Bergstraße

Porträt Ein 13-Jähriger aus Bürstadt geht mit Begeisterung Umweltproblemen auf den Grund / Landessieg bei „Schüler experimentieren“

Laurin holt den letzten Rest aus der Tube

Archivartikel

Bergstraße.Die Idee für sein jüngstes Projekt ist Laurin Wiedemann beim Zähne putzen eingefallen: Schon wieder eine Zahnpasta-Tube leer. Noch mehr Plastikmüll. Einfach weg damit? Oder lieber mal genauer untersuchen, ob da nicht noch etwas rauszuholen ist. Dieser Geistesblitz hat ihm zunächst einmal viel Arbeit, dann aber den Landessieg beim Wissenschafts-Wettbewerb „Schüler experimentieren“ eingebracht. Denn er konnte nachweisen, dass in jeder Tube ein ansehnlicher Rest zurückbleibt.

„Ich finde es spannend, etwas über Alltagsthemen herauszufinden, auf die man sonst nicht so achtet“, erzählt der Siebtklässler aus Bürstadt. Wir stehen im funkelnagelneuen Chemiesaal der Erich Kästner-Schule (EKS). Zusammen mit seiner Lehrerin Elke Wagner-Pommerenke hat der 13-Jährige Unmengen von leeren, aufgeschnittenen und blitzblank gespülten Tuben aller Art aufgebaut. Laurin demonstriert die Ursache des Problems: In der Öffnung steckt ein kleines Röhrchen, das gut einen Zentimeter ins Tubeninnere ragt. „Sehen Sie, da kann gar nicht alles rauskommen“, erklärt er. Und findet das richtig ärgerlich: „So entsteht viel zu viel Müll.“

Ideen in der Entwicklung

Was ihn gleich wieder zu einer neuen Frage – und vielleicht zu einem neuen Projekt führt: „Wie kann man den ganzen Abfall sinnvoll verwenden?“ Not-Unterkünfte aus Plastik-Müll bauen – auch mit diesem Thema hat er sich schon beschäftigt. Was ihm zurzeit vorschwebt, davon will Laurin bislang nicht allzu viel verraten. „Die Idee ist noch in der Entwicklung.“

Erst bespricht er mit seiner Lehrerin ganz genau, wie es weiter gehen soll in Sachen leere Tuben. Allerdings gibt es gewisse Vorgaben: Wie groß ist der Aufwand? Und sind die Untersuchungen durchführbar? Bei den Tuben hat das sehr gut geklappt. Schüler und Lehrerin haben bei Bekannten und Kollegen um ausgediente Tuben gebeten. „So haben wir eine große Probenmenge mit unterschiedlichen Marken zusammen bekommen“, erläutert Wagner-Pommerenke. Weil sich Zahnpasta viel besser auswaschen lässt als beispielsweise eine fettreiche Handcreme, haben sich die beiden für diese Variante entschieden. „Dafür braucht man kein Spül- oder Lösungsmittel, so ist das Ganze auch umweltgerecht“, fügt sie an.

Die Untersuchung selbst war dann ganz unkompliziert: Tube wiegen, aufschneiden, ausspülen, wieder wiegen. „Die Differenz ist dann das, was in der Tube dringeblieben ist“, erklärt Laurin. Und das ist oft ganz schön viel. „Je kleiner die Tube, desto größer der Rest“, hat er festgestellt. Manchmal wird bis zu einem Drittel einfach weggeworfen. „Das ist richtig viel Geld“, macht der Siebtklässler deutlich.

Umweltschutz und Alltagsfragen

Umweltschutz und Probleme aus dem Alltag – damit hat sich Laurin auch bei seinem allerersten Projekt für „Schüler experimentieren“ beschäftigt – und gleich einen Preis gewonnen: Die beißend-scharfen Grillreiniger waren ihm ein Dorn im Auge: Viel zu viel Chemie, die so in die Umwelt gelangt. Also hat er Omas harmlose Hausmittel untersucht – mit überraschendem Ergebnis: Asche und Kaffeesatz erwiesen sich als wirkungsvollste Reinigungsmittel.

Knifflige Probleme lösen, dafür investiert Laurin gerne seine Freizeit. Ein großer Teil davon ist allerdings auch für andere Dinge reserviert. So liest er viel, hört gerne Musik – und trainiert mit Begeisterung beim Turnverein und bei der Radfahrervereinigung 03 in Bürstadt: Laufen und Triathlon sind seine Sportarten. Gerade erst hat er beim Spargellauf in Lampertheim in seiner Altersklasse gewonnen: Fünf Kilometer in 19,5 Minuten. Trotzdem: Naturwissenschaften interessierten ihn schon in der Grundschule. „Ich war im Einsteinclub“, erzählt er, damals eine gemeinsame AG von Schillerschule und EKS. Nach seinem Wechsel in die fünfte Klasse ist er in die AG „Schüler experimentieren“ eingetreten.

Neugier auf Naturwissenschaften

Wagner-Pommerenke ist sehr froh, dass sie naturwissenschaftlich interessierten Kindern wie Laurin die Möglichkeit bieten kann, nach Herzenslust zu experimentieren. Eine eigene AG für Nachwuchs-Wissenschaftler gibt es ebenfalls an der EKS. Oder auch die Forscherpausen für Fünftklässler. Die Nachfrage ist mittlerweile so groß, dass nach den Sommerferien zusätzlich das „Experiment des Monats“ eingeführt wird. „So zum Reinschnuppern für die Älteren“ seien diese Projekte gedacht, erklärt die Pädagogin.

Ein bisschen mehr naturwissenschaftlicher Unterricht als zurzeit in Hessen vorgesehen ist, dürfte es tatsächlich schon sein, wünscht sich die Lehrerin. Die Schulen können den Kindern allerdings zusätzliche Angebote machen, beispielsweise im Wahlpflichtbereich. Und mit dem „MINT“-Profil – Mathe, Informatik, Naturwissenschaften und Technik – sieht sie die EKS in diesem Bereich ohnehin sehr gut aufgestellt.

Mittlerweile sind auch die räumlichen Voraussetzungen bestens: Nach der Sanierung ist nicht nur jede Menge Platz für Experimente, sondern auch für Gerätschaften und für Proben, die auch über Wochen liegen bleiben können. Gerade für die Biologie sei es wichtig, dass manches auch mal etwas länger wachsen darf, sagt Wagner-Pommerenke mit einem Lächeln.

Laurin freut sich auf jeden Fall schon auf sein nächstes Projekt. Im kommenden Jahr tritt er noch mal bei „Schüler experimentieren“ an. Und dann könnte er direkt bei „Jugend forscht“ mitmischen, bei denen die „Großen“ ihre wissenschaftlichen Projekte vorstellen. /sm

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