Bergstraße

Artenvielfalt Für Gerhardt Eppler, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Hessen, ist es ein gutes Zeichen, dass man die bunten Gewächse im Kreis häufig findet

Flechten – ein Anzeichen für gute Luft

Bergstraße.Ob im Wald auf Ästen und Zweigen, auf Steinen, Ziegeln oder Mauern – an vielen Orten in der Region kann man inzwischen wieder Flechten entdecken. Doch das war nicht immer so, erklärt Gerhard Eppler, Landesvorsitzender des Naturschutzbundes Hessen (NABU) aus Heppenheim. Im Gespräch mit dieser Zeitung erklärt er, wieso man die bunten Gewächse wieder häufiger in der Natur entdecken kann und warum das ein gutes Zeichen ist.

Flechten sind Doppelorganismen aus einem Pilz und einer Alge. Ihren Wasser- und Nährstoffbedarf decken sie – anders als Blütenpflanzen über Wurzeln – über direkte Aufnahme aus der Luft. „In aller Regel wachsen sie sehr langsam“, berichtet Eppler. Deswegen könnten sie sich auch nicht gegen Pflanzen durchsetzen, die sie überwuchern und so an der Photosynthese hindern.

Kleine Überlebenskünstler

Besonders gut wachsen Flechten dort, wo es feucht ist und sie keine Konkurrenz haben – „auf Mauern oder Bäumen zum Beispiel“, so Eppler. „Dabei sind Flechten durchaus resistent“, erklärt der Landesvorsitzende. „Sie können sogar austrocknen und beim nächsten Regen erwachen sie dann wieder zum Leben.“ In ihnen tummeln sich kleine Organismen, sie bieten Nahrung für Insekten und Schnecken. Außerdem sammeln Vögel Flechten als Material für ihre Nester.

Dass Flechten Parasiten seien und beispielsweise Bäume angreifen, auf denen sie wachsen, sei übrigens ein Irrtum: „Flechten können sogar als Erstbesiedler auf blankem Sandboden wachsen“, erklärt der Landesvorsitzende.

Auch wenn sich der ein oder andere Bergsträßer darüber ärgert, dass er die Gartenmauer oder den Lattenzaun um sein Grundstück abschrubben muss, sei das kein schlechtes Zeichen. Denn die Flechten, so Eppler, reagieren sehr empfindlich auf Luftverschmutzung.

Sogar in Ballungszentren zu finden

Daher habe ihnen der erhöhte Schwefeldioxidgehalt in der Luft, durch das massive Verbrennen von Kohle und Öl, Jahrzehnte lang geschadet: „Sie haben den sauren Regen nicht vertragen“, berichtet Eppler. Noch vor 20 Jahren hatten die empfindlichen Flechten daher in vielen Regionen kaum eine Überlebenschance. Doch der Schwefeldioxidausstoß konnte durch Katalysatoren und Rauchgasentschwefelung deutlich gesenkt werden. Deswegen seien heute sogar in Ballungszentren wieder Flechten auf den Bäumen zu finden. „Und dass man sie jetzt wieder häufiger entdecken kann, ist ein gutes Zeichen. Dort, wo viele Flechten wachsen, ist die Luft besonders gut“, berichtet Eppler. Immer häufiger könne man an der Bergstraße beispielsweise Gelbflechten entdecken. Sie fallen durch ihre orangegelbe Färbung auf und sind in der Bundesrepublik weit verbreitet.

Dass es auch an der Bergstraße wieder mehrere Arten von Flechten gibt, trage daher auch zur Biodiversität des Kreises bei. Für Deutschland sind nach Informationen des Naturschutzbundes etwa 1700 verschiedene Flechtenarten bekannt, von denen über die Hälfte mehr oder minder stark im Bestand gefährdet ist – unter anderem durch Luftschadstoffe aus Verbrennungsprozessen in der Industrie und im Verkehr.

Eingesetzt in der Homöopathie

Baumbesiedelnde Flechten werden daher auch als kostengünstige Bioindikatoren für Luftschadstoffbelastungen eingesetzt – als lebende Messgeräte. „Manche Flechten kommen zum Beispiel auch häufiger bei Modelleisenbahn-Landschaften als Material für kleine Bäume und Büsche zum Einsatz“, weiß der Heppenheimer.

Die älteste Verwendung von Flechten ist die als Nahrungsmittel. In Notzeiten kochten Menschen die Gewächse oder verwendeten sie als Mehlzusatz.

Seit dem Altertum werden Flechten außerdem als Heilmittel genutzt und finden noch heute in der Homöopathie Verwendung. Das Isländische Moos (Cetraria islandica) findet man beispielsweise auch in Hustenmitteln.

Zum Thema
Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel