Bergstraße

Soziales Heute ist Internationaler Tag der Menschen mit Behinderung / Behindertenhilfe Bergstraße wird für mehr Teilhabe

Inklusion im Beruf kann funktionieren

Bergstraße.Die Teilhabe am Arbeitsleben ist ein zentraler Punkt, der mit dem neuen Bundesteilhabegesetz verabschiedet wurde. Ein wesentliches Ziel des Gesetzgebers ist dabei, Menschen mit Behinderung auf dem allgemeinen Arbeitsmarkt zu integrieren. Zu diesem Zweck wurde unter anderem das sogenannte „Budget für Arbeit“ eingeführt. Hierbei erhalten Arbeitgeber, die Menschen mit einer schweren Behinderung einstellen, Lohnkostenzuschüsse von bis zu 75 Prozent. Und tatsächlich sanken die Zahlen der Nichterwerbstätigen mit schweren Behinderungen in den vergangenen Jahren langsam aber stetig. Das ist erstmal eine gute Nachricht.

Fachdienst eingerichtet

Auch die Behindertenhilfe Bergstraße (bhb) ist seit vielen Jahren bestrebt, die berufliche Eingliederung ihrer Klienten auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Innerhalb der bhb haben alle angebotenen beruflichen und persönlichen Bildungsmaßnahmen das Ziel, den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen. Für die Realisierung von konkreten Integrationsmaßnahmen wurde bereits im Jahr 2003 der „Fachdienst für berufliche Integration“ eingerichtet. Dieser hat das Ziel, diejenigen Mitarbeiter, die den selbstbestimmten Wunsch der beruflichen Inklusion haben, gezielt zu fördern und bei der beruflichen Teilhabe am Arbeitsleben umfassend zu begleiten und zu beraten. In der Theorie klingt das nach einer wertvollen Maßnahme – in der Praxis ist diese Aufgabe jedoch nicht immer so leicht zu erfüllen.

Dürftige Eingliederungsquoten

Monika Helfert, Claus Maier und Maurice Howorka vom Fachdienst für berufliche Integration stellen in der Regel den ersten Kontakt zum Arbeitsmarkt her. Nach einem bis zu dreimonatigen Praktikum entscheidet sich, ob unter Umständen ein sogenannter betriebsintegrierter Beschäftigungsplatz zustande kommt.

Etwa 80 solcher betriebsintegrierten Beschäftigungsplätze wurden in den zurückliegenden 16 Jahren geschaffen, in denen die Mitarbeiter zwar weiterhin in der Werkstatt beschäftigt bleiben, ihre Arbeit allerdings in einem Unternehmen außerhalb der bhb verrichten. Das langfristige Ziel einer solchen Maßnahme ist dabei immer die Übernahme in ein reguläres Beschäftigungsverhältnis.

Einige dieser betriebsintegrierten Beschäftigungsplätze enden jedoch bereits nach kurzer Zeit und viele kommen erst gar nicht erst zustande. Warum ist das so? Die Gründe dafür sind vielfältig. Laut Claus Maier reichen die Ursachen von allgemeinen Produktionsausgliederungen ins Ausland über Betriebsschließungen bis hin zur mangelnden fachlichen und persönlichen Passung zwischen Klient und Arbeitgeber. Ob die mangelnde Bereitschaft, Menschen mit Beeinträchtigung einzustellen, ausschließlich an der ungünstigen Wirtschaftslage liegt oder vielleicht auch mit Vorurteilen seitens der Arbeitgeber begründet werden kann, sei aus Sicht der bhb dahingestellt.

Inklusion ist noch ausbaufähig

Die gesetzliche Verankerung von einer sogenannten Teilhabe am Arbeitsleben allein reicht nicht aus. Derartige Veränderungen müssen auch in den Köpfen der Gesellschaft verankert werden. Immer noch bleiben viele Unternehmen unter der gesetzlich geforderten Quote schwerbehinderter Arbeitnehmer von mindestens fünf Prozent und nehmen offenbar in Kauf, die gesetzmäßigen Ausgleichsabgaben zu zahlen. Dabei ist es aus Sicht der bhb eigentlich gar nicht so schwer, Inklusion auch zu leben, wie man am Beispiel von der Firma Graichen erkennen kann:

Nach einem mehrmonatigen Praktikum hat Marco Blechschmidt am 1. Dezember seinen betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz zu einem individuell ausgehandeltem Lohn bei dem in Bensheim-Auerbach ansässigen Unternehmen angetreten. Bereits während des Praktikums stellte sich schnell heraus, dass Marco die ihm gestellten Aufgaben gewissenhaft erledigt. „Und er macht seine Arbeit gut!“ Allein dieser Faktor sei der ausschlaggebende Beweggrund gewesen, dem bhb-Mitarbeiter einen betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz in dem Betrieb bereitzustellen. Geschäftsführerin Millich-Gröger musste nicht lange überzeugt werden und freut sich sehr über den personellen Zuwachs. „Marco hat sich sehr schnell in die betrieblichen Abläufe und in das soziale Miteinander der Kollegen eingefügt.“

Die bhb wirbt nachdrücklich dafür, dass sich viel mehr Arbeitgeber öffnen, Menschen mit Beeinträchtigungen einzustellen. Profitieren würden dabei alle. Inklusive Belegschaften bringen nicht nur einen nachweislichen Schub an sozialer Kompetenz unter allen Mitarbeitern in jedes Unternehmen, sondern stärken durch vielfältige Denkweisen auch erkennbar die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens. Die positiven Effekte werden weitestgehend immer noch unterschätzt.

Stolz auf das Vertrauen

Marco Blechschmidt fühlt sich in seinem neuen Arbeitsumfeld sichtlich wohl und ist stolz auf das ihm entgegen gebrachte Vertrauen. Dabei nimmt er mit seiner Beeinträchtigung absolut keine Sonderrolle ein. Befreit von allen Vorsätzen, irgendwelche Quoten erfüllen zu müssen, geschieht Inklusion in der Firma Graichen fast beiläufig und wird von allen Mitarbeitern gleichermaßen gelebt. Dies spiegelt sich nicht zuletzt in der Beschäftigungsquote wieder, die deutlich über den gesetzlichen Vorgaben liegt. Ob Marco Blechschmidt in absehbarer Zukunft in ein reguläres sozialversicherungspflichtiges Beschäftigungsverhältnis wechseln wird und gegebenenfalls das neu eingeführte Budget für Arbeit in Anspruch nehmen wird, bleibt abzuwarten. Im Moment fühlt er sich mit der persönlichen Begleitung auf seinem betriebsintegrierten Beschäftigungsplatz unter dem Dach der bhb in guten Händen.

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