Bergstraße

Interview Schüler des Goethe-Gymnasiums Bensheim im Gespräch mit Wim Roukens, ehrenamtlicher Radbeauftragter des Kreises Bergstraße

Einstein erfand auf dem Rad die Relativitätstheorie

Herr Roukens, was genau ist ihre Aufgabe beim Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club (ADFC)?

Wim Roukens: Im ADFC bin ich ein klassisches Mitglied. Meine spezielle Funktion ist die des ehrenamtlichen Radbeauftragten des Kreis Bergstraße. Meine Themen sind alle Themen rund ums Fahrrad. Ich berate auf Wunsch beim Ausbau von Radwegen oder wenn es um Fragen der Sicherheit oder um die Organisation von Aktionen geht. Wir planen beispielsweise mit Kommunen deren Radwege und geben Tipps, wo genau es sich lohnt, Radwege anzulegen und wo man besonders aufpassen muss. Wenn Radwege geplant, neu angelegt oder verbessert werden, geht es vor allem um die Sicherheit. Sicherheit ist das allerwichtigste, denn wenn Leute sich sicher fühlen, dann nehmen sie auch das Rad. Wenn sie sich nicht sicher fühlen, dann lassen sie es stehen und fahren mit dem Auto. Radfahren ist natürlich nicht nur gut für die Umwelt. Fahrradfahrer haben viele Vorteile: Sie sind weniger krank, sie sind fitter und sie sind viel schneller, vor allem in der Stadt bei kurzen Strecken unter fünf Kilometern. Wenn mehr Fahrradverkehr in der Stadt ist, ist es natürlich auch für die Atmosphäre schöner.

Fahren sie hauptsächlich Fahrrad oder Auto?

Roukens: Ich fahre hauptsächlich Fahrrad. Mein Auto nutze ich ganz selten. Mein Auto ist fast 20 Jahre alt. Wir fahren wenig mit dem Auto. Das wesentliche mit dem Rad. Ich war ja früher auch Lehrer und bin dann mit dem Rad zur Schule gefahren. Auf dem Hinweg kann man nachdenken. Und auf dem Heimweg kann man abschalten.

Haben Sie bereits Erfahrungen mit Ablenkungen im Straßenverkehr gemacht, z.B. damit, dass viele Musik hören oder beim Fahrradfahren am Handy sind?

Roukens: Also da kann ich wirklich nur dringend darauf hinweisen, dass das unbedingt nicht gemacht werden soll. Denn es ist gar nicht die Frage, ob irgendwas passiert, sondern eher, wie viel passiert. Da kommen regelmäßig junge Leute ums Leben. Die haben zum Beispiel Kopfhörer auf und hören nicht einmal den Zug kommen. Es sind jedes Jahr einige Leute, die zu Tode kommen wegen allen möglichen Ablenkungen: Kopfhörer, Handy... Insofern kann man also wirklich nur dringend raten, das nicht zu machen. Man soll einfach die Freiheit genießen. Da gibt es einen schönen Spruch von Einstein, der im Gespräch gefragt wurde, wie er denn auf die Relativitätstheorie gekommen sei. Und er sagte tatsächlich: „Die Relativitätstheorie ist mir eingefallen, als ich mit dem Fahrrad unterwegs war.“ Man hat den Kopf frei, man kann sich das ein oder andere denken und die Umwelt genießen.

Gibt es spezielle Maßnahmen gegen Ablenkungen vom ADFC?

Roukens: Wir können nur auf die Gefahren hinweisen und sagen, macht das lieber nicht. Wir sind ja nur ein Verein und keine Polizei. Wir arbeiten zwar oft bei bestimmten Aktionen, wie zum Beispiel vor kurzem bei dem Projekt „Abstand halten“, mit der Polizei zusammen. Letztendlich können wir aber nur sagen: „Hör mal, das ist gefährlich, wenn du das machst, und du gefährdest sowohl andere als auch dich selbst“. Wir können zwar auf die Gefahren hinweisen, aber ansonsten haben wir keine Befugnisse. Das wäre auch nicht richtig. Ich denke, die Leute sollten merken, dass sie für sich selbst verantwortlich sind. Ein ganz großes Problem sind zum Beispiel Jugendliche, die abends ohne Licht fahren. Der ADFC macht auch immer an den Schulen Lichtaktionen im Winter. Die Schüler müssen dann, wenn sie ohne Licht angehalten werden, einen Zettel ausfüllen mit Name, Klasse, Klassenlehrer und dann nachher zeigen, dass sie ihr Licht repariert oder nachgerüstet haben. Die Polizei unterstützt uns dabei und führt solche Kontrollen jetzt auch vermehrt selbst durch.

Glauben Sie, es ist egal, ob man als Fahrradfahrer oder Spaziergänger Musik hört? Was ist gefährlicher?

Roukens: Ich denke, vor allem als Fahrradfahrer ist es gefährlich. Man ist abgelenkt und das ist wie ein Sekundenschlaf, in diesem Moment ist man quasi blind. Wenn man Musik hört und sich nicht konzentriert, ist die Reaktion viel langsamer. Man hört seine Musik und bis man dann ein Geräusch wahrnimmt, das Gefahr bedeutet, ist man schon wieder 10 Meter weitergefahren. Das heißt, die Reaktion kommt viel zu spät. Man kann nur ganz dringend davor warnen, das zu machen. Man kann natürlich irgendwo rausfahren mit dem Fahrrad, in die Natur, sich dann dort ausruhen und da dann Musik hören, das kann man auch machen.

Was halten sie vom Thema E-Bikes im Straßenverkehr? Welche Gefahren sehen Sie?

Roukens: Das ist ein ganz vielseitiges Thema. Es gibt Leute, die nicht mehr so fit sind und sagen, mit dem E-Bike geht es. Andererseits ist es für Leute, die selten Fahrrad gefahren sind und dann mit dem E-Bike anfangen, gefährlich. Das Abschätzen der Geschwindigkeit ist ein großes Problem. Ich habe das selbst am Bodensee erlebt. Da sind zwei E-Bikes frontal zusammengestoßen und einer ist dabei gestorben. Er hatte eine schwere Kopfverletzung. Beide wollten überholen auf einem Fahrradweg, der nicht sehr breit war. Beide dachten, sie schaffen es, haben normale Fahrradfahrer überholt und sind dann zusammengestoßen. Da war ich Zeuge. Die Fahrradwege haben ja nur eine bestimmte Breite. Bisher sind nur die Fahrradfahrer darauf gefahren und jetzt kommen die E-Bikes und vielleicht sogar die E-Roller noch dazu. Der Platz wird immer enger und das bringt Gefahren mit sich. Die Wege müssen auf jeden Fall breiter gemacht werden. Da gibt es viele Probleme, über die man noch gar nicht nachgedacht hat.

Ziehen Sie bitte ein Fazit?

Roukens: Insgesamt kennen viel zu wenige Schülerinnen und Schüler die Gefahren des Straßenverkehrs. Viel zu viele benutzen Kopfhörer, sind am Handy oder werden im Straßenverkehr anders abgelenkt. Dadurch, dass extrem viele Leute auf den schmalen Radwegen in Deutschland diesen Problemen ausgesetzt sind, lassen sie das Rad stehen, um kein Sicherheitsrisiko einzugehen. Das ist schlecht für die Umwelt und verursacht weitere Probleme mit Straßen voller Autos, Bussen und Motorrädern. Deswegen sollte man mehr Zeit und Geld in die Planung von Radwegen und insgesamt umweltschützenden Verkehrsmitteln stecken, damit diese auch in Zukunft unsere Welt verschönern.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel