Bergstraße

Woche junger Schauspieler II Absolventen der Kunstuniversität Graz zeigten das Stück „Malade oder woanders ist auch noch“

Ein Theaterstück, das unter die Haut geht

Archivartikel

Woher kommt der „Alltags-Hass“? Und kann man ihn noch verhindern? Mit Nebelmaschine, Konfettikanonen und dröhnender Musik wie „Je suis malade“ von Lara Fabian warf das Stück „Malade oder woanders ist auch noch“ diese Fragen im Bensheimer Parktheater auf.

Die Inszenierung von Rebekka David, Frieder Langenberger und Mario Lopatta im Rahmen der Woche junger Schauspieler ging den Zuschauern unter die Haut. Sie durchlief im ununterbrochenen Dialog mit dem Publikum verschiedenste Perspektiven existenzieller Fragen und zog gekonnt einen gesellschaftlichen Querschnitt.

Zuschauer bleiben ratlos zurück

In dieser Abschlussarbeit der beiden Absolventen der Kunstuniversität Graz zeigte sich die kollektive Zusammenarbeit im 80-minütigen Stück besonders am mitreißenden Spiel. Ein geradezu graziler Tanz zu zeitgenössischer Musik stand im ständigen Wechsel zu den Unwohlbekundungen und dem Hass der dargestellten Figuren, welche erst leise und dann aber exzessiv laut zu sprechen begannen.

Während in dem Buch von Virginie Despentes „Das Leben des Vernon Subutex“, auf dem das Stück basiert, jede Figur getrennt voneinander dargestellt wird, übergehen die Schauspieler diese Trennung in ihrer Inszenierung, und die dargestellten Charaktere gehen auf der Bühne nahtlos ineinander über. Dabei folgt das Stück keiner kohärenten Abfolge von Handlungen, wodurch oft Verwirrung darüber bleibt, welcher Menschentypus gerade dargestellt wird. Ein Motiv stach dabei deutlich heraus: „Es muss was Neues her“ – das waren die Gedanken, die vom Investmentbanker, dem arbeitslosen Familienvater bis hin zur armen Großmutter gleichermaßen geäußert wurden. Vulgäre Schimpftiraden oder radikale Forderungen wie „Revolution! Ich würd gern Blut sehen“, lösten im Publikum vorübergehend Schockstarre aus. Trotzdem enthielt das Stück mit Aussagen wie „Nichts ist richtig. Einmal nichts bitte“ auch einen ironischen Unterton. Dabei schafften es die Akteure, eine publikumsnahe Atmosphäre zu erzeugen, ohne sich zynisch „durchzuwitzeln“. Dennoch stach in der Inszenierung auch die eigene Ratlosigkeit hervor.

Die Bühne war Ort des Spiels und der Verwandlung zugleich, welche durch den flotten Kostümwechsel vor den Augen des Publikums stattfand. Zum Schluss wurden alle möglichen Kleidungsstücke übereinander angezogen, was auch im Publikum für einige Lacher sorgte. Das eher schlicht gehaltene Bühnenbild bestand aus einer Kleiderstange mit verschiedenen Kostümen, um die schnellen Rollenwechsel zu ermöglichen; zwei Klappstühle an der hinteren Wand und zwei Mikrofone im Vordergrund ergänzten den Bühnenraum. Das Licht erzeugte teils gegensätzliche Wirkungen. Der Wechsel von kaltweißem Scheinwerferlicht auf der Bühne zu warmen Gelbtönen im Publikumsraum zeigte dabei die Vielschichtigkeit der Eindrücke.

Süffisant und überzeugend

Das Stück jedoch enthält auch Schwachstellen. So zum Beispiel wurden Investmentbanker eher stereotyp als Personen gezeichnet, die über der Gesellschaft thronen und sich über Menschen mit geringerem sozialem Status amüsieren.

Sie erzählen von Nächten an der Bar, an der sie von den Angestellten daran erinnert werden möchten, wie gut es ihnen geht und wie lebenswert ihr Leben doch sei. Ob dies tatsächlich eine realistische Bestandsaufnahme dieser Charaktere ist, bleibt dabei fraglich. Die Dramaturgie des Stücks stach in dieser Inszenierung hervor.

Beide Schauspieler gaben im Nachgespräch süffisant zu, ihre eigenen Dramaturgen gewesen zu sein. Das wirkte sich besonders positiv auf die schauspielerische Leistung der beiden aus, die trotz der schnellen Wechsel ihre Figuren überzeugend darstellten.

Reihe vorzeitig abgebrochen

Man könnte meinen, dass diese dichte Abfolge von Szenen einen Spannungsbogen verhinderte – das Gegenteil war der Fall. Die Inszenierung verdeutlichte gerade dadurch sehr überzeugend allgegenwärtige Probleme in der Gesellschaft, die das Publikum nicht unberührt ließen.

Weitere Rezensionen zur Woche junger Schauspieler werden nicht folgen, da die Veranstaltungsreihe Coronabedingt vorzeitig abgesagt wurde. Nicolle Weber und Lana Hechler AKG Bensheim

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