Bergstraße

Abenteuer Bergsträßer Trio bricht im Dezember zu einer außergewöhnlichen Tour auf

Der Countdown läuft: Fünf Länder, vier Kamele, drei Freunde

Archivartikel

Bergstraße.Das wird keine Reise. Das wird eine Selbsterfahrung. Das Motiv: Alle Normen hinter sich lassen, den Blick am Horizont ausrichten und sich bereitmachen für ein neues Abenteuer auf uralten Pfaden. 7000 Kilometer vom Iran bis in die Mongolei. Mit Kamelen. Auf der Route der ehemaligen Seidenstraße. „Das hat so zuletzt eigentlich nur einer gemacht“, sagt Ravi Jungheim. Genau, Marco Polo. Irgendein Vorbild muss man sich ja aussuchen.

Die Seidenstraße. Eine der ältesten Handelsrouten der Welt. Lange bevor Marco Polo hier entlanggereist ist, wurde in China die kostbare Seide entdeckt. Die erste Karawane soll um das Jahr 100 vor Christus mit dem schimmernden Stoff von Chinas alter Hauptstadt Chang’an Richtung Mittelmeer gestartet sein. Ein Abenteuer. Denn die Route führte durch die riesige Takla-Makan-Sandwüste mit Temperaturunterschieden von bis zu 75 Grad. Überall lauerten Räuber und Wegelagerer.

Auf ein völlig neues Leben einlassen

Ganz so märchenhaft dramatisch dürfte es im Dezember nicht werden, wenn Ravi Jungheim (27) zusammen mit seinen Freunden Benjamin Geiger (26) und Henning Degenhardt (28) in den Iran fliegt, wo die Tour beginnen wird. Der Abflugtag steht noch nicht fest. Die Rückkehr ist einigermaßen fix terminiert: Zwei Jahre später will das Trio zurückkehren. Vollgesogen mit Eindrücken, Erlebnissen und Geschichten. „Wir wollen alle westlichen Normen und Vorstellungen zurücklassen und uns auf ein völlig neues Leben einlassen“, so der Einhäuser im Gespräch mit dieser Zeitung. Der logistische Aufwand ist enorm. Nun sucht man nach Sponsoren, die sich dafür begeistern können, eine solche Expedition in irgendeiner Form zu unterstützen.

Die „Neuzeit-Nomaden“, wie sich die drei in ihrem Reise-Blog nennen, sind Abenteurer mit Konzept. Keine blauäugigen Experimentalreisenden (okay, das gab es in der Vergangenheit durchaus ein oder zwei Mal), sondern weitsichtige Insider mit Köpfchen und einer ziemlich radikalen Herangehensweise: Alle drei Jobs werden gekündigt. Persönlicher Besitz, zumindest bei Ravi Jungheim, wird restlos abgestoßen. Materialismus im Ausverkauf. Kein Besitzdenken mehr, keine finanziellen Sicherheiten und sonstigen mentalen Ballaststoffe. Die Festplatte wird gelöscht, der Rechner im Hirn vollständig aufgeräumt. Der Schnitt zieht sich bis ins tiefste Private. „Freundin oder Kamel“, lautete die Frage, auf die es eine Antwort gab. Auch, wenn es bleischwer fiel.

Im Iran werden die Wüstenschiffe übernommen. Man kauft. Das ist einfacher. Die Tiere werden vor der nächsten Grenze verkauft und im nächsten Land durch andere ersetzt. Durch eine wechselnde Karawane erspart man sich Ärger mit Behörden und viele Fragen vom Zoll und anderen Offiziellen. Das haben die Abenteurer bereits während der vergangenen drei Jahre – so lange planen sie die Route – zur Genüge erlebt. „Ich habe beim Zollamt fünf Mal angerufen, bis die mir geglaubt haben. Man wird nicht ernst genommen, wenn man so etwas plant“, so Ravi, der in Singapur geboren ist und an der Bergstraße als Sozial- und Erlebnispädagoge arbeitet. Noch.

„Ich habe Angst vor der Monotonie des Alltags!“ Die zwei anderen sind Ingenieure. Benjamin aus Freiburg und Henning aus Bensheim. Er sucht das Abenteuer, während Ravi eher spirituelle Motive hat. Man kennt sich lange und gut. Unzählige Extremtouren in über 30 Ländern, vor allem im alpinen Bereich, haben das Trio zusammengeschweißt. Auch emotional. Kilimandscharo, Indien, Alpen. Mit dem Esel auf einen Sechstausender in Tadschikistan. Man kann sich aufeinander verlassen.

