Bergstraße

EU-Ausstieg Der Wahl-Lautertaler und gebürtige Brite Johnny Glover sieht den Brexit als „Schwachsinn“ an / Die Stimmung in der alten Heimat sei „sehr schlecht“

Hamsterkäufe im Vereinigten Königreich

Bergstraße.Wer sich die Geschichte der Britischen Inseln anschaut, den dürften die Bestrebungen des Vereinigten Königreichs, aus der Europäische Union auszutreten, nicht sonderlich überraschen, findet Johnny Glover. Die Briten hätten schon immer „ihr eigenes Ding gemacht“, etwa im 16. Jahrhundert, als König Henry VIII. aus dem Hause Tudor mit der katholischen Kirche brach und eine eigene Staatskirche erfand. Nur: „Die Zeiten haben sich geändert. Leider haben das viele Briten nicht verstanden.“

Vor einigen Wochen war der Wahl-Lautertaler und gebürtige Brite, der seit 45 Jahren in Deutschland lebt, wieder einmal zu Besuch in der alten Heimat. „Sehr schlecht“, antwortet er auf die Frage, wie die Stimmung dort sei. Alle redeten über den Brexit, berichtet er im Gespräch mit der Redaktion dieser Zeitung. Es habe schon regelrechte Hamsterkäufe gegeben, die Menschen hätten sich etwa mit Dingen wie Toilettenpapier, Zucker oder Mehl eingedeckt, weil sie Engpässe fürchteten.

Viele seiner Bekannten, mit denen er während seines Aufenthalts gesprochen habe, hielten den Brexit für „Schwachsinn“ und hofften, dass das Austrittsgesuch rückgängig gemacht wird. Glover macht kein Geheimnis daraus, dass er das auch so sieht. Alleine lasse sich nicht mehr erreichen, als gemeinsam.

Vom Referendum ausgeschlossen

Der Beedenkirchener selbst hat nicht am Referendum von 2016 teilnehmen dürfen, bei dem eine knappe Mehrheit der Briten für einen Austritt aus der EU stimmte. Der Grund: Er hat schon zu lange keinen Wohnsitz mehr im Vereinigten Königreich. Damit geht es ihm so, wie vielen Auslandsbriten – und anders, als den Bewohnern des britischen Überseegebiets Gibraltar. „Eigentlich ist das ein Hammer“, sagt Glover. Viele Briten im Ausland hätten Angst, nach einem Brexit nicht mehr so einfach zurückkehren zu können. Es sei in Ordnung, dass er nicht an Parlamentswahlen teilnehmen darf, weil er in keinem Wahlbezirk registriert ist. Dass er aber nicht über die Zukunft seines Geburtslandes mitbestimmen konnte, stört ihn.

Überhaupt hält Glover das Referendum für fehlerhaft. Nicht nur, weil im Vorfeld viele Unwahrheiten verbreitet worden seien. Dafür, dass sie nun über die Zukunft des Landes entscheiden soll, sei die Abstimmung auch zu knapp ausgegangen. Es hätte eine größere Mehrheit geben müssen, ist er überzeugt. Zudem sei die Fragestellung – im Grunde schlicht „Aussteigen oder Bleiben?“ – angesichts der Folgen zu einfach formuliert gewesen.

Sorge um Nordirland

Aus der Ferne beobachteten nun die aufstrebende Großmacht China und die USA unter Donald Trump den Streit und freuten sich über die Schwächung der Europäischen Union. Für das Königreich befürchtet Glover große wirtschaftliche Nachteile. „Es gibt dort ja praktisch keine produzierenden Firmen mehr“, gibt er zu bedenken. Und: Sei der Staat erstmal ausgeschieden, sei er sicher ein weniger gefragter Geschäftspartner für Drittländer, als die EU.

Sorgen macht Glover auch die umstrittene Grenze Nordirlands zur Irischen Republik. Niemand sei dort darauf vorbereitet, dass sie geschlossen wird. Soziale oder familiäre Beziehungen, die sich über sie erstrecken, drohten gekappt zu werden. Viele Unternehmen, die dort agieren, hatten keinerlei Erfahrung mit Zoll-Formalitäten. „Die beste Lösung bei einem Brexit wäre, dass Nordirland Teil der Republik wird“, sagt der 68-Jährige.

Eigentlich wäre heute die Frist für den Ausstieg abgelaufen, auf dem EU-Sondergipfel am Mittwoch in Brüssel haben die anderen Mitgliedsländer aber entschieden, sie bis Ende Oktober zu verlängern. Zwar seien viele seiner Landsleute die ewige Hängepartie leid und sehnten ein Ende herbei, sagt Glover.

Ginge es aber nach ihm, zöge sich der Prozess noch weiter in die Länge, um schließlich mit dem Verbleib des Königreichs in der EU zu enden, möglicherweise mithilfe einer zweiten Volksbefragung. Schließlich habe das erste Referendum nur einen beratenden Charakter gehabt und sei nicht rechtlich bindend. Das Ergebnis eines zweiten Referendums sähe wahrscheinlich anders aus, als das von 2016, glaubt er. Viele junge Menschen, die damals noch nicht wahlberechtigt waren, aber für den Verbleib in der EU sind, kämen dann zum Zuge. Außerdem sähen viele, die vor zwei Jahren noch mit „Aussteigen“ geantwortet haben, den Brexit mittlerweile aller Fehler an.

Hoffnung auf die Queen

Viele Briten seien aber der Ansicht, das Referendum stelle eine demokratische Entscheidung dar, die respektiert werden muss. Zwar hat Premierministerin Theresa May ein zweites Referendum bisher ausgeschlossen. Glover hegt aber dennoch die leise Hoffnung, dass es insgeheim ihr Masterplan ist, den Brexit im Sande verlaufen zu lassen.

Den Europawahlen vom 23. bis zum 26. Mai messe auf den Inseln kaum jemand Bedeutung bei. Falls das Königreich am 22. Mai noch EU-Mitglied ist und dem Austrittsvertrag nicht zugestimmt hat, müsste die britische Bevölkerung daran teilnehmen. „Viele haben die EU aber schon abgehakt“, sagt Glover. Stimmten die Briten mit ab, gingen sicher kaum die Hälfte der Wahlberechtigten an die Urnen.

EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker sei für viele Briten eine Hassfigur, sie sähen in ihm ein Symbol für einen Unwillen der Union, sich mit dem Königreich zu einigen. Besser komme Bundeskanzlerin Angela Merkel weg – auch, weil sie sich im Hintergrund halte.

Bisher nehme auch die britische Königin Elizabeth II. nicht an der Debatte teil. Viele sähen in ihr dennoch – wie „eigentlich immer“ – einen rettenden Anker. Sollte sie es im Interesse des Landes für geboten halten, das Wort zu ergreifen, werde sie es auch tun, ist Johnny Glover überzeugt.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel