Bergstraße

Bildung Seit gestern lernen die Jungen und Mädchen von der ersten bis zur vierten Klasse wieder vor Ort / In Lorsch und Bensheim Gronau ist der Schulalltag „gut angelaufen“

Der Regelbetrieb in den hessischen Grundschulen ist „ein Tanz auf dem Seil“

Archivartikel

Bergstraße.Schon von weitem hört man lautes Stimmengewirr und Gelächter. Fast wirkt es ein bisschen unwirklich, wenn man so viele Kinder auf dem Hof der Wingertsbergschule in Lorsch beim Ballspielen, Toben und am Klettergerüst turnen sieht. Doch nicht nur hier, an allen Grundschulen in Hessen war gestern der Startschuss für die Öffnung im Regelbetrieb.

„Bei uns hat heute alles ganz gut geklappt“, berichtet Schulleiter Hans Neumann wenige Stunden, nachdem die Kinder wieder alle an die Schule zurückgekehrt sind. „Wir sind von unserem normalen Zeitplan allerdings komplett abgewichen.“ Morgens seien ab 7.45 Uhr die Klassenräume offen, damit die Kinder gleich in die Klasse können. Momentan gebe es außerdem Jahrgangspausen, bei der jede Klasse ihren Bereich auf dem Pausenhof zugeteilt bekommt. Mehrere Aufsichtspersonen haben dabei ein Auge auf die Kinder. Die ersten beiden Jahrgangsstufen dürfen einmal auf den Hof, die dritten und vierten Klassen seien allerdings länger in der Schule und haben daher eine zweite Hofpause. Beim Spielen draußen sei es aber kaum möglich, immer Abstand zu den Klassenkameraden zu halten. „Dazu muss man auch sagen, dass die Kinder selbst nicht verstehen können, wieso sie zum Beispiel in der Pause nicht mit Schülern aus der Parallelklasse spielen, sich nach der Schule aber treffen dürfen.“ Ähnlich sei es mit der Frage, warum sie beim Einkaufen eine Maske tragen, in der Schule aber nicht.

Inzwischen sei es bei ihnen auch so, dass nicht immer nur ein Kind zur Toilette darf. „Wir haben es jetzt so geregelt, dass drei Mädchen und drei Jungs jeweils gleichzeitig auf Toilette dürfen“, denn dann gehe es von der Kabinen-Anzahl her so auf, dass jeweils eine Kabine zwischendrin frei bleibe. „Außerdem ist unser Seifen- und Papierverbrauch an der Schule exorbitant gestiegen“, berichtet Neumann und lacht. Ein Zeichen dafür, dass sich auch alle regelmäßig die Hände waschen.

Wenige sind im Homeschooling

Dennoch seien am ersten Tag nicht alle in der Schule. „Etwa zehn Prozent unserer insgesamt rund 500 Schüler werden zu Hause geschult, erhalten Aufgaben per E-Mail oder über Video-Konferenzen“, so der Schulleiter. Denn trotz Unterricht im Regelbetrieb besteht die Möglichkeit, das Kind vorerst nicht in die Schule zu schicken und stattdessen weiterhin daheim mit ihm zu lernen – eine Option, die ein Teil der Eltern wahrnimmt. Dabei sei allerdings schwierig, wie ein solcher Fall notiert wird, denn das betreffende Kind sei zwar nicht krank, aber dennoch nicht vor Ort, so Neumann.

„Man merkt einfach, dass die Kinder so froh sind wieder hier zu sein und ihre Freunde zu sehen“, erzählt der Schulleiter. „Ich habe größten Respekt vor all den Eltern, die die vergangenen Wochen trotz Homeoffice mit ihren Kindern gemeistert haben.“ Dennoch sei es nicht wie in der Schule – denn gerade der persönliche soziale Kontakt zu ihren Klassenkameraden habe in dieser Zeit gefehlt. „Man merkt auch, dass die Schere in dieser Zeit noch weiter auseinandergegangen ist“, so der Schulleiter, allerdings haben viele der Kinder auch einen Schub in der Selbstständigkeit gemacht.

„Die Öffnung im Regelbetrieb ist ein Tanz auf dem Seil“, so der Schulleiter auf die Frage, wie er zum Neustart mit allen Schülern vor Ort stehe. Einerseits stehe der Kreis in Bezug auf die Corona-Fallzahlen relativ gut da, andererseits sei er sich dessen bewusst, dass einige Familien mit Bauchschmerzen zu Hause sitzen. „Wir sind sehr froh, dass die Eltern so reagiert haben und die Entscheidung mittragen.“ Es sei ein Schritt in Richtung Normalität, gerade auch im Hinblick auf die Verabschiedung der vierten Klassen. Wie und wo genau die Einschulung der neuen Erstklässler stattfinden wird, das sei noch nicht klar, eine Option sei jedoch die Turnhalle. „Wir haben zwar einige Freiheiten, müssen aber schauen, wie wir alles organisieren.“

Freunde haben besonders gefehlt

Auch in der Märkerwaldschule im Bensheimer Stadtteil Gronau ist der Unterricht wieder im Regelbetrieb gestartet – mit allen 68 Schülern. Hier sitzen die Jungen und Mädchen konzentriert im Klassensaal und arbeiten. Gerade steht Mathe auf dem Programm. Ein ganz normaler Schultag – nur, dass sich Schüler und Lehrer an die Corona-Hygienemaßnahmen wie verstärktes Händewaschen halten und eine Einbahnstraße durch die Grundschule führt. Raus geht es inzwischen über die Feuertreppe auf der Rückseite des Schulgebäudes, wie Schulleiterin Dagmar Hirschberg erklärt. „Die Eltern haben entspannt reagiert und vertrauen uns“, so Hirschberg. „Wir sind wirklich dankbar dafür, mit wie viel Kraft und Organisationspower sie die vergangenen Wochen durchgezogen haben – unsere absolute Hochachtung.“ Auch im Kollegium habe alles gut geklappt, angefangen vom Zuschicken des Materials bis hin zum Kontakt zu den Kindern über Video-Konferenzen. „Es war für uns alle eine kräftezehrende Zeit.“ Ihre Klasse habe sie gefragt, was besonders schön für die Kinder ist – jetzt, da sie wieder alle an der Schule sind. „Dass wir unsere Freunde wieder sehen“, sei eine der meist genannten Antworten gewesen. Ganz mussten sie darauf zum Glück auch in den vergangenen Wochen nicht verzichten: „Manchmal haben wir Lehrer uns auch schon etwas früher auf der Videokonferenz verabschiedet, damit die Kinder noch unter sich sprechen konnten“, so die Schulleiterin. Aber auch Video-Konferenzen, in denen die Lehrer oder auch die Schüler einander vorgelesen haben, seien sehr gut bei den Kindern angekommen.

Jetzt im Unterricht merke sie, dass die Kinder teilweise unsicher sind, wie sie sich verhalten sollen. Das liege an der Inkonsequenz, dass die Schüler in der Schule nur mit Klassenkameraden treffen dürfen, die Regel nach Schulschluss allerdings nicht mehr gelte. „Auch wenn es nur zwei Wochen bis zu den Sommerferien sind – für die Kinder lohnt es sich.“ Außerdem sei so auch die Verabschiedung der Viertklässler möglich, die diesmal mit Beiträgen von Schülern und Lehrern und der ein oder anderen Überraschung auf dem Schulhof stattfinden soll.

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