Bergstraße

Mit der Bevölkerung vergreisen auch die Ärzte

Archivartikel

Die Ärzteschaft vergreist. Im Kreis Bergstraße sind Hausärzte im Schnitt 54 alt, Fachärzte nur geringfügig jünger. Das dicke Ende ist absehbar: In einem guten Jahrzehnt werden mehr als hundert Hausärzte in Ruhestand gehen - und eine Riesen-Lücke reißen. Die Prognosen nennen die Zahl 103 bis zum Jahr 2030. Landrat Christian Engelhardt weiß um die "Herausforderung, um die man sich frühzeitig kümmern sollte" - und nicht erst, wenn der Notstand bereits eingetreten ist.

"Man" - das kann jeder und keiner sein. Die gesetzliche Zuständigkeit des Landkreises ist klar definiert - und begrenzt: auf das Kreiskrankenhaus als Klinik der Grund- und Regelversorgung, den Rettungsdienst und das weite Feld der Prävention. Die ambulante ärztliche Versorgung dagegen ist Aufgabe der KV, der Kassenärztlichen Vereinigung. Wie sie ihre Rolle interpretiert, passt vielen nicht - weder im Berufsstand, den sie vertritt, noch in der Bevölkerung. Zufriedenheit sieht anders aus. Und das hat Gründe.

Die Wege sind nicht berücksichtigt

Bei der Vergabe der Facharztsitze kommt der ländliche Raum zu kurz. Die Statistik vermittelt ein schräges Bild. Die ambulanten Praxen sind ungleichmäßig verteilt (siehe Infobox mit Zahlen, Daten, Fakten).

Die Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz, die im Landratsamt den Gesundheitssektor verantwortet, wirbt allerdings für eine differenzierte Sichtweise: Die KV sei ein wichtiger Partner für die Politik: "Sie macht sich sehr wohl Gedanken über die ärztliche Versorgung im ländlichen Raum und unterstützt uns dabei."

Und der Kreis selbst? "Wir kümmern uns darum mit ganz viel Nachdruck", versichert Landrat Christian Engelhardt. "Als Koordinator und mit einzelnen Projekten", fügt Gesundheitsdezernentin Stolz hinzu. Die Problemzonen liegen im Odenwald - und gleich danach in Teilen des Rieds. Eine Bestandsaufnahme und der Versuch eines Ausblicks:

Wie ist es um die fachärztliche Versorgung bestellt?

Statistisch stellt sie sich als gut bis sehr gut dar. Auf den gesamten Landkreis bezogen, liegen die Versorgungsgrade in allen Fachgruppen deutlich über hundert, in einzelnen Disziplinen sogar über 200 Prozent. Selbst der Odenwald ist - nimmt man die teilregionalen Bevölkerungszahlen zum Maßstab - nicht unterbesetzt. Aber Papier ist geduldig: Die weiten und bisweilen verschlungenen Wege bleiben bei dieser Betrachtung völlig außen vor.

Zudem tickt eine doppelte demografische Zeitbombe. Die Altersschere klafft weit auseinander: Während im westlichen Teil des Kreises mehr als die Hälfte der Fachärzte unter 55 Jahre auf dem Buckel hat, haben die meisten der im Odenwald niedergelassenen Mediziner dieses Alter längst überschritten.

Gibt es bald sogar große weiße Flecken in der ambulanten Versorgung?

Insgesamt zeichnet sich aufgrund des hohen Durchschnittsalters der Ärzte und der Nachwuchsproblematik ein alles andere als rosiges Zukunftsbild ab. Mehr denn je sind innovative Lösungen gefragt. Beispiele sind das Projekt "Landpartie" und der Weiterbildungsverbund für angehende Fachärzte. Dahinter steckt der Gedanke, für künftige Mediziner sämtliche praktischen Ausbildungsmodule im Landkreis anbieten zu können.

Die Voraussetzungen sind ideal: Die Bergstraße liegt mitten im Dreieck zwischen drei medizinischen Universitätsstandorten: Heidelberg, Mannheim und Frankfurt. Im August absolvieren die ersten fünf Studierenden in vier Praxen im Odenwald und im Ried ein Praktikum. Diana Stolz spricht von einer Win-Win-Situation für alle.

Kann die "Landpartie" zum Königsweg werden?

Alleine sicher nicht. Zwei Drittel aller Medizin-Studierenden sind Frauen. Viele von ihnen, aber auch viele junge Männer haben andere Lebensentwürfe als der gute alte Landarzt von gestern, der rund um die Uhr für seine Patienten da ist. Es wird weniger Einzelkämpfer, dafür mehr Gemeinschaftspraxen, Ärztehäuser und Medizinische Versorgungszentren geben. Die Entwicklung in und um Lindenfels ist nur ein Beispiel von vielen. Handlungsbedarf besteht weit darüber hinaus.

Wie stellt sich die Lage ein Jahr nach Schließung des Luisenkrankenhauses in Lindenfels dar?

