Bergstraße

Wegzeichen Wie der Ellenbogen in Zeiten der Corona-Pandemie seine Bedeutung verändert

Eine neue Form der Begrüßung

Archivartikel

Ellenbogen gehören zum Menschen – jede und jeder besitzt sie. Sie sind die Gelenke, die den Oberarmknochen mit den beiden Unterarmknochen Elle und Speiche verbinden. Nur durch sie schaffen wir es, Unterarme zu beugen oder zu strecken. Und sie machen es möglich, diese zu drehen und wenden. Das schafft zunächst Freiheit und Flexibilität. Wer seine Ellbogen nach außen streckt, der macht seinen Körper und damit sich selbst breit. So wirkt der Mensch stark.

Die Ellbogen einmal „ausgefahren“ und damit die Arme zum Körper angewinkelt, zeigt anderen an: „Ich greife an. An mir kommst du nicht vorbei“. Selten kommt Gutes dabei heraus; fair geht es dabei nur selten zu. „Gebraucht“ eine Person den Ellenbogen, tut sie dies, um sich durchzusetzen oder sich einen Vorteil zu verschaffen. Ellenbogen sind spitz und der damit hervortretende Knochen ist hart.

Wer einen ausgefahrenen Ellbogen zu spüren bekommt, der spürt Schmerz. Wir sprechen von einer „Ellbogengesellschaft“, wenn viele Menschen versuchen, sich breit zu machen und sich durchzusetzen. Der Begriff entstand erst in den 80er Jahren. In einer solch verrohten Gesellschaft denkt jeder rücksichtslos nur an sich.

Das Glück und die Zufriedenheit der anderen Menschen bleiben außer Acht. Mit einer Ellbogenmentalität kommt der Mensch, erst recht eine Gemeinschaft nicht weit.

Es gibt viele, die sich in Krisensituationen mit ihren Ellenbogen durchsetzen. Das gilt gerade dann, wenn es etwas zu gewinnen gibt, das den Schwächeren oder zu spät Gekommenen dann verwehrt bleibt. Wir kennen viele solcher Situationen. Menschen strecken ihre Ellbogen an Bus und Bahn aus, wenn um wenig freie Sitzplätze gekämpft werden muss. Oder im Supermarkt, wenn es gilt, ein Schnäppchen zu erhaschen. Zurzeit werden Ellenbogen ausgestreckt, wenn letztlich auch nur um die letzten Packungen Nudeln oder Klopapier in den Regalen gekämpft wird. Ellbogen zeigen plötzlich auch eine andere Seite.

Innerhalb der aktuellen Corona-Krise wird nicht nur in den gebeugten Arm genießt, die Haltung zählt plötzlich auch zur Willkommens-Kultur. Anstatt sich mit angewinkelten Armen zu behaupten, wird sich so plötzlich begrüßt.

Eine zarte und kurz Berührung der Gelenke zeigt an, „Ich mag dich“ oder „Du bist mir wichtig“, anstatt wie bisher „Ich bin der Stärkere“ und „Verschwinde!“.

Vielleicht wandelt sich so allmählich auch der Begriff „Ellbogengesellschaft“: Anstatt sich durchzusetzen könnte es plötzlich gelten, Glück und die Zufriedenheit aller zu suchen und das eigene Handeln danach auszurichten. Da würde das Großmachen mit angewinkelten Armen plötzlich eine andere Bedeutung erhalten und Sinnbild für etwas anderes werden: einer wahren Größe des Menschen.

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