Bergstraße

Prozess Raubzüge der Bande aus dem Weschnitztal / Verhandlung endet mit Bewährungsstrafe, gemeinnütziger Arbeit und Freispruch

Getrübte Erinnerungen mildern Urteile

Archivartikel

Bergstraße.Nach dem Prozessauftakt in der vergangenen Woche ging es gestern am Amtsgericht für die Bande aus dem Weschnitztal in die zweite Runde. Nach weiteren Zeugenaussagen lautete am Ende das Urteil: ein Jahr auf Bewährung mit Zahlungen von unter anderem Schmerzensgeld und Schadensersatz für einen der Brüder. 100 Stunden gemeinnützige Arbeit muss sein Bruder künftig abarbeiten. Zwei weitere Angeklagte wurden aufgrund mangelnder Beweise und Belastung durch Zeugen freigesprochen.

Auch diesmal saßen nur vier der fünf Bandenmitglieder auf der Anklagebank. Denn der fünfte Tatverdächtige befindet sich bereits wegen einer weiteren Überfallserie in Strafhaft. Wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung, sowie Diebstahl und schwerwiegendem Diebstahl mussten sich die mittlerweile zwischen 23 und 28-Jährigen erneut vor dem Bensheimer Jugendschöffengericht verantworten. Dabei geht es um Vorfälle im Zeitraum Mai/Juli 2015 und 2016.

In einen der Fälle waren auch ein ebenfalls angeklagter Rumäne und eine angehende Erzieherin verwickelt. Sie sollen, gemeinsam mit einem der Drillinge, im Lindenfelser Stadtteil Glattbach versucht haben, von einem Opfer 400 Euro zu erpressen. Außerdem sollen sie bei Nichtbezahlung gedroht haben, dem Zeugen die Nase zu brechen, ihn krankenhausreif zu schlagen und auch seine Familie mit einzubeziehen.

Lückenhafte Aussagen

Die Erinnerungen des Geschädigten seien allerdings aufgrund von Drogenkonsum getrübt: Im Zeugenstand gesteht er, sich an viele der Aussagen nicht mehr oder nur vage zu erinnern, die er nach der Tat bei seiner Anzeige gemacht hat. Den Angeklagten, der aus Rumänien stammt, erkenne er als Fahrer der Truppe. Die angehende Erzieherin habe bei ihm zuhause geklingelt und ihn nach draußen gebeten. Ein Lockvogel sei sie jedoch nicht gewesen, da er sowieso mit den Brüdern die Probleme klären wollte. Selbst gestand er, dass er bei den Brüdern Drogen gekauft und Schulden angehäuft habe, die er versuchte durch einen hochwertigen Kreuz-Anhänger zu begleichen. Dabei verwickelte er sich in Widersprüche mit den Aussagen, die er zuvor getroffen hatte.

Etwas mehr Licht ins Dunkle brachte hingegen die Aussage der Geschädigten, deren Haus von den Brüdern ausgeräumt wurde. Bei dem Coup habe die eigene Tochter der Zeugin den Dieben geholfen, indem sie ihrem damaligen Freund – einem der Brüder – den PIN-Code zum Öffnen der Haustür verraten habe. „Sie war damals schwer in ihn verliebt und er hat ihr erzählt, er werde erpresst und brauche das Geld. Da hat sie Angst um ihn bekommen und wollte ihm helfen“, so die Zeugin. Im Gespräch seien jedoch wenige hundert Euro gewesen und nicht die Summe von insgesamt knapp 10 000 Euro, die letztlich in Form von Schmuck, einer Kamera und Bargeld gestohlen wurden. Die Frage, ob ihre Tochter sich auch selbst am Diebesgut bereichert habe, verneinte die Mutter mit Nachdruck. Das bestätigte sich, da einer der Angeklagten gesehen wurde, als er mit einem anderen Täter die Beute eintauschen wollten. Die Tochter der Zeugin selbst war nicht vernehmungsfähig.

„Reifeverzögerung“ der Brüder

Zudem sollen sie das Schaufenster eines Schreibwarengeschäfts in Rimbach eingeschlagen und 295 Euro sowie zwölf Schachteln Zigaretten entwendet haben. Einer der Brüder legte außerdem ein Teilgeständnis ab in Bezug auf einen Fall aus dem Jahr 2016. Zu dritt haben sie einen Geschädigten räuberisch erpresst. Da er nicht zahlte, schlugen und traten sie auf ihn ein – eindrücklich belegt durch ein Video und Bilder des Geschädigten nach der Tat. Jugendrichter Rainer Brakonier beschrieb die Tat als „massive Machtdemonstration.“ In einem weiteren Fall sollen die Brüder nach einem Kneipenbesuch einen Gast aufgefordert haben, eine Anzeige wegen Körperverletzung zurückzuziehen. Zur Untermauerung sollen sie auf ihn eingeschlagen haben. Wegen widersprüchlicher Aussagen des Angeklagten glaubte das Jugendschöffengericht dem Geschädigten.

Aufgrund von versuchter räuberischer Erpressung, gemeinschaftlicher Körperverletzung und einfachem sowie besonders schwerem Diebstahl bekam einer der Brüder ein Jahr und sechs Monate Jugendstrafe auf Bewährung – mit einer Bewährungszeit von drei Jahren. Außerdem muss er unter anderem Schmerzensgeld und Schadensersatz zahlen.

Letztlich wurde auf eine „Reifeverzögerung“ plädiert – aufgrund des Milieus, in dem er und seine Brüder aufwuchsen, seinen Drogenproblemen und der Tatsache, dass er damals noch bei seinen Eltern wohnte und keine Ausbildung vorweisen konnte. Letzteres wirkte sich auch für seinen Bruder strafmildernd aus: Aufgrund von schwerer gemeinschaftlich begangener Körperverletzung muss er 100 Stunden gemeinnützige Arbeit ableisten.

Die beiden anderen Angeklagten wurden aufgrund von widersprüchlichen und lückenhaften Zeugenaussagen freigesprochen. Die Höhe des Schmerzensgeldes und des Schadensersatzes konnte noch nicht abschließend geklärt werden. Dies werde noch im Nachverfahren besprochen.

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