Bergstraße

Bildung Interview mit Rainer Kilian, bis Anfang Juli Leiter des Staatlichen Schulamts für den Kreis Bergstraße und den Odenwaldkreis, über Veränderungen in der Schullandschaft und die Pandemie

Corona – die mit Abstand größte Herausforderung

Archivartikel

Bergstraße.Im Staatlichen Schulamt Heppenheim steht ein Führungswechsel an: Der bisherige Leiter Rainer Kilian ist zum 8. Juli in den Ruhestand gegangen. Bis zur Neubesetzung der Amtsleiterstelle wird die stellvertretende Amtsleiterin und derzeit auch Gymnasialdezernentin Susann Hertz die Leitung übernehmen.

Im Gespräch mit dieser Zeitung beschreibt Rainer Kilian die größten Herausforderungen in der sich ständig entwickelnden Schullandschaft – und er geht auf die Frage ein, welche Lehren aus der Corona-Krise gezogen werden sollten.

Herr Kilian, Sie sind nach 39 Dienstjahren im Schulbereich – davon vier als Schulamtsleiter in Heppenheim – in den Ruhestand gegangen. Was hat sich in dieser Zeit in der Schullandschaft am meisten verändert?

Rainer Kilian: Der gravierendste Punkt war mit Sicherheit der Einzug der Digitalisierung in die Schulen. Ich kann mich noch erinnern, wie ich in Offenbach als Lehrer erstmals mit Schülern an Computern gearbeitet habe, das war damals in den 90er Jahren noch etwas Neues. Auch die sozialen Medien haben die Schule stark beeinflusst. Es ist für Eltern einfacher geworden, Schulämter zu kontaktieren, oder auch im Internet ihren Ärger kundzutun. Das ist einerseits ein Vorteil, aber es wird zum Teil auch missbraucht. Eine große Veränderung, die sukzessive stattgefunden hat, war der gemeinsame Unterricht. In Frankfurt gab es das schon Anfang der 90er Jahre, daraus entwickelte sich der inklusive Unterricht. Inzwischen sind wir so weit, dass er grundlegend im hessischen Schulgesetz verankert ist.

Was waren besonders große Herausforderungen in dieser Zeit?

Kilian: Eine besondere Herausforderung war sicher die große Flüchtlingswelle des Jahres 2015, sie hat alle Schulen gefordert. Ich denke, wir haben das sehr gut gemeistert. Die Kinder wurden gut aufgenommen. Das hat auch dazu geführt, dass wir einen großen Lehrerbedarf hatten. Das ist natürlich auch jetzt eine Herausforderung, dass wir durch die Ruhestände in bestimmten Bereichen einen Lehrermangel bekommen. Massive Herausforderungen waren sicher auch steigende Schülerzahlen, vor allem in Frankfurt, während sie vor allem im ländlichen Raum sanken. Das war immer ein spannendes Feld. Inzwischen hat sich das relativiert, die Schülerzahlen steigen überall. Als ich nach Heppenheim kam, war das noch ein großes Thema, da ging es darum, ob Schulen schließen müssen.

Bevor Sie nach Heppenheim kamen, waren Sie an den Schulämtern in Frankfurt und Offenbach beschäftigt. War der Wechsel nach Südhessen schwierig für Sie?

Kilian: Schwierig war es für mich nicht, sondern eher ein neuer Energieschub, aus der Großstadt in eine ländliche Region zu kommen.

Was sind die größten Unterschiede?

Kilian: In Gammelsbach, im Odenwaldkreis, gibt es die kleinste Schule Hessens, wo 2017 nur eine einzige Schülerin eingeschult wurde. So etwas kannte ich vorher noch nicht. Ein großer Unterschied ist der gute Zustand der hiesigen Schulen. Der Kreis Bergstraße hat viel in seine Schulen investiert. In den Großstädten gab es zum Teil noch großen Bedarf, was sich aber wahrscheinlich mittlerweile auch verändert hat. Ein weiterer Unterschied ist mit Sicherheit, dass wir das Problem des Lehrermangels an Grund- und Förderschulen an der Bergstraße kaum hatten. Das ist in den Ballungsgebieten anders. Viele Lehrkräfte meiden schwierige Einzugsgebiete und finden die Bergstraße, den ländlichen Raum, attraktiver.

