Bergstraße

Lebensmüde Smartphones machen aus Teenagern Zombies, nämlich teilnahmslose Fußgänger oder Radfahrer

Gefährliche Teilnehmer im Straßenverkehr: „Smombies“

Jeder kennt sie: Teenager, die für nichts anderes Augen haben als ihre Smartphones. Im Straßenverkehr könnten sich diese sogenannten „Smombies“ jedoch in ernsthafte Schwierigkeiten bringen.

Der umgangssprachliche Ausdruck „Smombie“ ist eine Zusammensetzung aus den Worten „Smartphone“ und „Zombie“ und beschreibt Personen, die quasi in Trance, auf den kleinen Bildschirm starrend, herumlaufen und ihr Umfeld kaum oder gar nicht wahrnehmen. So kann es schnell passieren, dass „Smombies“ unvorsichtig Straßen überqueren oder ihrer Sucht nach dem Smartphone sogar auf dem Fahrrad nachgehen. Eine europaweite Studie belegt, dass von 14 000 erfassten Fußgängern fast 17 Prozent ihre Smartphones im Straßenverkehr und auf der Straße benutzen. Die Dunkelziffer ist sicher noch etwas höher.

Die rechtliche Lage

Während Fußgänger, die im Straßenverkehr das Handy benutzen, lediglich im Falle eines Unfalls strafrechtlich belangt werden, müssen Fahrradfahrer, die ihr Smartphone verwenden, mit einer Geldstrafe von mindestens 55 Euro rechnen. Bei Autofahrern sind es 100 Euro und ein Punkt in Flensburg. Führt die Unaufmerksamkeit zu einem Unfall, sind die Strafen entsprechend höher. Damit kommen unaufmerksame Autofahrer in Deutschland noch relativ günstig davon, während Autofahrer in anderen europäischen Ländern deutlich tiefer in die Tasche greifen müssen. So kostet eine Fahrt mit dem Handy in Italien, vorausgesetzt man wird erwischt, 165 Euro, in Estland sogar 400 Euro€.

Generell gilt sowohl für Autofahrer als auch für Fahrradfahrer die Vorschrift, immer aufmerksam zu sein und beide Hände frei zu haben, um in Notfällen schnell genug reagieren zu können. So können zwei Sekunden Unaufmerksamkeit bei Tempo 30 bereits zu einem Blindflug von 16 Metern führen, was fast vier Wagenlängen entspricht. Bei Tempo 50 sind es sogar 28 Meter, also circa sieben Wagenlängen, die im Ernstfall über Tod oder Leben entscheiden. Das Schreiben einer SMS oder lesen einer WhatsApp-Nachricht dauert jedoch – ob auf dem Fahrrad oder im Auto – meist deutlich länger.

Erlaubt, aber...

Eine weitere Ablenkung, die vor allem junge Leute betrifft, stellt das Tragen von Kopfhörern im Straßenverkehr dar. Grundsätzlich ist sowohl das Tragen von Kopfhörern beim Autofahren als auch das Telefonieren mit Kopfhörern rechtlich erlaubt, jedoch sollte jeder Fahrer laut Straßenverkehrsordnung für ein freies Gehör sorgen. Wenn ein Autofahrer mit Kopfhörern einen Unfall verursacht, der eindeutig auf dessen fehlende Aufmerksamkeit zurückzuführen ist, kann dies jedoch teuer werden. Dasselbe gilt für Fußgänger und Radfahrer, die sich vor allem durch das Tragen sogenannter Over-Ear-Kopfhörer, die die Ohrmuschel vollständig abdecken, völlig isolieren und nichts mehr von den akustischen Signalen des Straßenverkehrs mitbekommen.

Während das Tragen von Kopfhörern grundsätzlich dem Ermessen des Verkehrsteilnehmers obliegt, sieht das Gesetz in Bezug auf die Smartphone Nutzung eine eindeutige Regelung vor. Seit 2017 ist neben dem Telefonieren mit dem Handy am Ohr nun auch die Nutzung anderer Funktionen des Mobiltelefons, wie beispielsweise das Schreiben von Textnachrichten oder das Ablesen von Informationen auf dem Display, untersagt. Dieselbe Regelung gilt für andere elektronische Geräte wie Navigationsgeräte, Diktiergeräte, E-Books oder Tablets.

Betroffene Fahrrad- oder Autofahrer, die das Gesetz ignorieren, gefährden durch ihr Verhalten nicht nur sich selbst, sondern auch andere Menschen. Besonders gefährlich kann die Ablenkung am Steuer durch Lkw-Fahrer, vor allem am Stauende, werden. Deshalb schreibt der Gesetzgeber seit einiger Zeit eine Ausrüstung der Lkw mit automatischen Notbremsassistenten vor. Diese drosseln jedoch lediglich die Geschwindigkeit der Fahrzeuge, ohne diese vollständig zum Stehen zu bringen. Auch können die Notbremsassistenten manuell durch den Fahrer abgeschaltet werden.

Trotz der offensichtlichen Gefahren und der eindeutigen Sachlage kann bisher jedoch noch von keinem Umdenken der Verkehrsteilnehmer gesprochen werden. Laut Statistiken benutzt immer noch jeder zweite Autofahrer sein Handy ohne Freisprechanlage und jeder sechste schreibt Nachrichten am Steuer. Eine Online-Umfrage des Automobilclubs Mobil Deutschland und vom TÜV Süd kommt sogar zu dem Ergebnis, dass mehr als drei Viertel der Befragten (77,1 Prozent) das Smartphone beim Fahren nutzen. Fast ein Drittel (28,9 Prozent) gab zu, deshalb schon mal in eine gefährliche Situation geraten zu sein.

