Bergstraße

Raus in den Garten Lange galten Schrebergärten als Inbegriff des Spießertums / Heute hat sich das Bild gewandelt: Selbstgezogenes Obst und Gemüse ist wieder angesagt

Meine Verwandlung zum Kleingärtner

Archivartikel

Bergstraße.Es gibt Begriffe, die unweigerlich Assoziationen erzeugen. Das Wort „Kleingarten“ zum Beispiel: gleich Gartenzwerge und Plastikstühle, gleich Spießerhölle mit Blumenrabatten. Das war einmal. Vor der großstädtischen Etagenwohnung mit Minibalkon und vor allem vor den Kindern. Mittlerweile, als stolzer Pächter einer stadtrandnahen Datsche, verbinde ich mit dem Wort selbstgekochtes Johannisbeergelee und Joghurt mit Stachelbeeren aus eigener Zucht, quietschende Kinder im Planschbecken, Grillnachmittage mit Freunden und jede Menge Grünschnitt.

Trotzdem: Die mentale Reise in den Kleingarten war weit. Anlass, sich nach einer Parzelle umzuschauen, waren die Kinder, natürlich. Der Zulauf durch Leute, denen es ähnlich geht, sorgt in ganz Deutschland für die Senkung des Altersdurchschnitts in den Laubenkolonien. Der Bundesverband Deutscher Gartenfreunde hat 905 000 Kleingärten mit einer Gesamtfläche von 40 000 Hektar gezählt. Über fünf Millionen Menschen machen mit.

Die erste Parzelle übernahmen wir gemeinsam mit Freunden von zwei betagten Damen, die zweite ebenfalls von einer Seniorin, nachdem wir die erste aufgegeben hatten. Der zweite Garten innerhalb von nur vier Jahren? Das war bereits der zweite kleingartenbedingte Lernprozess. Um das gepachtete Grün mit Überzeugung bearbeiten zu können, müssen die Bedingungen stimmen. Und das war beim ersten Garten nur eingeschränkt der Fall.

Keine Toiletten und kein Kiosk

Zwar trug der Johannisbeerstrauch üppig, an den uralten Quittenbaum ließ sich eine Hängematte hängen und es gab Äpfel, Himbeeren und Pfirsiche. Doch für uns war der Garten nur mit dem Auto zu erreichen, die Nachbarn mochten weder Kindergeschrei noch Grillgeruch und Toiletten oder ein Kiosk waren auch nicht in der Nähe. Das bedeutete viel Hin- und Herfahrerei und ein schlechtes Gewissen bei Kindergeburtstagen und Grillgelagen.

Doch Aufgeben kam nicht in Frage. Dass uns das Gartenfieber gepackt hätte, ist wahrscheinlich zu viel gesagt. Aber dass selbst gezogene Tomaten und Karotten ungeahnte Glücksmomente erzeugen (und natürlich viel intensiver schmecken), das stimmt schon. Ganz abgesehen davon, dass man sich als Schreibtischtäter hin und wieder gern die Finger schmutzig macht. Wer will, kann daraus sogar einen Lifestyle machen und von Urban Gardening sprechen.

Apropos Lifestyle: Der gerade ultra-hippe Selbstversorgungsgedanke stand am Taufbecken der Schrebergartenbewegung. Wo sich naturentwöhnte Städter heute nach Obst und Gemüse sehnen, das nicht auf Massenplantagen angebaut und über Ozeane geschippert wurde, war damals, als die Industriegesellschaft die Agrargesellschaft ablöste, pure Notwendigkeit: die Versorgung einer wachsenden städtischen Bevölkerung mit Obst und Gemüse und die Schaffung von Bewegungs- und Erholungsflächen für die Arbeiterschaft und ihre Kinder.

Wegen dieser gesellschaftlichen Funktion werden Kleingartenvereine von den Kommunen auch heute noch gefördert: Die städtischen Flächen, auf denen sie sich ausbreiten, kosten sie und damit auch die Pächter relativ kleines Geld.

Unsere Suche nach Garten Nummer zwei dauerte jedenfalls zweieinhalb Jahre. Es war nicht so, dass es keine passenden Angebote gab – aber die Erfahrung mit Garten Nummer eins hatte uns gelehrt, genau hinzuschauen.

Wir sahen ein moosiges Stück Land mit einer vergammelten Holzlaube, die nur noch zum Abriss taugte, und Gärten mit viel zu wenig Auslauf für die Kinder oder einem insgesamt ungünstigen Schnitt. Dann endlich wurden wir fündig. Aber natürlich gab es noch viel zu tun. Das Dach der Laube musste entmoost und ein alter Wassertank entsorgt werden. Hinter das Geheimnis der Verkabelung der Solarzelle, die der Vorpächter auf dem Dach installiert hat, sind wir bis heute noch nicht gekommen.

Die vor zwei Jahren gesetzten Stachelbeersträucher scheinen nicht nur den Winter, sondern vor allem auch den trockenen Sommer überstanden zu haben, und schlagen mit vorsichtigem Grün neu aus. Forsythie, Osterglocken und Tulpen setzen erste kräftige Farbakzente. Der Holzzaun auf der Nordseite könnte einen Anstrich vertragen und wir müssen einen Weg finden, um die Wühlmäuse abzuwehren, die im Vorjahr die Bohnen vernichtet haben. Dann fehlt nur noch ein Plätzchen für die Hängematte. red

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