Gilt das auch für den Odenwald?

Kilian: An einigen Schulen war das früher noch schwieriger. Mittlerweile ist die Lage aber viel entspannter. Wir hatten vor allem Bewerber an der Bergstraße. Denen konnten wir sagen: Hinter dem nächsten Hügel finden Sie auf jeden Fall eine Stelle.

Bei ihrem Amtsantritt kündigten Sie an, sich für mehr inklusive Bildung starkzumachen – Mission erfüllt?

Kilian: Ich würde schon sagen, dass wir einen großen Schritt weitergekommen sind. Mittlerweile wurden fünf inklusive Schulbündnisse gegründet, die einen hohen Gestaltungsspielraum haben. Man kann das auch an der Zahl der inklusiv beschulten Kinder sehen, die deutlich gestiegen ist. Es gibt eine ganze Reihe von Klassen, wo Kinder mit geistiger Behinderung gruppeninklusiv beschult werden.

Kritik gibt es aktuell am Bergsträßer Schulentwicklungsplan, der vorsieht, dass die Sprachheilabteilung der Schillerschule in Bürstadt an die Siegfriedschule in Heppenheim umziehen soll. Wie sehen Sie das?

Kilian: In den Vorgesprächen war ich mit dabei, das Schulamt, der Schulträger und das Kultusministerium haben das gemeinsam so beschlossen. Ich persönlich kann die Kritik überhaupt nicht nachvollziehen. Letztlich ist es eine Verbesserung für die Sprachheilabteilung, sie kriegt ein eigenes Schulgebäude und wird eigenständig. Das war vor einigen Jahren unter anderem auch eine Forderung dieser Schule. Auch die Kritik, dass die gute Arbeit, der inklusive Unterricht, zerstört wird, kann man so nicht stehenlassen. Die Sprachheilabteilung hat ja auch den Auftrag, in der Region tätig zu sein. Es ist im Schulgesetz verankert, dass Kinder inklusiv beschult werden, wenn sie und die Eltern dies wollen, dann wird es an der Grundschule beschult. Aber die Sprachheilschule an sich ist kein inklusives Angebot. Das wird immer verkannt. Ich sehe auch, dass sich die Kritik auf einen kleinen Personenkreis beschränkt.

Die Sorge, dass die Sprachheilschüler, die in Bürstadt engen Kontakt mit den anderen Schillerschülern hatten, abgeschottet werden, halten Sie für unbegründet?

Kilian: Die Sprachheilschule wird sich auch in Heppenheim den Schulhof mit einer Grundschule teilen. Letztlich ist es die Aufgabe der Lehrer, die Schüler zusammenzubringen. Die Lerninhalte der Schülergruppen unterscheiden sich ja nicht. Da gibt es ein hohes Potenzial an gemeinsamen Aktivitäten. Bayern hat die Sprachheilschulen zugunsten der inklusiven Beschulung ganz abgeschafft. Das ist ein Trend, den ich unterstützen würde, wenn ich noch länger im Dienst wäre. Ich glaube, es gibt oft solche Widerstände, wenn sich etwas massiv verändert. Das muss erstmal starten, dann wird man sehen, dass die Hauptargumente, die dagegen vorgebracht werden, nicht greifen.

Eine besondere Herausforderung hat die Corona-Krise bedeutet. Was ist bei der Bewältigung aus Ihrer Sicht gut gelaufen, wo gab es Probleme?

Kilian: Das war mit Abstand die herausforderndste Zeit, die ich je erlebt habe. Das kann man, denke ich, für alle Beteiligten sagen. Die Fragen, mit denen wir zu tun hatten, sind im Grunde vorher noch nie gestellt worden. Dadurch waren die Schulen extrem gefordert. Sie mussten von einem Tag auf den anderen eine völlig neue Form von Unterricht entwickeln. Einige Entscheidungen des Kultusministeriums kamen auch spät. Es gab sicher auch Entscheidungen, die nicht für alle nachvollziehbar waren. Man merkte auch, dass die Politik sich hier in Deutschland gegenseitig treibt. Ein Bundesland trifft eine Entscheidung, schon stehen die anderen unter Zugzwang. Die Eltern haben Druck gemacht, die Schulen zu öffnen, weil sie selbst unter Druck standen. Aber ich muss sagen, dass das die Schulen es gut bewältigt haben. Das Hauptproblem war, dass wir einen hohen Anteil an Lehrkräften hatten, die zur Risikogruppe zählten, zeitweise 40 Prozent, die zum Teil nicht für den Präsenzunterricht zur Verfügung standen.

Es gibt die Sorge, dass es wegen der vielen unterschiedlichen Herangehensweisen, was Präsenzzeiten und Video-Konferenzen im Klassenverbund angeht, zu einem Verlust der Chancengleichheit unter den Schülern kommt. Wie ist damit umzugehen?

Kilian: Der häusliche Unterricht lief einerseits sehr gut. Rückmeldungen von Eltern aus dem Odenwaldkreis zeigten, dass 50 Prozent damit sehr zufrieden waren, wie es gelaufen ist. Aber es gibt natürlich auch die andere Seite. Es gab Kinder, die wegen der fehlender technischer Voraussetzungen regelrecht verlorengegangen sind. Das darf nicht sein. Da muss es Veränderungen geben. Der häusliche Unterricht, oder auch, wie die Kontaktaufnahme der Lehrer zu den Schülern erfolgen soll, muss besser beschrieben werden. Wir hatten übrigens einige interessante Fälle: Einige Kinder, die im häuslichen Unterricht waren, tauchten nach der Wiedereröffnung nicht auf. Es stellte sich heraus, dass sie mit ihren Eltern im Ausland festsaßen. Trotzdem nahmen sie am Unterricht teil. Man wird davon ausgehen müssen, dass wir weiter Hybridunterricht haben werden. Man hat gut gesehen, an welchen Stellen wir uns weiterentwickeln müssen – etwa, was es technisch braucht. Kinder, die von zuhause aus keine technischen Möglichkeiten haben, müssen ausgestattet werden.

Im Bergsträßer Kreistag ist jüngst ein Antrag der Freien Wähler abgelehnt worden, im Schulentwicklungsplan zu vermerken, dass alle Schüler ab der vierten Klasse ein Endgerät zur Verfügung gestellt bekommen sollen. Was denken Sie darüber?

Kilian: Damit erreicht man, dass alle Kinder die technischen Voraussetzungen haben. Das allein würde aber nicht reichen. Man muss ja auch den Umgang damit erlernen. Aber ich glaube, dass sich einiges tun wird aufgrund der Ereignisse des vergangenen halben Jahres.

Von der Krise abgesehen: Was könnten in den kommenden Jahren die größten Herausforderungen für die Schulbehörden werden?

Kilian: Wir haben eine enorme Pensionierungswelle. Der Lehrkräftebedarf wird steigen, auch wegen des besagten Hybridunterrichts. Wir brauchen neue Lehrer und müssen die Zeit überbrücken, bis die alle da sind. Ein Vorteil an der Bergstraße ist, dass sie an zwei Bundesländer grenzt. Viele Lehrer kommen aus Rheinland-Pfalz oder Baden-Württemberg hier her. Die finden ja nicht alle in Heidelberg eine Anstellung. Aber die Probleme werden kommen, und sie werden alle betreffen.

Wie werden Sie ihren Ruhestand verbringen?

Kilian: Eine Weltreise war ein Thema, aber Fliegen ist in diesen Tagen schwierig, das werden meine Frau und ich nicht tun. Aber wir wollen uns E-Bikes anschaffen. Wir haben von beiden Landkreisen Fahrradkarten bekommen. Deshalb wollen wir mit den Rädern die Region erkunden.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel