Bergstraße

Artenvielfalt Botanische Vereinigung legt Konzepte zum Erhalt und der Förderung der Biodiversität im Hinblick auf die kommende Biodiversitätskonferenz des Kreises vor

Botaniker-Vorschläge zu „Naturschutz 4.0“

Archivartikel

Bergstraße.Im Januar findet im Kreis Bergstraße die erste Biodiversitätskonferenz statt. Dieser in der heutigen Zeit von Insektensterben und Artenschwund immens wichtigen Veranstaltung sehen die Mitglieder der Botanischen Vereinigung (BVNH) mit großem Optimismus entgegen.

Was bedeutet BVNH?

Die Botanische Vereinigung für Naturschutz in Hessen (BVNH) befasst sich mit der wissenschaftlichen Erforschung der heimischen Pflanzenwelt als Grundlage für deren Schutz und Erhaltung. Der Verein verfolgt gemeinnützige Zwecke. Die Mitglieder arbeiten ehrenamtlich.

So werden Kartierungen durchgeführt, aber auch Exkursionen und Vorträge für alle Interessierten organisiert. Diese dienen letztendlich dazu, das Zusammenleben der verschiedenen Arten zu erforschen und zu verstehen. Das ist die Grundlage der Erkenntnisgewinnung zum Thema Biodiversität.

Wie kann man an der Bergstraße die Artenvielfalt fördern?

An der Bergstraße wohnen und arbeiten viele Menschen, viele kleine und mittlere Gewerbebetriebe sind hier beheimatet und es wird teils intensive Landwirtschaft betrieben. Dies scheint auf den ersten Blick im Widerspruch zum Ziel des Erhalts und der Förderung der Artenvielfalt zu stehen, besonders im Zusammenhang mit der Fläche, die man der Natur zur Verfügung stellt. Desen ist man sich aufgrund wissenschaftlicher Erhebungen bewusst. Der Artenrückgang, so die BVNH , könne jedoch durch entschlossene und geeignete Maßnahmen verhindert werden.

Als oberste Priorität sei es daher wichtig, wertvolle Flächen zu identifizieren und auch deren räumliche Beziehungen untereinander zu erhalten beziehungsweise wieder zu entwickeln.

Um eine wertvolle Fläche zu erkennen, gibt es bestimmte Leitarten. Meistens handelt es sich dabei um gefährdete Pflanzenarten der „Roten Liste“. Es ist zu verhindern, dass diese Arten isoliert werden – zum Beispiel, dass die Fläche um sie herum dicht bebaut wird.

Warum ist der Flächenschutz so wichtig, wenn ich nur einzelne Arten schützen möchte?

Gefährdete Arten zeigen uns eine schützenswerte Fläche an – und mit hoher Wahrscheinlichkeit gibt es dort noch weitere naturschutzfachlich wertvolle Arten. Ein Beispiel dafür ist das oft zitierte Insektensterben. Fehlen zum Beispiel die oft unscheinbaren Futterpflanzen für bestimmte Schmetterlingsraupen, gibt es die auf sie angewiesenen Schmetterlinge nicht mehr. Insekten sterben also, weil besondere Flächen ausreichender Größe fehlen oder weil Populationen zur Inzucht gezwungen sind, das heißt isoliert sind.

Wie kann Inzucht bei Arten vermieden werden?

Gerade an der dicht besiedelten Bergstraße ist es kaum möglich, große zusammenhängende Flächen unter Naturschutz zu stellen. Eine Vernetzung der einzelnen Schutzgebiete ist aber relativ einfach möglich und aus Sicht der BVNH dringend zu fordern. Geeignete kleine „Trittsteine“ oder „Korridorbiotope“ können Straßen- oder Wegränder, schonend gepflegte Böschungen, Säume oder Hecken sein. Somit können Arten zwischen den einzelnen Biotopen wandern und die Inzucht wird vermieden, der Genpool bleibt erhalten.

Wichtig ist, dass die Vernetzungsstrukturen auch günstige Habitateigenschaften für die Zielorganismen haben, betont die BVNH. Eine Hecke als Vernetzungsstruktur für Orchideen- oder Zauneidechsenpopulationen ist beispielsweise wertlos.

Positivbeispiele seien naheliegende Schutzgebiete, wie der Bensheimer Hemsberg und die Halbtrockenrasen in Bensheim-Gronau. Hier findet man reich blühende Wiesen vor. Nicht nur die interessanten Orchideen, die die genannten Flächen als besondere auszeichnen, auch viele seltene Schmetterlings- und Wildbienenarten kann man hier beobachten. Für den Schutz dieser Flächen haben sich namhafte Naturschützer des Kreises schon vor vielen Jahren stark gemacht. Dies hat sich bereits bewährt, denn die gute Pflege dieser Flächen hat erfreulicherweise dazu geführt, dass sich die seltenen Arten dort ausbreiten konnten.

Warum reicht es nicht aus, einfach Blühstreifen an Straßenrändern anzulegen?

Blühstreifen sehen schön aus – und bei geeigneter Pflanzenauswahl helfen sie auch manchen Insektenarten, die Nektar und Pollen sammeln. „Leider kann man sich den Naturschutz nicht so einfach machen“, betont die BVNH: Es sei besser, einen Straßenrand naturschutzfachlich so zu pflegen, dass sich die für den Standort geeigneten Pflanzenarten und -gesellschaften einstellen. Diese sind dem Boden und dem Mikroklima bestens angepasst, pflegeleicht und können eine Vernetzung von wichtigen Biotopen darstellen.

Dagegen mache man durch eingesäte Blühstreifen bestenfalls nichts kaputt und häufig bewirkten sie eher eine ökologische Verschlechterung. Die Pflanzen, die natürlicherweise auf die Fläche gehören, sind in der Regel, abhängig von der Bodenbeschaffenheit und vom Kleinklima, ohnehin vor Ort. Deshalb sei es besser, wenn man die Fläche – zum Beispiel den Straßenrand zur Ansaat – weitgehend sich selbst überlässt. „Möglicherweise kommen dann an mageren Böschungen sogar Orchideen zum Vorschein – natürlich nur, wenn die Pflege stimmt“, so die BVNH.

Sollten doch Saatgutmischungen ausgebracht werden, seien solche mit regionalen, einheimischen Arten zu verwenden. Die regionalen Saatmischungen beziehungsweise Blühstreifen sind nach fachlicher Auffassung der BVNH in den Gärten am besten aufgehoben, denn immerhin bieten sie für Insekten mehr Nahrung als die vielen nicht einheimischen Zierpflanzen. red

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