Bergstraße

Abenteuer Bergsträßer Weltenbummler haben ihre Reise im Iran gestartet / Corona bremst Etappe aus

Bergsträßer Kamel-Expedition mit frühem Not-Stopp im Iran

Archivartikel

Bergstraße.Die Vorbereitung war lang und intensiv. Seit Anfang des Jahres sind sie unterwegs. Drei Bergsträßer Freunde, eine Idee: mit Kamelen durch fünf Länder entlang der ehemaligen Seidenstraße. Gut 7000 Kilometer vom Iran bis in die Mongolei. Die „Neuzeit-Nomaden“ – so nennen sich die Abenteurer – wollen über Aserbaidschan weiter durch Kasachstan und via China ans Ziel: kein Urlaub, sondern ein Selbsterfahrungstrip auf uralten Pfaden jenseits von Alltagsroutine und westlichem Komfort.

Ravi Jungheim, Henning Degenhardt und Benjamin Geiger haben ihre Expedition gestartet. Im August 2019 hatte diese Zeitung von dem Vorhaben berichtet. Damals standen die letzten Trainingseinheiten an. Unter anderem ein Kamelritt in Bayern, um noch mehr Gefühl für diese Tiere zu bekommen.

Am 3. Januar ist der über zweijährige Countdown abgelaufen. Mit dem Zug ging es von Augsburg in den Orient. Budapest, Bukarest, Istanbul und Teheran. In Bandar Abbas warten die Kamele. „Die letzten Tage vor der Abreise kamen uns wie Monate vor. Ständig hatten wir das Gefühl, etwas Wichtiges übersehen zu haben“, berichtet Ravi telefonisch aus dem nördlichen Iran.

Im Iran wütet das Virus

In Rascht am Kaspischen Meer, keine 100 Kilometer von der Grenze zu Aserbaidschan, wurde die Tour zum Ende der ersten Etappe ausgebremst. Im Iran wütet das Coronavirus besonders schlimm. Man spricht von rund 7000 Infizierten, die Todesfälle mehren sich. Es fehlt an Medikamenten, Masken und Fieberthermometern. Viele Bereiche des öffentlichen Lebens sind lahmgelegt. Landesweit sind Schulen und Universitäten geschlossen, große Kultur- und Sportveranstaltungen abgesagt. Flüge nach Europa sind gestrichen.

Die drei Abenteurer wollten eigentlich nach den ersten 2000 Kilometern über die Grenzstadt Astara weiter ziehen. Doch das Virus hat dafür gesorgt, dass die Grenzen dichtgemacht wurden. Im Niemandsland zwischen dem Iran und Aserbaidschan konnten die Bergsträßer, alle Ende 20, weder vor noch zurück. Die einen verweigerten die Einreise, die anderen verwiesen auf die abgelaufenen Visa.

Mit viel Glück konnten sie zurück nach Rascht, wo sie Ende Februar in einem Hostel untergebracht wurden. Mehrere Kontakte mit der deutschen Botschaft waren erfolglos. Man könne gegenwärtig aufgrund der angespannten Lage wenig tun. „Die Menschen haben Angst, hier brennt es gerade regelrecht“, so Ravi Jungheim im Gespräch mit dieser Zeitung.

Zwei Mal beinahe ausgeraubt

Die Ungewissheit nagt an den Nerven: Was, wenn sie sich infizieren? Die Krankenhäuser sind überfüllt, Behörden überfordert. In dieser beklemmenden Situation haben die erfahrenen Globetrotter sogar daran gedacht, das Land illegal zu verlassen und sich über das Wasser in die Weiten Kasachstans zu schlagen. Mit 3000 Kilometern die längste Etappe. Nomadenleben pur.

Doch auch Kasachstan hat die präventiven Maßnahmen gegen einen Ausbruch von SARS-CoV-2 im Land verschärft. Seit dem 20. Februar müssen Personen, die einreisen, mit zusätzlichen Quarantänemaßnahmen rechnen.

