Bergstraße

Ein Erfahrungsbericht Madeleine Hanel würde sich immer wieder für eine technische Ausbildung entscheiden

Die Zeiten, in denen es reine Männerberufe gab, sind vorbei

Laut Deutscher Industrie- und Handelskammer begannen im Jahr 2018 gerade einmal 2015 Frauen in Deutschland eine Ausbildung zum Mechatroniker – insgesamt starteten 28 309 Azubis in den besagten Beruf. Der Frauenanteil beträgt also gerade einmal 7,12 Prozent. Besonders auffällig ist das in der Berufsschule, wenn sich ein bis drei Frauen einen Platz im Klassenzimmer zwischen 15 bis 20 Männern suchen.

Warum Frauen in der Technik eine Minderheit sind, setzt sich meiner Erfahrung nach aus mehreren Faktoren zusammen. Einer der Hauptgründe ist das klassische Rollenbild von Mann und Frau. Man denkt beinahe automatisch an einen Mann, wenn es um Technik geht. Sehr amüsant ist in diesem Fall dann auch der „Wow-Effekt“, wenn man als Frau erzählt, dass man einen technischen Beruf erlernt beziehungsweise ausübt. Ein weiterer Grund für den geringen Frauenanteil in technischen Berufen ist die Anforderung an den Arbeitsplatz: Ein Betrieb muss beispielsweise Damenumkleiden und Damentoiletten zur Verfügung stellen. Dies ist in manchen Betrieben einfach noch nicht gegeben.

Auch Betriebsklima, Arbeitsumfeld und die Arbeit selbst schrecken viele Frauen noch ab. Klar ist, dass der meistens etwas rauere, direkte Umgang miteinander nicht für jede Frau etwas ist. Ebenso kommt es aber genauso auf den Betrieb an, welche Umgangsformen vorgelebt werden. Dennoch entscheiden sich tendenziell immer mehr Frauen für einen technischen Beruf. Das sieht man deutlich Zuwachszahlen der zurückliegenden Jahre.

Ich selber habe vor gut zwei Jahren meine Ausbildung zur Mechatronikerin begonnen, die dreieinhalb Jahre dauert. Zu Beginn meiner Ausbildung habe ich mich in der Berufsschule mit meinen zwei Klassenkameradinnen unterhalten. Wir tauschten uns über die Berufswahl und auch darüber aus, warum es ausgerechnet der Beruf Mechatronikerin wurde. Wir hatten alle sehr ähnliche Antworten – der Tenor: Wir arbeiten gerne handwerklich.

Nach zwei Jahren Ausbildung sehe ich den Beruf anders als zu Beginn. Es geht nicht nur ums Schrauben oder Verkabeln. Es geht auch viel um technisches Verständnis, Analyse von Abläufen, Ordnung und Dokumentation und hauptsächlich um Reparatur und Instandhaltung. Auch in Sachen Teamarbeit und selbstbewusstem Auftreten habe ich sehr viel in der Ausbildung gelernt.

Ich persönlich finde es erstaunlich, was junge Leute für Möglichkeiten in der Ausbildung geboten bekommen. Sich technisch, aber auch geistig weiterzuentwickeln, das macht mit jedem weiteren Ausbildungsjahr mehr Spaß. Mit meinen drei männlichen Kollegen aus meinem Jahrgang wird die Zusammenarbeit auch immer effektiver. Wir können einander inzwischen besser einschätzen und dementsprechend unsere Stärken gut nutzen, um Schwächen auszugleichen. Ich denke, einen großen Verdienst hat unser Ausbilder Norbert Klein daran geleistet. Er hat immer darauf geachtet, dass ich als Mechatronikerin nicht in der Männerwelt untergehe und mich nicht übernehme. Es gibt für mich körperliche Grenzen, das bedeutet aber nicht, dass mich das ausbremsen muss – es sind einfach nur andere Herangehensweisen nötig. Dies ermöglicht mir aber auch manche Dinge aus einem anderen Blickwinkel zu sehen, ganz neugierig und unvoreingenommen Fragen zu stellen und Aufgaben zu bewältigen.

Insgesamt kann ich nur jede Frau ermutigen, eine technische Ausbildung anzufangen. Es ist eine großartige Chance, um über sich selbst hinaus zu wachsen und auch der Männerwelt zu zeigen, dass Frauen ebenso gute Technikerinnen werden können wie Männer.

Auch den Unternehmen kann ich weibliche Azubis nur empfehlen, da sie sich positiv auf das Arbeitsklima auswirken und auch den ein oder anderen Denkanstoß in Gang setzen.

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