Bergstraße

Evangelisches Dekanat Zum Reformationstag torpediert Autor Erik Flügge: „Kirche hat ihre moralische Autorität längst verspielt“

Kritische Töne unter der Kirchenkanzel

Zwingenberg.Mit seiner Rede zum Reformationstag hat Autor Erik Flügge genau das ausgelöst, was seiner Meinung nach zum Wesen einer kritischen Erneuerung gehöre: Kontroverse, Auseinandersetzung und Reflexion. Über einhundert Gäste waren in die Zwingenberger Bergkirche gekommen, wo der 33-jährige auf Einladung des Evangelischen Dekanats Bergstraße einen Vortrag über den gegenwärtigen Zustand der Kirche hielt.

Seine monologische Abrechnung mit den christlichen Konfessionen (Flügge ist Katholik) beendete er mit der Anmerkung, dass es falsch sei, wenn ein Einzelner vorne stehe und alle anderen passiv zuhören müssten. Danach forderte der Autor und Politikberater die Gäste zum offenen Widerspruch auf. Selbiger ließ nicht lange auf sich warten.

Zuvor hatte Flügge der Kirche verstaubte Strukturen und ein autoritäres Verhalten vorgeworfen, das längst nicht mehr zum anti-autoritären Selbstverständnis des modernen Menschen passen würde. Gott besitze keine Macht mehr über das Individuum, das sich als autarker und freiheitlich denkender Geist von der dominanten Kirche emanzipiert habe. Genau deshalb seien die Kirchen sonntags auch leer, sagte Flügge in Zwingenberg. Auf der anderen Seite sei die Unlust der Menschen am Gottesdienst auch ein Zeichen dafür, dass Kirche etwas richtig gemacht habe: Niemand fühle sich mehr gezwungen, dorthin zu gehen. Für Flügge ein sichtbarer Akt der Befreiung.

So wie es in der Natur des Menschen liege, sich aus der Obhut seiner Eltern zu lösen, so liege es in der Natur der Menschheit, sich von einer befehlenden und Gehorsam einfordernden Kirche abzunabeln. „Wir haben die Pubertät als Übergangsphase zum Erwachsensein hinter uns gelassen und brauchen keinen Gott mehr, der für uns unser Dasein regelt.“

„Später Sieg der Reformation“

Die Bibel und ihre Deutung kommentierte Flügge als ebenso überholt wie die Gnade Gottes oder die Macht der Predigt. „Was interessiert mich, ob irgendeine Synode Homosexualität als richtig oder falsch kommentiert? Das ist nicht relevant.“ Die Freiheit des Christenmenschen zur ganz eigenen Gottesbeziehung ohne kirchliche Macht sei endlich Realität geworden. Für den Autor ein später, aber wohlverdienter Sieg der Reformation. „Wie schön, dass die Angst vor der Autorität endlich verflogen ist.“

Die Bemühungen der Kirche, wieder mehr Menschen zu erreichen, bezeichnete er als strategischen Irrweg. „Das ist, wie wenn sich Eltern fragen, warum ihre großen Kinder nicht mehr auf sie hören!“ Vielmehr liege, so Flügge, die wahre Weisheit darin, wenn Kirche in einer „erwachsen gewordenen Welt“ damit aufhöre, mit den immer gleichen alten Geschichten auf die Menschen „einzupredigen“. Statt auf einem Berg zu sitzen und zu warten, müsse Kirche aktiv auf die Menschen zugehen und in seelsorgerischer oder zumindest Hilfe bietender Absicht Kontakte suchen. „Wenn sie von Mensch zu Mensch die Gottesbeziehung partnerschaftlich entstehen lässt, hat sie wieder eine Zukunft.“ Es gehe darum, zu begleiten statt zu befehlen, so Flügge. Der christliche Gott sei nicht so normierend wie die Kirche, die in seinem Wort auftrete. Er sei kein Bedenkenträger, sondern ein Wegbegleiter.

„Nicht so autoritär wie dargestellt“

Der Bergsträßer Dekan Arno Kreh kommentierte Flügges Rundumschlag kritisch: „Die Folie, auf der Sie ihre Bilder skizzieren, ist fraglich.“ Kirche sei heute nicht mehr so autoritär wie von dem Referenten dargestellt. Auch der Konfirmandenunterricht, den Flügge als eine Art Unterwerfungs-Ritual dargestellt hatte, sei längst von Zusammenarbeit und Zwanglosigkeit geprägt. Dort erhielten Jugendliche genau das Wissen, das sie für eine freie Entscheidung benötigten, so Kreh weiter.

Ein Zuhörer nannte die Ausführungen des Redners pubertär und unreflektiert, eine Frau betonte ihre Verbundenheit mit einer Kirche, die ihr in schweren Zeiten Beistand geboten habe.

Die Veranstaltung hat zumindest gezeigt, dass der provokative Geist der Reformation doch noch nicht verloren sein muss. Die Fragen und Probleme, die Flügge aufwirft, sind durchaus relevant: Warum ist die Bindungskraft der evangelischen Kirche, gemessen am Gottesdienstbesuch, so schwach? Warum sind die Äußerungen der Synoden und Kirchenleitenden so wenig begeisternd? Und warum fällt es so schwer, die Glaubensinhalte glaubwürdig zu vermitteln?

Der Vortrag und die anschließende Diskussion haben dafür gesorgt, über den Weg der Kirche nachzudenken. Die Reformation habe damals eine streitbare Bewegung ausgelöst, sagte auch Pfarrer Christian Hilsberg vom Gemeindenetz Nördliche Bergstraße, das die Veranstaltung mit organisiert hatte. Die provokanten Thesen von Erik Flügge würden mit dafür sorgen, die Dynamik des Diskurses am Leben zu halten.

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