Bergstraße

Ein Erfahrungsbericht Als Kind türkischer Gastarbeiter geboren fühlte sich Hakan Sahin in der Schule benachteiligt

Belächelt – und trotzdem durchgestartet

Archivartikel

Seit Jahren wird über das Thema Bildung kontrovers diskutiert. Bei der Frage, warum nur wenige Kinder aus Migrantenfamilien einen Bildungsaufstieg schaffen, scheiden sich die Geister. Während immer wieder von Betroffenen über eine Benachteiligung geklagt wird, wird dieses von einigen Soziologen und Lehrern vehement abgestritten. Es würde sich nur um Einzelfälle und nicht um ein strukturelles Problem handeln.

In diesem Text schildert ein Betroffener seine ganz persönliche Erfahrung:

Ich wurde im Jahre 1994 als drittes Kind türkischer Gastarbeiter in Heppenheim geboren. Meine Eltern sind hart arbeitende, ehrliche Menschen ohne große Schulbildung. Ich würde sie als gut integriert bezeichnen. In den ersten Jahren meiner Schullaufbahn war ich sehr verspielt und hatte keine große Lust, um zu lernen. Dementsprechend schlecht waren meine Leistungen und folgerichtig landete ich in der Hauptschule. Ab der 8. Klasse packte mich jedoch der Ehrgeiz und meine Noten wurden immer besser. Bald war ich Klassenbester und wollte über den Zwischenschritt der Realschule das Abitur erreichen.

Meine Lehrer belächelten mein Streben und lehnten meinen Wechsel zur Realschule trotz exzellenter Noten ab. Erst durch das Einschreiten meiner Familie und nach großem „Trara“ (z.B. einer Schulkonferenz) durfte ich probeweise und „auf eigene Verantwortung“ (Originalton eines Lehrers) wechseln. Auf der Realschule war ich wieder einer der Besten, wechselte später zum Gymnasium und hielt 2015 stolz mein Abiturzeugnis in den Händen. Erst nach drei Semestern Studium des Fachs Maschinenbau hatte ich meine Grenzen erreicht und brach das Studium ab. Inzwischen bin ich als Azubi bei Langnese auf einem hoffentlich erfolgreichen Weg zum Mechatroniker.

Waren meine Lehrer ausländerfeindlich? Ich glaube nicht. Dennoch fühlte ich mich benachteiligt.

Es gibt Studien, wie zum Beispiel die des Sachverständigenrats deutscher Stiftung für Integration und Migration (SVR) und des Berliner Instituts für empirische Integrations- und Migrationsforschung, die belegen, dass Lehrer sich unbewusst mit Kindern von Akademikern solidarisieren und somit Kinder aus einfachen Verhältnissen und insbesondere Kindern aus Familien mit Migrationshintergrund benachteiligen. Bin ich ein Einzelfall? Mit Sicherheit nicht. Meine eigene Schwester, viele Freunde und Bekannte haben teilweise Schlimmeres erlebt.

Für die Zukunft wäre es wichtig, dass gerade Kinder aus einfacheren Familienverhältnissen durch Förderunterricht gezielt unterstützt werden. Angesichts des demografischen Wandels wird hier viel brachliegendes Potenzial verschenkt. Auf der anderen Seite sind die Eltern gefordert, sich aktiver um den Bildungsaufstieg ihrer Kinder zu kümmern, beispielsweise im regelmäßigen Austausch mit den Lehrkräften.

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