menschliche Würde zurückerobert hat. Eine von ihr genähte Tasche habe ich gekauft. Sie wird mich nun in meinen Alltag begleiten und mir Kraft dafür geben, für ein Europa mit menschlichem Antlitz zu kämpfen“, erklärte Sibylle Römer zum Abschluss der Reise.

„Das ‚Europa mit menschlichem Antlitz‘ sollte die Zusammenarbeit mit Libyen und anderen mit menschrechtsverachtenden Regimen und Gruppen beenden und mutig gegen die Kriminalisierung von Menschen eintreten, die nichts anderes tun als Jesu Gebot der Nächstenliebe zu praktizieren“, meinte Pfarrerin Sabine Müller-Langsdorf vom Zentrum Oekumene, die gemeinsam mit ihrer Kollegin Paola Fabbri Lipsch und Maria Bethge von der Diakonie Hessen die Ehrenamtlichen begleitete. red

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel