Bergstraße

Johanniter Rettungsdienstleiter Matthias Kastner erwartet Zuspitzung der Corona-Lage / Engpass bei Schutzausrüstung

„Die Einsatzzahlen steigen“

Archivartikel

Viernheim.Das Robert-Koch-Institut sieht einen positiven Trend in der Corona-Statistik. Und die Bundespolitik diskutiert bereits über eine Lockerung der Ausgangsbeschränkungen. Beim Regionalverband Bergstraße-Pfalz der Johanniter-Unfall-Hilfe (JUH) hingegen ist von Entspannung nichts zu spüren. Im Gegenteil: „Die Einsatzzahlen steigen“, sagt Rettungsdienstleiter Matthias Kastner mit Blick auf die Viruserkrankungen.

Zu Beginn der Krise sei es noch ruhig gewesen. Mittlerweile aber stehe rund ein Drittel der Aktivitäten der 13 Wachbereiche im Kreis Bergstraße mit Covid-19 in Verbindung. Die Viernheimer Johanniter registrierten durchschnittlich vier Einsätze dieser Art pro Tag. „Tendenz steigend.“ Dabei handele es sich entweder um Verdachtsfälle oder um Patienten, die schon positiv getestet sind und mit starken Symptomen ins Krankenhaus gebracht werden müssen. Kastner geht davon aus, dass sich die Situation im Gesundheitssystem weiter verschärfen wird. „Wir sind erst am Anfang, die Spitze haben wir noch lange nicht erreicht.“ Der 34-jährige Rettungsdienstleiter hält es sogar für wahrscheinlich, dass das Land Hessen oder der Kreis – wie in Bayern bereits geschehen – noch den Katastrophenfall ausrufen wird. Die Katastrophenschutzzüge kommen zum Einsatz, wenn der Rettungsdienst mit den professionellen sowie zusätzlichen ehrenamtlichen Kräften an seine Grenzen stößt und Gefahr für die Gesamtbevölkerung besteht.

Fiebermessen mit langem Arm

Noch ist es aber nicht so weit: Sehr umsichtig – und immer mit Mundschutz – nähern sich die Sanitäter dem jeweiligen Patienten. „Der Kontakt wird auf ein Minimum reduziert“, erklärt Kastner. Liegen bei dem Betroffenen klassische Symptome – wie etwa Husten – vor, wird zunächst mit ausgestrecktem Arm die Körpertemperatur gemessen. Der Rettungsdienst entscheide dann, was im nächsten Schritt zu tun ist. Gegebenenfalls legen die Einsatzkräfte eine zusätzliche Ausrüstung mit Brille und Overall an, die sie zum Schutz vor Keimen generell dabei haben. „Auch der Patient bekommt dann einen Mundschutz“, berichtet Matthias Kastner. Besonderes Augenmerk legen auch die Johanniter zurzeit auf die Sicherheit ihrer älteren Mitarbeiter. Grundsätzlich aber gelte: „Während des Dienstes sind wir besser geschützt als privat im Supermarkt.“

Der Rettungswagen ist in der momentanen Ausnahmesituation wie sonst auch mit einem Notfallsanitäter besetzt, der nach Angaben des Experten „eigenständig heilkundliche Maßnahmen ergreifen“ darf. Die zweite Person im Fahrzeug habe mindestens den Grad eines Rettungssanitäters. Häufig fahre noch ein Auszubildender mit. „In besonders schweren Fällen, oder wenn der Notfallsanitäter mit seinem Latein am Ende ist“, wird laut Kastner der Notarzt gerufen. „Ist ein Mensch bewusstlos, rückt er automatisch aus.“

Auch die Johanniter haben mit Lieferengpässen zu kämpfen. Da alle medizinischen Einrichtungen bei Ausbruch der Pandemie ihren Bedarf an Schutzausrüstung angepasst hätten, gebe es keine Lagerbestände mehr, sagt Kastner. „Deutschland ist leer gekauft.“ Zwar werde jetzt vermehrt vor Ort produziert, außerdem liefere China wieder Material. Aber das brauche alles seine Zeit und reiche bei Weitem nicht aus.

Mit den aktuellen Beständen schätzt die Viernheimer JUH-Einheit, zweieinhalb bis drei Wochen auszukommen. Gleichzeitig hofft sie auf Nachlieferungen – selbst wenn es sich dabei nur um Kleinstmengen handele, so Kastner. „Der Kreis Bergstraße ist bemüht, uns Ressourcen zu vermitteln“, sagt er. „Wir bestellen aber selbst.“

Immerhin hat der Rettungsdienstleiter in den aktuellen Krisenzeiten auch eine positive Entwicklung festgestellt: Die Zahl der Einsätze wegen „Bagatellsachen“ – etwa, wenn jemand seinen Hausarzt nicht erreichen konnte – sei zuletzt deutlich zurückgegangen. Die Arbeit sei auch deshalb noch gut zu bewältigen, sagt Matthias Kastner. Aber er geht davon aus, dass das Coronavirus die Kollegen in den kommenden Wochen und Monaten deutlich mehr fordern wird als bisher. „Wir geben jetzt erst richtig Gas.“ /sm

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