Bergstraße

Ermittlung Bislang 35 Vorfälle und rund 2,3 Millionen Euro Gesamtschaden in Hessen allein in diesem Jahr

Mit Gas und Sprengstoff Geldautomaten zerlegt

Archivartikel

Bergstraße.Meist ist es ein lauter Knall in den frühen Morgenstunden, der die Anwohner aufschrecken lässt. Dicht gefolgt von quietschenden Reifen – von den Tätern keine Spur. 35 Geldautomaten wurden in diesem Jahr bereits in Hessen gesprengt – mit einem Gesamtschaden von rund 2,3 Millionen Euro.

Das Problem ist schon lange bekannt, doch die Fallzahlen haben in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Christoph Schulte, Leiter der Pressestelle des hessischen Landeskriminalamtes (HLKA) hat mit der zuständigen Ermittlungsgruppe des HLKA gesprochen und erklärt im Gespräch mit dieser Zeitung, wie solche Tätergruppen vorgehen und wie man vorsorglich handeln kann.

Schon 1,5 Millionen Euro erbeutet

Deutschlandweit waren bislang insbesondere die Bundesländer Nordrhein-Westfalen, Niedersachsen, Hessen und Rheinland-Pfalz betroffen. „Allein in Hessen wurden im laufenden Jahr bis Anfang August 35 Vorgänge erfasst. 2018 waren es insgesamt 31 Fälle, im Vorjahr 37 und 2016 noch 19 Vorfälle“, weiß Schulte. Zu den jüngsten Sprengungen an der Bergstraße kam es am 15. Januar in Alsbach-Hähnlein und am 27. April in Pfungstadt.

Auch Unbeteiligte sind in Gefahr

„Für 2019 gehen wir derzeit in Hessen von einem Gesamtschaden in Höhe von mindestens 2,3 Millionen Euro aus“, so der Pressesprecher. Erbeutet wurden in diesem Jahr bislang bereits rund 1,5 Millionen Euro. Damit ist die Summe der bisherigen Beute fast genauso hoch, wie der Gesamtschaden aus dem Jahr 2017 mit 1,54 Millionen. Noch im vergangenen Jahr war Letzterer deutlich geringer. „Die Gesamtschadenssummen variieren von wenigen hundert Euro beim gescheiterten Versuch einer Sprengung, bis hin zu einem mittleren sechsstelligen Betrag. Besonders hoch ist die Summe dann, wenn neben dem Automat auch Gebäudeteile beschädigt oder eine hohe Summe Bargeld erbeutet wurde.“

Doch auch Personen selbst sind bei einer solchen Automatensprengung in Gefahr: „Die Täter gehen dabei ein hohes Risiko ein – ganz gleich, ob sie ein Gasgemisch oder Sprengstoff einsetzen.“ Durch die Explosion werden Gegenstände und Splitter durch die Luft geschleudert, die über mehrere Meter um den Tatort herum verteilt werden.

Auch Rückstände oder nicht umgesetzte Stoffe können später noch für Einsatzkräfte und unbeteiligte Dritte gefährlich werden. Wenn bei der Sprengung Gebäude beschädigt werden, seien damit oftmals statische Veränderungen verbunden. Wenn die Feuerwehr oder ein Statiker diese als gefährlich einstuft, werden weitere Sicherungsmaßnahmen eingeleitet. Für Unbeteiligte ist die Gefahr auch sehr groß, wenn sie den Tätern auf ihrer Flucht in die Quere kommen. Oft sind diese mit Höchstgeschwindigkeit auf den Straßen unterwegs, um nicht von der Polizei erwischt zu werden. Werden die Täter aber gefasst und ihre Schuld in der Gerichtsverhandlung bewiesen, blühe ihnen eine Freiheitsstrafe von mindestens einem Jahr.

Polizei setzt auf Prävention

Um dafür zu sorgen, dass es nicht zu weiteren Sprengungen von Geldautomaten kommt, habe das HLKA den Banken eine Reihe von Präventionsmaßnahmen vorgestellt. „Zunächst steht dabei eine umfassende Gefährdungsanalyse für alle installierten und potenziellen Standorte von Geldautomaten im Vordergrund. Die Automaten sollten beispielsweise räumlich umschlossen aufgestellt und der Zugang alarmtechnisch überwacht werden – mit Aufschaltung auf eine Notruf- und Servicestelle.“ Zudem rate das HLKA zur Videoüberwachung des Foyers, die bei Alarmauslösung aktiviert wird und automatisch eine Bildübertragung zur Notruf- und Servicestelle startet. „Durch die Kreditinstitute werden die Maßnahmen zum Teil bereits erfolgreich umgesetzt“, berichtet Schulte.

Auch gibt es Möglichkeiten, um das Geld im Ernstfall zu entwerten: Die Scheine werden eingefärbt, so dass die Täter keinen Nutzen mehr daraus ziehen können. Wie diese Methode funktioniert, erklärt Schulte: „Bei den Einfärbesystemen für Banknoten handelt es sich um sogenannte ,Intelligent Banknote Neutralisation Systems“, auch kurz IBNS-Systeme genannt. Diese sollen ausgelöst werden, wenn beispielsweise die Geldkassetten nach mechanischer Öffnung des Geldautomaten herausgenommen werden.“

Versuchen die Täter, die gefärbten Banknoten einzulösen, sei das sehr riskant und aufwendig. „Die Verwertung der Beute kann so also damit erschwert, aber in der Regel nicht gänzlich verhindert werden“, berichtet der Pressesprecher. Auch seitens der Bundesbank sei kaum ein Rücklauf von eingefärbtem Geld festzustellen. Daher gehe das HLKA davon aus, dass auch eingefärbtes Geld im Ausland weiter als Zahlungsmittel in Umlauf gebracht werden kann.

Bürger können mithelfen

Bei auffälligem Verhalten ruft die Polizei dazu auf, sich direkt an die nächstgelegene Dienststelle zu wenden. So könne jeder dazu beitragen, dass solche Straftaten aufgeklärt oder – im Bestfall – verhindert werden können.

Was aber ist unter auffälligem Verhalten zu verstehen? „Bei mutmaßlichen Automatensprengern gilt Ähnliches wie bei möglichen Wohnungseinbrechern und Autodieben. Personen und Fahrzeuge sind von genereller Bedeutung, wenn sie nicht ins tägliche Umfeld passen. Beispielsweise in der Tiefgarage, dem (Dauer-)Campingplatz oder im Mehrfamilienhaus“, erklärt Schulte. Darüber hinaus solle immer unmittelbar Strafanzeige erstattet werden, wenn festgestellt wurde, dass Gasflaschen, Zündelektronik, Autokennzeichen oder ganze Fahrzeuge entwendet wurden.

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