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Musik im Park Tom Jones bringt vor 3000 Zuschauern in Schwetzingen enorme Entertainer-Qualitäten mit seinen musikalischen Wurzeln auf einen Nenner

Der „Tiger von Wales“ zeigt sich unverwüstlich

Noch vor zwei Wochen musste der 78-Jährige wegen einer Infektion ins Krankenhaus und mehrere Konzerte absagen. Jetzt folgt Sir Tom Jones mit federnden Boxerschritten der Band auf die Open-Air-Bühne von Musik im Park. Lässig nimmt er die lautstark im Stehen dargebrachten Ovationen der 3000 Zuschauer entgegen, blickt sich in der Kulisse um und sagt: „Sehr schön ist es hier. Wie geht’s Euch? Ist es heiß genug?“ Das Vorgeplänkel kann nicht darüber hinwegtäuschen: Der Tiger von Wales ist auf dem Sprung. Und hat trotz der Hitze große Lust, jeden Zweifel an seinem Gesundheitszustand wegzufegen.

Von Beginn an zeigt er sich gesanglich in Hochform und interpretiert mit der Raffinesse eines altgedienten Blues-Liebhabers Hochenergie-Versionen von John Lee Hookers „Burning Hell“ und den spirituellen Klassiker „Run On“, mit dem so unterschiedliche Künstler wie Johnny Cash oder der DJ Moby Hits hatten. Seine unverkennbare, tieftönende Stimmdynamik steht dabei total im Mittelpunkt, da er sich anfangs ganz puristisch nur von Schlagzeug, Gitarre und später Bass begleiten lässt.

Jones mag der Älteste des Legenden-Trios sein, das die Musik-im-Park-Macher 2018 mit John Baez (77), Van Morrison (72) und eben Jones zusammengestellt haben. Aber er hat die körperlich stärkste Livepräsenz, das unterhaltsamste Programm mit relativ opulenter Bühnenshow inklusive bis zu neun Musikern und das Publikum mit dem niedrigsten Altersdurchschnitt. Das verdankt sich seinem gigantischen Comeback um die Jahrtausendwende mit Mousse Ts „Sex Bomb“.

Aus dieser Phase stammt auch seine druckvolle Version des Three-Dog-Night-Hits „Mama Told Me Not To Come“, bei der Jones wie nebenbei auch im Bigband-artigen Kontext gegen drei Bläser souverän besteht. Mit „Did Trouble Me“ folgt eine nachdenkliche Ballade über den Sinn von Gottes Prüfungen. Überhaupt setzt der 2016 nach 59 Ehejahren verwitwete Ex-Las-Vegas-Entertainer erstaunlich stark auf das Material seiner jüngsten drei Platten. Darauf pflegt er – genau wie Altersgenossen vom Kaliber Bob Dylans, Neil Diamonds oder des verstorbenen Joe Cockers puristisch seine musikalischen Wurzeln und setzt im Stil von Johnny Cashs Endphase auf Songs, die große Fragen stellen. Das Motto ist klar: Wenn sich Platten eh kaum noch verkaufen, dann produziert man ohne Rücksicht auf Zielgruppen besser die Musik, die einem selbst wirklich Spaß macht.

Die Fans sind zum großen Teil natürlich nicht gekommen, um Tom Jones als nachdenklichen Bluesrocker zu erleben. Aber sie lassen sich von seinem neuen Material gern in den Bann ziehen, zumal er es eindrucksvoll, sehr eigenständig und mit spürbar viel Herzblut interpretiert. Allen voran Blind Willie Johnsons „Soul Of A Man“ und Leonard Cohens „Tower Of Song“, das man fast für autobiografisch halten könnte. Aber auch die obligatorischen Coverversionen räumen ab – vor allem der Soul-Klassiker „Cry To Me“ und „Rock Around The Clock“, das Jones 1956 zur Musik gebracht hat, wie er launig erzählt.

Für „Dock Of The Bay“ und „Ring Of Fire“ holt er seine walisischen Landsleute Taylor Jones sowie Dane Lloyd alias Into The Ark auf die Bühne, seine Schützlinge als Coach der aktuellen Staffel der britischen Castingshow „The Voice UK“. Die hatten sich im Vorprogramm ordentlich geschlagen. Im direkten Vergleich zum Charakterorgan des Tigers klingen sie aber wie kleine Pop-Hauskätzchen.

Stichwort Spaß: Jones hat sichtlich Freude daran, seine ganz großen Hits mit Bedacht aus dem Las-Vegas-/ „Fernsehgarten“-Kontext zu lösen und sie stilistisch aufzupeppen: „Sex Bomb“ beginnt fast unkenntlich mit einer Gary-Moore-Gitarre und verändert sich von der Sprechgesangsballade zur Swing-Partynummer. Die verzerrte Gitarre macht aus „Delilah“ beinahe Alternative Rock. „Green, Green Grass Of Home“ bekommt Country-Sound: Tuba und Akkordeon machen aus „What’s New Pussycat“ einen Jahrmarktswalzer. Schließlich pendelt „It’s Not Unusual“ zwischen Funk und Samba. Die Menge mag’s, tanzt und singt selig mit. Mit viel Stil („Gute Nacht und Gott segne Euch“) verabschiedet sich der Weltstar und verspricht ein Wiedersehen. Klar, denn der Tiger ist offensichtlich unverwüstlich.

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