Und die Goethe-Schüler ?

Eine Umfrage am Bensheimer Goethe Gymnasium kommt zu ähnlichen Ergebnissen. 66 Prozent der befragten Schülerinnen und Schüler der 7., 8. und 9. Klassen gaben an, das Handy regelmäßig als aktiver Teilnehmer im Straßenverkehr zu nutzen. 28 Prozent der Befragten erzählten, deshalb schon einmal in eine brenzlige Situation geraten zu sein. Da die Umfrage nicht anonym durchgeführt wurde, ist davon auszugehen, dass die Dunkelziffer sogar etwas höher anzusiedeln ist.

Trotz dieser erschreckenden Zahlen scheint das Bewusstsein für die Gefahr, der man sich durch die Nutzung des Smartphones und anderer elektronischer Geräte im Straßenverkehr aussetzt, bei den meisten Schülerinnen und Schülern durchaus vorhanden zu sein. Der Oberstufenschüler Juri Mäncher erzählt: „Ich höre jeden Tag auf dem Nachhauseweg Musik. Um auf das Handy zu schauen, halte ich an.“ Juri glaubt zwar nicht, dass er sich durch das Musikhören auf dem Fahrrad in eine gefährliche Situation begibt, räumt jedoch ein: „Over-Ear-Kopfhörer würde ich nie benutzen, das ist mir zu gefährlich!“

Samuel Koob, ebenfalls aus der Oberstufe, ist ähnlicher Meinung: „Ich höre auch Musik beim Fahrradfahren auf dem Schulweg. Ich fahre die meiste Zeit im Feld, da ist das kein Problem. In der Stadt mit dem ganzen Verkehr ist das schon gefährlicher.“

Mearic Araci aus der 7. Klasse ist hier noch etwas konsequenter: „Ich benutze mein Handy nicht beim Laufen oder Fahrradfahren, weil ich mich dabei ablenken lassen würde“.

Ihre Klassenkameradin Cara Schwerdt gibt hingegen zu: „Manchmal bin ich beim Fahrradfahren am Handy, weil ich etwas nachgucken muss, zum Beispiel, ob ich eine Nachricht von einer Freundin bekommen habe. Ich weiß, dass das eigentlich gefährlich ist“.

Da die Ablenkung durch verschiedene Medien als Fußgänger, beim Fahrrad- und Autofahren ein aktuelles Thema ist – besonders bei der heutigen Jugend, bei der Kopfhörer und Smartphone längst zur Grundausstattung gehören – gibt es Maßnahmen unterschiedlicher Natur, die alle eines gemeinsam haben: sie wollen den abgelenkten Verkehrsteilnehmer zum Umdenken bewegen.

Die Kampagne „Tipp tipp tot“ des Deutschen Verkehrssicherheitsrats (DVR) sieht zu diesem Zweck Autobahnplakate mit schockierenden Schicksalen vor, die den Autofahrern die möglichen Folgen der Smartphone Nutzung vor Augen führen sollen und bereits auf über 700 Plakatflächen entlang deutscher Autobahnen und Rastplätze zu sehen sind.

Die deutschen Radiosender hr3 und YOU FM haben – unterstützt vom ADAC – die Aktion zur Verkehrssicherheit „Kopf hoch“ ins Leben gerufen. Neben der Verlosung von Verkehrssicherheitstrainings und der Sensibilisierung für die Gefahren der Smartphone Nutzung beim Autofahren auf ihren Social-Media-Kanälen rufen die Radiomoderatoren ihre Hörer mit dem Slogan „Kopf hoch – Das Handy kann warten. Kein Like ist so wichtig wie euer Leben“ immer wieder zur digitalen Abstinenz während der Autofahrt auf. Damit erreichen sie vor allem jüngere Verkehrsteilnehmer, die Zielgruppe der genannten Radiosender.

Einen ganz anderen Ansatz verfolgt die Installation sogenannter „Bompeln“, deren Schöpfer sich mit der Unbelehrbarkeit heutiger Handynutzer scheinbar abgefunden haben. So handelt es sich bei den Bompeln um im Boden eingelassene Ampeln, die den stoisch nach unten bli-ckenden Smartphone Besitzer vor einfahrenden Straßenbahnen warnen sollen.

Unabhängig davon, ob man als Autofahrer, Radfahrer oder Fußgänger unterwegs ist – sich durch das Handy, Kopfhörer oder andere Medien ablenken zu lassen, kann schwerwiegende Folgen haben, die man selbst oft nicht richtig einschätzen kann. Auch durch eine Ablenkung, die nur eine Sekunde andauert, kann man selbst einen Unfall verursachen oder zum Opfer werden. Wenn man sein Handy im Straßenverkehr benutzt, muss man immer damit rechnen, entweder ein Bußgeld bezahlen zu müssen oder noch schlimmer, andere und sich selbst zu gefährden.

Dabei ist es eine einfache Rechnung: Es lohnt sich nicht, sein eigenes Leben aufs Spiel zu setzen und auch die Leben anderer in Gefahr zu bringen, nur um kurz eine Nachricht am Handy schreiben zu können.

Die Schülerin der 7. Klasse Marlen Franz hat das längst erkannt: „Wenn man beim Laufen das Handy benutzt, sieht und hört man nichts und ist in seiner eigenen Traumwelt. In der Schule muss man das Handy sowieso ausschalten, also lohnt es sich nicht, es für den Weg anzumachen“. An alle Smombies daher der Aufruf: Kopf hoch! Das Handy kann warten!

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