Drei Leitwölfe in einem Rudel

Dennoch wurde bei der Vorbereitung auch der psychologische Faktor berücksichtigt. Man setzt sich regelmäßig zu Feedbackrunden zusammen und bespricht Konflikte und andere Reibungsphänomene. Der Pädagoge nimmt das selbst in die Hand. Drei Leitwölfe in einem Rudel – da muss man schauen, dass es ohne Bisswunden über die Bühne geht.

Im Vorfeld der Reise wurde und wird viel bewegt. Auf einem Schweizer Kamelhof hat man sich den Tieren angenähert. Man ist mit Kamelen durch den Schwarzwald geritten, hat den kasachischen Tourismusminister in Berlin getroffen und ein Kamel-Praktikum absolviert. Der Silk Road Camel Cross, wie die Route heißt, ist das bislang dickste Ding der Freunde. Man lernt Russisch, pflegt Kontakte mit mongolischen Kamelhirten und hält sich geistig und körperlich fit.

Von plus 40 und minus 40 Grad

Extreme Bedingungen warten auf sie. Unter anderem Temperaturen von plus 40 (Kasachische Steppe) bis minus 40 Grad in der Mongolischen Wüste. Die Ausrüstung muss top sein. Zelte, Schlafsäcke, Kocher, Kleidung. Schließlich nächtigen sie immer im Freien. Maximal fünf Euro pro Tag dürfen ausgegeben werden. Minimalismus pur. „Wir werden mehrfach an Grenzen stoßen“, betont Ravi Jungheim und meint damit nicht nur die politischen. Vom Süden des Irans geht es über Aserbaidschan, Kasachstan und China bis in den Osten der Mongolei. Die Freunde orientieren sich unterwegs an ehemaligen Routen der Seidenstraße, folgen aber ihren eigenen Wegen. Daher wurde eine genaue Zeit- und Routenplanung von Beginn an verworfen.

Auch die Kontakte ins alte Leben brechen weitegehend weg. Ein Handy wird dabei sein – vor allem, um den Reiseblog zu speisen. Alle drei Tage sendet ein GPS-Signal den Standort der Tour auf die Homepage der Neuzeit-Nomaden. Die einzige Chance für die Angehörigen, zu sehen, wo ihre Leute in etwa gerade sind.

Raus aus der Routine, Träume verwirklichen, die Gefangenschaft des Alltags überwinden. Die Motive der Jungs sind verschieden, gehen aber in die gleiche Richtung. Im Einklang mit der Natur leben, nur das Nötigste dabeihaben und sich fernab von Großstädten und Luxus bewegen. „Es gibt mehr auf dieser Welt als eine 40-Stunden-Woche“, sagt Ravi, der kein Gefangener der eigenen Gesellschaft sein will. Raus aus der Komfortzone, selbstbestimmt den Kurs wählen und das System auf den Kopf stellen.

Als Nomaden, in völliger Freiheit und täglicher Autarkie mit der Natur und den Jahreszeiten leben. Metropolen meiden, Handel treiben und den Instinkten folgen. Sich neu justieren und einstellen. Auch auf sogenannte Entbehrungen, von denen sich erst noch herausstellen muss, ob sie tatsächlich welche sind. „Reichtum ist Definitionssache“, so der Mann, der sich im Blog Waschbär nennt. Die anderen sind Eule und Ziege.

Wenn sie wieder heimkehren, werden sie andere sein. Zwei Jahre sind eine lange Zeit. Die Rückkehr in die Heimat soll übrigens keine Wiedereingliederungsmaßnahme werden: Von den alten Strukturen wollen die drei am liebsten nichts mehr wissen. Sie wollen berichten und andere inspirieren, Grenzen zu überschreiten und Neues zu wagen. Mit Vorträgen, Filmen und Reiseberichten.

Die nächsten Trips sind geplant

Danach sind bereits die nächsten Trips geplant: mit Rentieren und Schlitten durch Lappland oder über den Mekong von der Quelle bis zum südchinesischen Meer. „Ich will später nicht bereuen, etwas nicht getan zu haben“, so Ravi Jungheim, der im vergangenen Jahr beinahe nicht mehr von einer Reise zurückgekommen wäre. Er verirrt sich im kolumbianischen Dschungel (allein), wo sich nachts die Stechmücken über ihn hermachen. Am nächsten Tag hat er Muskelkrämpfe, Schüttelfrost und hohes Fieber. Von einem Busch-Lazarett wird es ins Heidelberger Tropeninstitut ausgeflogen. Die Erstdiagnose Malaria war falsch. Er war an Dengue-Fieber erkrankt. Es dauerte Wochen, bis er wieder auf dem Damm war. Er überlebt. Und träumt weiter von Kamelen.

Ravi Jungheim und seine Freunde werden auf ihrem Blog berichten und – wenn sich die Gelegenheit ergibt – den Lesern dieser Zeitung von ihren Abenteuern erzählen.

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