Die Rede war von einem MVZ-plus, das die entstandene Lücke schließen sollte. Die Bürgerinitiative Gesundheitsversorgung Vorderer Odenwald mit ihren weit über tausend Mitgliedern will mehr: ein kleines, aber feines stationäres Krankenhaus, eine "Luise light". Tatsächlich verhindert aktuell nur ein Mini-MVZ einen medizinischen Notstand: zwei Hausärzte in Voll-, zwei Gynäkologinnen in Teilzeit sowie der ehemalige Chefarzt der Inneren Medizin im Luisenkrankenhaus. Darüber hinaus praktizieren zwei Landärzte, deren Ruhestand nicht mehr fern ist.

Hat der Landrat falsche Erwartungen geweckt?

Christian Engelhardt bestreitet dies. Als Ausgangslage habe er ein MVZ "kurz vor der Insolvenz" vorgefunden. Das Engagement des Kreiskrankenhauses habe die Einrichtung auf gesunde Beine gestellt. Der Landrat beobachtet bei der "ersten Enkeltochter" des Universitätsklinikums Heidelberg, das in der Heppenheimer Kreisklinik das Sagen hat, eine "sehr gute" Entwicklung. Die angemieteten Räumlichkeiten sind allerdings zu klein. Sie taugen nur als Übergangslösung.

Wie geht es weiter mit dem MVZ in Lindenfels?

Geplant ist ein Umzug in die ehemalige Zwick-Klinik - zusammen mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst und dem Dialysezentrum. Der Landrat ist überzeugt: "Das wäre von erheblichem Nutzen für die Attraktivität des ärztlichen Angebots in Lindenfels und würde zudem Synergieeffekte schaffen." Dafür muss allerdings erst einmal kräftig investiert werden. Neubaupläne am Feuerwehrgerätehaus sind vom Tisch. Angesichts der vielen leerstehenden Immobilien im Kurstädtchen scheint dies vernünftig.

Ist das alles? Oder gelingt eine flächendeckende Versorgung?

Der Landrat verweist auf das vor einem Jahr für spätestens diesen Sommer in Aussicht gestellte integrierte Versorgungskonzept. Es soll - als Pilotprojekt mit Unterstützung des Wiesbadener Sozialministeriums - kreis- und an den Rändern zudem länderübergreifend aufgestellt werden, auch für den Rettungsdienst und für eine vernetzte Telemedizin. Weitere Details verrät der Landrat noch nicht. Noch den Sommerferien aber soll - sobald der ministerielle Segen erteilt ist - weißer Rauch aufsteigen.

Viel Zukunftsmusik und noch mehr Absichtserklärungen: Was passiert unter dem Kürzel NOVO?

Neun Kommunen beteiligen sich am Netzwerk ortsnahe Versorgung Odenwald. "Die Stärke liegt in der Gemeinsamkeit", geben sich der Landrat und die Gesundheitsdezernentin vom Erfolg überzeugt. Die Alarmglocken sollen frühzeitig klingeln, wenn eine Arztpraxis wiederzubesetzen ist oder die Gefahr der Abwanderung besteht.

Darüber hinaus soll NOVO ein Auge auf den kompletten Gesundheitsbereich haben, von der häuslichen und stationären Pflege bis zur Apotheke in der Nähe.

Im nächsten Jahr wird es eine umfassende Bedarfsanalyse geben. Ziel ist es, "eine dauerhafte wohnortnahe Versorgung aufzubauen". Darüber waren sich die beteiligten Bürgermeister und die Kreisspitze bei der Vertragsunterzeichnung im vorigen Monat einig.

Verträgt die Bergstraße zwei Krankenhäuser in fünf Kilometern Entfernung?

Doppelstrukturen, wie sie gerade wieder entstehen, haben in der Vergangenheit weder dem Heilig-Geist-Hospital in Bensheim noch dem Kreiskrankenhaus in Heppenheim gutgetan. Eine Geburtsklinik etwa ist erst ab einer bestimmten Auslastung - oberhalb von mindestens tausend neuen Erdenbürgern - wirtschaftlich zu betreiben. An der Konkurrenz von Kliniken kann der Landrat dennoch "zunächst nichts Schlechtes" finden. Trotzdem sei der Kreis mit allen Betreibern "permanent" im Gespräch.

Wieso kommt es nicht zu einem abgestimmten stationären Angebot?

Einen Hebel haben der Landrat und die Gesundheitsdezernentin dafür nicht: "Es ist nicht unsere Aufgabe, in den Wettbewerb von Privaten reinzugrätschen." Selbstverständlich müsse sich das Kreiskrankenhaus dem Wettbewerb stellen. Das gelte sowohl mit Blick aufs HGH in Bensheim als auch für die Schön-Klinik in Lorsch und das Marienkrankenhaus in Lampertheim.

Am Standort Heppenheim werden gerade 60 Millionen Euro investiert, "damit der hohen fachlichen Kompetenz eine genauso moderne räumliche Ausstattung folgt". Ein Auslastungsproblem, so der Landrat, gebe es am Kreiskrankenhaus nicht - "im Gegenteil".

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