Bergstraße

Bildung Experte Josef Kraus spricht in Darmstadt über seine Vorstellungen für Deutschland und fordert hohe Standards

„Download-Wissen“ reicht nicht aus

Archivartikel

Darmstadt/Bergstraße.Josef Kraus (Bild) kommt gerne nach Hessen. Zu dem Bundesland hat er eine besondere Beziehung, seit er 1995 als Schatten-Kultusminister des CDU-Spitzenkandidaten Manfred Kanther in den hessischen Wahlkampf zog. Familie Kraus war seinerzeit auf den Wechsel vom niederbayrischen Ergolding nach Wiesbaden eingestellt, seinem Sohn hatte er für den Fall des Wahlsiegs und des Umzugs in die Landeshauptstadt bereits ein besonders hochwertiges Mountainbike versprochen. „Zwei Prozent haben uns damals gefehlt“, erinnerte sich Kraus bei seiner jüngsten Rückkehr in das Land, in dem er fast einmal Kultusminister geworden wäre.

Aber auch ohne den Ministerjob ist der heute 68-Jährige bundesweit dauerpräsent in der Bildungsdebatte, als Experte und vor allem als Kritiker der deutschen Bildungslandschaft. Und in der hessischen Bildungspolitik mischt der ehemalige Schulleiter eines Gymnasiums und langjährige Vorsitzende des Deutschen Lehrerverbandes ebenfalls mit: Kraus ist Mitglied der Enquete-Kommission „Bildung“ des Hessischen Landtags.

Qualität statt Quote

Auf Einladung des Arbeitskreises SchuleWirtschaft Südhessen warf Kraus im Rahmen des jährlichen Jahresgesprächs im Haus der Wirtschaft in Darmstadt unter dem Titel „Qualität statt Quote – Welche Bildung brauchen wir?“ einen kritischen Blick auf den Stand der (Bildungs-)Dinge an deutschen Schulen.

Im Trachten-Janker platzierte der ehemalige Hammerwerfer seine kräftige Statur am Rednerpult, das er zumeist mit beiden Händen umfasst hielt, und legte mit bayrischem Spracheinschlag und spitzer Zunge los. Angesichts der starken Ökonomie im Land könne niemand bezweifeln, dass alles bestens sei in der Bildungsrepublik, begann er seine Reise durch das deutsche Schulsystem. Oder gibt es doch Zweifler? „Ich bin dieser Niemand, der zweifelt“, sagte Kraus. „Wir leben derzeit noch von der Substanz.“

Der Experte listete die Sünden der Bildungspolitik, die stets nur von Wahlperiode zu Wahlperiode gedacht werde, der letzten Jahre auf: Egalitarismus (Herstellung von Gleichheit), Utilitarismus (rein zweckorientierte, ökonomisierte Bildung), Machbarkeitswahn, Quotenwahn und Empirismus (Pisa) seien die bestimmenden Größen auf dem Gebiet der Bildung. Gefangen zwischen diesen Elementen sei der Standard an allgemeinbildenden Schulen in den letzten Jahren deutlich gesunken.

Trotz der stetig steigenden Zahl der Abiturienten, die auf der anderen Seite des Bildungsspektrums, der beruflichen Bildung, zu einem Mangel an Fachkräften führe. Der Wert des Abiturs nähere sich inzwischen einer Art Beliebigkeit: „Abiturienten erwerben mit der Hochschulreife zwar die formale Studienberechtigung, allerdings nicht automatisch die Studienbefähigung. Diese Zeugnisse sind ungedeckte Schecks.“

Kraus’ Lieblingsbeispiel für das abnehmende Bildungsniveau in der Republik ist Berlin. Das verdeutlichte er unter anderem mithilfe einer Rechenaufgabe für Oberstufen in der Bundeshauptstadt. „Das war früher dritte Klasse Grundschule“, erklärte er und merkte mit Blick auf Berlin polemisch an: „Doof, aber sexy.“ Kraus plädiert dafür, wieder das Leistungsprinzip in den Vordergrund von allgemeinbildenden Schulen zu stellen. Er ist für die Förderung von Eliten, die auf allen Sektoren benötigt würden.

Masochistische Neurose

„Just-in-Time-„ und „Download-Wissen“ lehnt er ab. Die Ausrichtung des Bildungssystems auf Pisa („Die masochistische Neurose der Bildungsnation“) liefere nur ein verengtes Bild von Bildung und sei deshalb falsch. Ein breites „übernützliches, unvergängliches Wissen“ in allen Bereichen diene als Basis für Kreativität und Kompetenz. Einheitliche, hohe, von der Kultusministerkonferenz vereinbarte Standards bei Lern- und Prüfungsinhalten hält Josef Kraus für nötig. Er fordert eine breit angelegte Bildungsinitiative, die von Investitionen in verschiedene Richtungen begleitet werden müsse.

Die Schulgebäude im Land müssten saniert, die Zahl der Lehrkräfte deutlich erhöht werden. Zudem sei es notwendig, eine Erziehungsoffensive in den Elternhäusern zu starten. Um einerseits zu verhindern, dass der Erziehungsauftrag nicht in noch größerem Maß an den Staat delegiert wird. Und um andererseits überbehüteten Kindern mehr Freiräume zu ermöglichen: „Wir können unseren Kindern mehr zumuten, aber vor allem auch mehr zutrauen.“

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