Bergstraße

Für die WELTHUNGERHILFE: Ein Bergsträßer im Libanon

Archivartikel

Lennart Lehmann, in Rimbach aufgewachsen, arbeitet seit 2014 bei der Welthungerhilfe. In deren Auftrag koordiniert er – gemeinsam mit lokalen Partnerorganisationen – vor Ort Hilfsprojekte in der Krisenregion. Zunächst standen dabei die riesigen Flüchtlingscamps in Syrien, aber auch in der Türkei und im Libanon im Fokus. Seit Oktober ist Lennart Lehmann jetzt in Beirut. Dort betreut er Projekte zur Unterstützung der libanesischen Landwirte im Osten des Landes. Eine Aufgabe, die nur auf den ersten Blick nichts mit seiner vorherigen Tätigkeit in Syrien zu tun hat.

Denn in dieser Grenzregion stürzt der Krieg im Nachbarland die Bauernfamilien in existenzielle Nöte. Fruchtbare Böden liegen plötzlich mitten in einem Sperrgebiet, Wasserläufe, die dringend für die Bewässerung gebraucht würden, sind abgeschnitten, der Zugang zu Saatgut und Arbeitsmaterial, das beides zu großen Teilen aus Syrien bezogen wird, ist bestenfalls erschwert, schlimmstenfalls unmöglich.

Auch der Absatzmarkt fehlt

„Unsere Aufgabe ist, es den noch existierenden landwirtschaftlichen Betrieben zu ermöglichen, diese Zeit zu überleben“, beschreibt es Lennart Lehmann. Dies geschieht durch materielle Güter wie Gewächshäuser, Bewässerungsanlagen oder Saatgut, aber auch durch Beratungen und Fortbildungen. Aber selbst wenn der Anbau gelingt, fehlt der Absatzmarkt. Der Landweg in die Golfstaaten, zuvor zuverlässige Abnehmer von Produkten aus dem Libanon, ist zu. Vielen kleinen Landwirten bereitet bereits der Transport ihrer Produkte zu den lokalen Märkten Probleme – auch hier arbeitet die Welthungerhilfe an Verbesserungen der Infrastruktur. Aber auch der Binnenmarkt leidet: „Viele Menschen können sich die Ware nicht mehr leisten“, berichtet der 48-Jährige.

Denn auch der Libanon selbst hat derzeit akute Probleme. Seit Oktober beeinträchtigen Demonstrationen und Streiks das öffentliche Leben. Die Menschen wehren sich gegen Kostenerhöhungen und Korruption in der Politik. Internationale Kredite sind nie an den Stellen angekommen, für die sie gedacht waren, so der Vorwurf. Jetzt sollen die Bürger die leeren Staatskassen wieder füllen.

Proteste mit Folgen

„Eine Steuer auf WhatsApp-Gespräche hat das Fass zum Überlaufen gebracht“, berichtet Lennart Lehmann. Inzwischen ist Premierminister Saad Hariri zwar zurückgetreten, die Proteste dauern aber an. Denn auch in seinen – gerade erst vom Parlament gewählten – Nachfolger Hassan Diab haben die Menschen kein Vertrauen. Sie hoffen auf eine völlig neue Regierung. „Es ist ein Land im Wartezustand“, beschreibt es Lennart Lehmann.

Die Demonstrationen seien „friedlich, kreativ und fantasievoll“, hat er beobachtet. Dennoch führen sie die Wirtschaft des Landes an den Abgrund. Menschen haben ihre Arbeit verloren und das libanesische Pfund hat auf dem Schwarzmarkt gegenüber dem US-Dollar fast ein Drittel seines Wertes verloren. „Der Anteil der Menschen im Libanon, die unter der Armutsgrenze leben, könnte laut Studien in dieser Zeit von einem Drittel auf über die Hälfte steigen“, berichtet Lehmann.

Eine Art anerkannte Zweitwährung im Libanon ist der US-Dollar. Er spielt für die Wirtschaft des Landes auch deshalb eine wichtige Rolle, weil die zahlreichen Importfirmen damit ihre Geschäfte abwickeln. Der Devisenmangel bringt diese für den Libanon sehr bedeutende Branche ins Schlingern. Die Banken geben keine Dollar mehr aus, aber mit dem schwachen Pfund können sich die Menschen kaum noch etwas leisten.

Das hat naturgemäß auch Auswirkungen auf die Landwirte, die der ehemalige Rimbacher mit seinen Partnern unterstützt. Für Saatgut werden horrende Schwarzmarktpreise aufgerufen und die Produkte, die noch angebaut werden können, finden immer weniger Abnehmer. „Natürlich haben uns die landesweiten Blockaden von Verkehrswegen auch direkt beeinträchtigt“, erklärt Lehmann. Erschwerte Transportbedingungen sind aber vergleichsweise das geringste Übel.

Angesichts dieser innenpolitischen Krise gerät die Situation der syrischen Flüchtlinge im Libanon aus dem öffentlichen Fokus. Und das, obwohl circa ein Viertel der Menschen in dem Land Geflüchtete sind. „Für die ist die Lage durch die Proteste natürlich nicht besser geworden“, beschreibt es Lehmann.

Bereits vor Beginn der Demonstrationen und Streiks hätten sich diverse politische Gruppen im Libanon gegen die Flüchtlinge in Stellung gebracht und deren Rückkehr nach Syrien gefordert. Eine Diskussion, die gewisse Kreise ja auch gerne in Deutschland ins Rollen bringen würden.

„Ihr Leben ist bedroht“

Dazu trifft Lennart Lehmann eine klare Aussage: „Syrien ist überhaupt nicht sicher, die Geflüchteten können noch nicht zurück – dafür gibt es einige Gründe.“ Sagt er und zählt auf: drohende Zwangsrekrutierungen durch das Militär und eine nach wie vor unsichere Lage, auch in den Gebieten, die vorgeblich unter Kontrolle des Assad-Regimes sind. „Dort gibt es immer wieder Schießereien und Explosionen“, berichtet Lehmann. Und dann ist da noch ein ganz wesentlicher Aspekt: Viele der Syrerinnen und Syrer waren vor ihrer Flucht in der Opposition aktiv und haben gegen das Regime gearbeitet oder protestiert. Ihre Namen stehen auf Fahndungslisten, ihnen drohen bei einer Rückkehr Verhaftung und Folter. „Ihr Leben ist bedroht“, so der ehemalige Rimbacher. Zumal die Lage vor Ort zeigt, dass die Amnestieversprechen Assads gegenüber sich in einen Waffenstillstand fügenden, regionalen Gruppen nicht eingehalten werden.

„Die wirtschaftliche Situation in Syrien ist desolat, Lebensgrundlagen sind zerstört“, listet Lennart Lehmann weiter auf. Eine Aussicht auf das Ende des politischen Patts, mit dem eine gezielte Aufbauhilfe der internationalen Gemeinschaft beginnen könnte, sieht er derzeit nicht. Bis es wieder „ein Syrien gibt, in dem jeder leben kann“, ist es noch ein weiter Weg - auch für die humanitären Helfer vor Ort, wie Lennart Lehmann von der Welthungerhilfe.

Weitere Informationen zur Welthungerhilfe finden Sie hier.

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