Auch vor dem Virus verlief der Trip nicht gerade holperlos. Am Persischen Golf erfolgt das Treffen mit der Kontaktperson Iman, der die Jungs beim Kamelkauf unterstützen will. Da die Tiere normalerweise für den Opiumschmuggel verwendet würden, seien sie für eine solche Reise bestens geeignet, hieß es. Nach einem genussreichen Abend iranischer Gastfreundschaft geht es am nächsten Morgen zu verschiedenen Kamelhändlern. Nach zwei Tagen finden sie drei gutmütige Kameldamen. Getauft werden sie auf drei Frauen, die den Neuzeit-Nomaden bei ihren Reisevorbereitungen eine große Hilfe waren: Gabi, Dagmar und Bianca.

Der Plan: Für jede Etappe sollen neue Tiere gekauft und dann wieder veräußert werden. Das Prozedere erspart Probleme mit Behörden, man umgeht Fragen vom Zoll und anderen offiziellen Stellen. „Die Leute haben uns gesagt, dass diese Opium-Region nicht ungefährlich sei“, erzählt Ravi von den ersten Meilen. Sie sollten recht behalten: Zwei Mal wäre das Trio beinahe ausgeraubt worden. Vom Zelten unter freiem Himmel hatte man ihnen ebenfalls vehement abgeraten. Mit Polizeibegleitung geht es weiter. Notgedrungen. Fünf Männer in einem Pick-up, ausgerüstet mit Maschinengewehren und kugelsicheren Westen. Marco Polo dürfte weniger stark bewaffnet gewesen sein.

Die Bürokratie frisst viel Zeit

Lästig sind die Besuche beim Veterinäramt und den Tourismus- und Visabehörden. Die Bürokratie frisst Zeit – Zeit, die man eigentlich in freier Natur verbringen wollte. 20 bis 30 Kilometer werden täglich zurückgelegt. Übernachtet wird in einer Rettungsstation.

Und es gibt Probleme mit den Kamelen. Die junge „Bibi“ reagiert immer wieder ängstlich bis panisch und wird daher zu einer Gefahr für die kleine Karawane. Sie bliebt bei Artgenossen auf einer Farm zurück. Das Gepäck muss reduziert und von drei auf zwei Lasttiere verteilt werden. Dann geht es Richtung Gebirge. Temperaturschwankungen von 20 Grad setzen Menschen und Kamelen zu. Nachts sinkt das Thermometer auf minus zehn Grad. Die Tiere sind ausgelaugt, der felsige Boden ist schwierig für sie zu gehen. Und der abgesteckte Zeitrahmen wackelt.

Aus dem Trio wird ein Duo

Also geht es zunächst mit Trucks weiter. Sieben Stunden über die Berge. Wieder nichts mit Zelten und Marschieren. Abenteuer ja, doch das erhoffte Freiheitsgefühl hält sich in Grenzen. „Das Leben draußen, die ständige Sorge um die Kamele und die Suche nach Nahrung für alle hat den Tag bestimmt“, berichtet Ravi Jungheim von den physischen und organisatorischen Herausforderungen auf der ersten Etappe.

Eine Dauerbelastung für alle Beteiligten. Der Körper musste sich erst daran gewöhnen, mit der Sonne aufzustehen und mit ihr schlafen zu gehen. Das Team ernährte sich von Malvenblättern, manchmal auch von Datteln, Orangen und Pistazien. Bei einem Sandsturm wäre beinahe das Zelt davongeflogen.

Und jetzt die Pandemie. Der Iran ist mit am stärksten betroffen. Im Gespräch mit unserer Zeitung kann es Ravi Jungheim kaum glauben, als er von Hamsterkäufen und abgesagten Großveranstaltungen erfährt.

Benjamin Geiger wird den Kurs verlassen. Aufgrund von Augenproblemen hat er sich dazu entschlossen, so bald wie möglich nach Deutschland zurückzukehren. Für Henning und Ravi geht es alleine weiter. „Hoffentlich bald und gesund“, so die Abenteurer. In einem Jahr wollen sie in der Mongolei angekommen sein. Diese Zeitung wird die Tour weiter verfolgen.

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