Bergstraße

Waldwirtschaft Die Zahl weiblicher Inhaberinnen von Jagdscheinen im Kreis Bergstraße steigt seit einigen Jahren / Der BA hat zwei von ihnen begleitet

Der tödliche Schuss fällt nie leicht

Bergstraße.Für kurze Zeit wird die Idylle im Wald bei Zell durchbrochen. „Hopp, Hopp, Hopp“, schallt es mit hohen und tiefen Stimmen zwischen den Bäumen, unterbrochen von „Hossa, Hossa“-Rufen und dem Bellen der Hunde, als die Gruppe von Jägern in orangefarbener Warnkleidung durch das mit gefallenen Blättern bedeckte Gehölz stapft. Der Lärm soll die Wildschweine aufscheuchen, die sie in dem Wald vermuten, und sie vor die Flinten der Schützen treiben, die sich an fest vorgegeben Stellen postiert haben – den sogenannten Standschützen.

Zu der lauten Gruppe gehören auch Lina Held aus Biblis und Melina Miedtke aus Hüttenthal, beides seit Jahren „Waidfrauen“ mit Leib und Seele. „Mich reizt vor allem die Arbeit in der Natur. Für mich ist die Jagd auch nicht einfach nur Totschießen“, sagt Miedtke. Die 17-jährige Schülerin geht auf die Pirsch, seit sie denken kann – so wie viele Mitglieder ihrer Familie.

Lernen, die Natur zu verstehen

„Mir hilft die Jagd, die Erde zu verstehen. Außerdem ist es ein guter Ausgleich zum Beruf, stundenlang vom Hochsitz aus die Natur zu beobachten“, sagt die 23-jährige Held. Wenn sie nicht auf der Jagd ist, arbeitet sie im Controlling eines Lebensmittelunternehmens.

83 von 967 Inhabern von Jagdscheinen an der Bergstraße sind Frauen, wie das Landratsamt in Heppenheim auf BA-Nachfrage mitteilt (Stand: Oktober 2017). Das entspricht zwar nur 8,6 Prozent. Ein Blick auf die zurückliegenden Jahre zeigt aber, dass die Tendenz steigt: 2014 lag der Frauenanteil noch bei 7,8 Prozent, seitdem nahm er jedes Jahr ein kleines Stück zu.

„Die Jagd ist schon lange keine reine Männerdomäne mehr“, sagt Udo Pfeil, Vorsitzender des Bergsträßer Jagdklubs St. Hubertus. Es zeige sich sogar, dass Frauen im Schnitt besser schießen. „Es ist ja ein Trend, dass viele Leute wissen wollen, wo ihre Lebensmittel herkommen. Ich glaube, dass das auch damit zu tun hat“, ergänzt Melina Miedtke. „Dass Rollenbild von Mann und Frau hat sich verändert“, nennt Lina Held einen weiteren möglichen Grund für die neue weibliche Jagdlust. In früheren Zeiten wäre keine Frau auf die Idee gekommen, zur Jagd zu gehen, ist sie überzeugt.

Im Wald bei Zell dröhnen die ersten Schüsse aus den Flinten der Jäger – allerdings nicht dort, wo Held und Miedtke unterwegs sind, sondern auf der anderen Seite des Areals. Dort machen andere Treiber den Wald für die Wildschweine unsicher. Die beiden Gruppen bewegen sich aufeinander zu, so dass der Raum für die Wildschweine zwischen ihnen immer enger wird. „Wir sind an der falschen Stelle“, sagt Held zu einem ihrer Jagdgenossen. Ida, ihrer Jagdhündin, wird es allmählich langweilig. Mehrmals stöbert sie Rehe auf, die panikartig davon hechten. Auf die haben es die Jäger heute aber nicht abgesehen. „Pfui, Reh“, ruft Held dem Terrier-Weibchen zu, bis es schließlich ein Einsehen hat.

Bei der Jagd in Zell ist es auch verboten, Sauen mit Frischlingen zu erlegen. Überhaupt sei das Töten nur ein ganz kleiner Teil des Jäger-Daseins, sagt Pfeil: „Im Vordergrund steht das Naturerlebnis.“ Er und seine Kollegen sehen sich vor allem als Umweltschützer. „Die Wildschweinpopulation nimmt überhand und ist auch nicht natürlich“, gibt er zu bedenken. Grund für ihre immer größere Zahl sei, dass sie immer leichter Nahrung fänden: „Eine Sau hat früher einmal pro Jahr geworfen, jetzt sind es oft zwei Mal.“ Außerdem gehe es beim Fleisch um ein wertvolles Lebensmittel.

Bei der Jagd gibt es strenge Abschusslisten, die darin festgelegte Zahl an erlegten Tieren darf nicht überschritten werden. So oder so: Die beiden Jägerinnen tun sich schwer damit, abzudrücken. „Wenn einem das Töten leichtfällt, sollte man aufhören“, sagt Miedtke. Held kann sich noch gut an das erste Reh erinnern, das sie zur Strecke brachte. „Ich brauchte nach dem Schuss erstmal 15 Minuten, um vom Hochsitz aufzustehen. Dann bin ich zu dem toten Tier hin und stand noch eine Viertelstunde wie versteinert da und hab’ auch geweint“, beschreibt sie diesen Tag.

Viel gegenseitiger Respekt

Nach etwa eineinhalb Stunden im Wald machen sich die Treiber wieder auf den Rückweg zu ihrem Ausgangspunkt, dem Zeller Sportplatz. Nach einer kurzen Pause soll es am Nachmittag weitergehen. „Ich glaube, dass Frauen bei der Jagd passionierter sind als Männer. Das könnte daran liegen, dass sie eher glauben, sich beweisen zu müssen“, sagt Held. Manchmal sei sie auf ihre männlichen Kollegen angewiesen, etwa wenn es darum gehe, einen schweren Tierkadaver zu bergen. In jedem Fall herrsche in der Jagdzunft viel gegenseitiger Respekt, unabhängig vom Geschlecht. „Viele männliche Jäger bewundern mich sogar dafür, dass ich das mitmache“, sagt Miedtke.

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