Bergstraße

Persönlich Praktikantin aus dem Süden des Subkontinents kehrt nach acht Monaten Deutschland zurück in die Heimat / Viele Erlebnisse im Naturschutzzentrum Bergstraße

Inderin Aishu erlebte einen Wechsel zwischen den Welten

Acht Monate sind eine lange Zeit. Und wenn sie vorbei geht, melden sich Emotionen. Erinnerungen an Erlebtes, Gelerntes, Neues. An Menschen und Situationen, schöne Momente und spannende Begegnungen. Jetzt startete eine Maschine Richtung Indien. Mit an Bord: Aiswarya Rajakumaran, auch Aishu genannt.

In Kerala, einem Bundesstaat im Südwesten des Subkontinentes, warteten sie schon auf die Heimkehrerin. Für Aishu, wie sie auch genannt wird, war es die erste Auslandsreise überhaupt. Eine unglaublich reiche Erfahrung. Mal spannend, dann wieder überraschend, manchmal auch irritierend. „Bei uns zuhause kündigt man sich nicht Tage vorher an, wenn man ein Familienmitglied besucht“, berichtet die junge Frau, leise lächelnd, in indischem Englisch. Und auf den Straßen werde erstaunlich selten gehupt.

Architektonische Meisterleistung

Erste Eindrücke einer neugierigen Mittzwanzigerin, die eine große Chance genutzt hat: Mit dem entwicklungspolitischen Freiwilligendienst der Kübel-Stiftung reiste sie nach Deutschland, um interkulturelle Brücken zu schlagen. Fazit: eine architektonische Meisterleistung.

„Weltwärts“ heißt das Programm, das seit 2008 junge Menschen um den Globus schickt. Noch relativ jung ist das Gegenstück in Indien, das sich „Indian Youth Volunteering to Germany“ nennt. Im vergangenen Jahr kamen vier Teilnehmer an die Bergstraße. Sie erlebten die Region im Evangelischen Dekanat Bergstraße in Heppenheim, in einem Bensheimer Kindergarten und bei der kreisweiten Behindertenhilfe. Eine Teilnehmerin wurde an das Naturschutzzentrum Bergstraße (NZB) an der Erlache vermittelt. „Umweltbildung“ ist ein neues Wort in Aishus Repertoire. Ein anderes lautet „Fledermaus“. Kenner des NZB werden jetzt wissend lächeln.

Als es zum ersten Mal hieß, ich müsse Fledermäuse füttern, dachte ich: Jetzt muss ich wirklich bluten!“ Doch die kleinen Tierchen ließen den Vampir im Sarg und begnügten sich mit ganz normalen Mehlwürmern. Aber auch sonst zieht der Gast eine rundum positive Bilanz. Das naturnahe Bildungskonzept habe ihr schnell zugesagt, so Aiswarya Rajakumaran im Gespräch mit dem Bergsträßer Anzeiger an dem Ort, an dem sie seit Mai beinahe täglich mitgearbeitet hat. „Eine wertvolle Erfahrung für uns alle“, ergänzt die pädagogische Leiterin Veronika Lindmayer. Der Abschied war tränenreich. Muttergefühle. Man ist sich nah gekommen. Ins Zeugnis für diese besondere Praktikantin hat ihre Mentorin geschrieben: „Sie spricht die Sprache der Herzen.“

Ihre prägnantestes Merkmal: ein ansteckendes Lächeln, gegen das kein Mensch immun ist. Die Kinder im NZB hat sie im Sturm erobert. Aber auch das Team an der Erlache war von ihrer positiven, verbindlichen Art immer wieder begeistert. Sie hat Schluchten überwunden und Barrieren einfach weggestrahlt. „Sie hinterlässt Bleibendes“, so Veronika Lindmayer, die Aishu in der letzten Zeit auch öfter traurig erlebt hat. Der nahe Abschied macht sich bemerkbar. Und damit nicht nur die räumliche Distanz. Sondern auch die Heimkehr in eine Umgebung, in der sie zumeist funktionieren muss, wie andere sie haben wollen. „In Deutschland kann ich sein, wie ich wirklich bin. Kann Nein sagen, wenn ich will.“ Selbstbestimmt, souverän, ohne den Druck traditioneller Rollenklischees und die Einteilung in ein strenges Kastensystem, aus dem ein Hindu wie sie normalerweise nicht ausbrechen kann.

Doch Aiswarya Rajakumaran pflegt einen eigenen Kopf. Im März will sie sich mit ihrem Freund verloben. Ein Christ. „Meine Familie ist liberal, ich habe immer Freiheiten genossen.“ In Deutschland, an der Bergstraße (sie lebte bei einer Gastfamilie in Auerbach) ging sie dorthin, wo sie wollte. Und kleidete sich so, wie sie es mag. Ohne Zugeständnisse an eine gesellschaftliche Norm. In einer Umgebung, die sie so akzeptiert, wie sie ist. Auch deshalb war die Heimreise ein Abschied nicht nur von den Menschen, sondern auch von gewissen sozialen Vorzügen und Freiräumen. Keine Frage: Sie will wiederkommen. Wann auch immer. Aber zuerst möchte sie an ihrer persönlichen Zukunft bauen. Heiraten und beruflich das tun, was sie tun möchte.

Den Schwachen Hilfe anbieten

In Indien gibt es viele Millionen Hijras. Weibliche Seelen in männlichen Körpern. Oder umgekehrt. Transgender. Transsexuelle. Auf den Straßen Delhis werden sie verachtet, verspottet, diskriminiert. Seit drei Jahren sind sie offiziell als „drittes Geschlecht“ anerkannt. Ein Quantensprung. Dennoch: Aishu will sich genau für diese Menschen engagieren. Am liebsten in ihrem erlernten Beruf als professioneller Social Worker in einer Nicht-Regierungsorganisation, die den Schwachen und Abgehängten der Gesellschaft eine passgenaue Hilfe anbietet. Auch mit sozial benachteiligten Kindern will sie künftig intensiver arbeiten.

Null Berührungsängste. Wie in Deutschland. An der Erlache zeigt sie den Gästen indische Tänze, traditionelle Lieder und wunderschöne Blumenmandalas, die von ihrer Heimat erzählen. Über den Tellerrand blicken, die Weltgemeinschaft erleben. „Zusammenrücken“, sagt die Frau im roten Sari, die drei Varianten spricht: Tamil, Hindi und Malayalam – die Zunge der Südwestküste. Mit Tamil verwandt, aber doch ganz anders.

Paris, Rom – und Auschwitz

Anders ist auch das Arbeitsklima in Deutschland. „Weniger Hierarchien“, so Aiswarya Rajakumaran über die flachen Strukturen im Naturschutzzentrum. Die Chefin arbeitet auf einer Ebene mit dem Team. Das hat sie hier täglich erlebt. Und das gefällt ihr. Genauso wie die kurzen Wege in Europa – zumindest aus der Perspektive einer Inderin. Wann immer sie ein Wochenende frei hatte, ging es los: Paris, Budapest, Rom, Mailand. Und Auschwitz.

„Bei uns ist Hitler ein Schimpfwort für jeden, der andere unterdrückt.“ In der KZ-Gedenkstätte hat Aishu im Oktober eine andere Qualität dieses Namens erlebt. „Ich weiß jetzt, dass dies mehr als ein sprachliches Synonym ist für die Menschen. Hier repräsentiert er den schlimmsten Alptraum der deutschen Geschichte.“

Für die junge Inderin ist die persönliche Begegnung mit Menschen, Kultur und Geschichte wichtiger als ein allein durch Lesen und Lernen angeeignetes Wissen. Diese eine Reise habe sich nachhaltig verändert. „Ein bewegendes Erlebnis.“ Ebenso wie der Besuch des Anne-Frank-Hauses in Amsterdam. „Ich kannte ihren Namen, aber wenig von ihrem Leben.“

In Bensheim gehörte die junge Frau schnell zum „Inventar“. Kein Fest an der Erlache, bei dem die kreative „Weltwärts“-Reisende die Gäste nicht mit der indischen Körperkunst Mehandi vertraut gemacht hat. „Leider hatten wir kein Henna.“ Also hat sie Naturfarben verwendet, um Arme und Hände mit ornamentalen Mustern zu verschönern. Nicht nur die Kinder waren begeistert.

An der Bergstraße hat sie kaum einen Termin ausgelassen: ein Auftritt bei der interkulturellen Meile zum Bürgerfest, die Ferienspiele am NZB, den Klimaschutztag oder die Weinlese Ende September. „Begegnung ist immer wichtig“, sagt sie. Nur im direkten Gespräch mit den Menschen könnten Klischees aufgelöst und Vorurteile abgebaut werden. Das habe sie während der acht Monate immer wieder festgestellt.

Größter Wunsch: Unabhängigkeit

Aiswarya Rajakumarans größter Wunsch für die Zukunft heißt Unabhängigkeit. Persönlich, geistig und beruflich. In ihrer Heimat werden Frauen und Mädchen bis heute benachteiligt. Patriarchat und religiöse Traditionen sind tief in der Gesellschaft verankert. „Es bewegt sich etwas, aber Veränderungen sind ein langer Prozess.“ Sie will dabei helfen, dass es schneller geht. Nach ihrer Rückkehr möchte sie ihre gebündelten Erfahrungen zunächst mit Freunden und Familie teilen. Auch die lesen ihren Blog, in denen sie regelmäßig von Deutschland erzählt. „Endless Voyage“ heißt die Seite. Endlose Reise. Ihre eigene, das sagt sie zwischen den Zeilen, hat gerade erst angefangen.

Info: Den Blog von Aiswarya Rajakumaran findet man unter endlesvoyage.blogspot.de

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel