Bergstraße

Handarbeit Irina Müglich aus Bensheim näht ehrenamtlich Kopfbedeckungen in einer Interessengemeinschaft / Drei Unikate für jeden Betroffenen

Mit „Onkomützen“ Patienten im Kampf gegen den Krebs unterstützen

Archivartikel

Bergstraße.Fünfzehn bis zwanzig Minuten rattert in Irina Müglich’s kleinem Arbeitszimmer unterm Dach die Nähmaschine, dann ist sie fertig – die „Onkomütze“. Jeden Abend näht sie eine solche Mütze aus buntem Stoff, um krebskranken Menschen eine Freude zu bereiten.

„Am Anfang habe ich noch hier im Wohnzimmer genäht, aber inzwischen kann ich mich in mein kleines Nähzimmer zurückziehen“, berichtet die 51-Jährige, die mit ihrem Mann und den zwei Söhnen in Hochstädten lebt. Von kunterbunten und gemusterten Stoffen bis hin zu mit Sprüchen bedruckten Textilien ist alles dabei. Für Letztere entscheiden sich die Krebs-Patienten besonders häufig, so Müglich.

Austausch über Schicksalsschläge

Schriftzüge wie „Krebs sollte nur ein Sternzeichen sein“, „Zieh dich mal warm an“ oder „Fuck Cancer“ sind auf die Stoffe gedruckt. „Das sind Durchhalteparolen von den Patienten selbst“, erklärt sie. Besonders Frauen entscheiden sich für eine „Onkomütze“. „Viele tragen sie nachts beim Schlafen oder auch als Alternative zu Perücken“, erklärt Müglich. Denn nicht für jeden sind Perücken etwas: „Viele sind aus Kunsthaar, nicht identisch mit der eigenen Haarfarbe, jucken oder kitzeln. Und letztendlich ist es eine Form, die Krankheit zu verschweigen, zu vertuschen.“ Mützen hingegen sind für die Patienten vor allem eines – ein Schutz. „Natürlich wärmen sie, die Mütze gibt ihnen aber auch Stärke. Sie sind individuell für die Patienten angefertigt und sie wissen, woher die Kopfbedeckungen kommen.“

Eigentlich arbeitet Irina Müglich bei der Lufthansa in der Gepäckermittlung. Die Zeit, sich nach der Arbeit zurückzuziehen, nimmt sie sich gerne. Seit Jahren verbringt sie Zeit an der Nähmaschine: „Früher habe ich zum Beispiel auch Hosen für meine Jungs genäht“, berichtet sie.

Dass sie seit Januar hauptsächlich Mützen für Krebspatienten näht, hat allerdings einen traurigen Hintergrund. „Ich habe vor einigen Jahren meine Schwester verloren, die selbst Krebs hatte“, erzählt sie. Jetzt anderen Patienten mit einer bunten Mütze ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, bereitet ihr daher eine umso größere Freude. „Ich habe zwar in der Regel keinen direkten Kontakt mit den Patienten, die eine Mütze von mir bekommen. Aber über die Gruppe bekomme ich Bilder von Patienten, die die Mützen tragen und sich darüber freuen.“

Nervennahrung zur Stärkung

Die Gruppe – das ist die Facebook-Gruppe „Onkomützen“. Denn Müglich ist mit ihrer Begeisterung fürs Nähen auf die gleichnamige Interessengemeinschaft aufmerksam geworden. Seitdem näht sie ehrenamtlich Mützen in den verschiedensten Größen, Formen und Farben.

Auf Facebook können sich die Patienten mit den ehrenamtlich Handarbeitenden austauschen – über die Mützen, aber auch Diagnosen und Schicksalsschläge, die sie mit der Gemeinschaft teilen.

Auch für Müglich ist es nicht immer einfach, die Erlebnisse nicht zu nah an sich heranzulassen: „Wenn ich von Familienmitgliedern die Nachricht bekomme, dass es ein Patient nicht geschafft hat, dann zünde ich eine Kerze für denjenigen an und denke an ihn.“

Die individuellen Wünsche und Maße der Patienten setzt Irina Müglich an der Nähmaschine in ihrem Atelier um. Ist eines der Unikate fertig, wird es verpackt. „Dazu lege ich dann noch eine kleine Tüte Gummibärchen oder einen Schokoriegel als Nervennahrung.“ Auch das Porto für den Versand übernimmt Müglich, so dass keinerlei Kosten auf die Empfänger zukommen. „Bis zu drei Mützen darf sich jeder Betroffene aussuchen“, berichtet sie.

„Flyer über unser Angebot mit den Kontaktdaten liegen beispielsweise schon in einigen Krankenhäusern, bei Ärzten und in Friseursalons aus.“ Auf sie komme keinerlei Verpflichtung zu, lediglich, die Flyer auszulegen und mögliche Interessenten darauf hinzuweisen. Auch sogenannte Starterpakete mit Mützen können in die Praxis geschickt werden, dass sich Interessenten schon vor Ort ein Exemplar aussuchen können, wenn gewünscht. „Leider wissen trotzdem noch zu wenige Patienten, dass es die Onkomützen gibt.“

Schnittmuster für die verschiedenen Modelle – darunter auch Kopfbedeckungen in Turban-Optik mit Knoten – bekomme Müglich teilweise von anderen Handarbeitsbegeisterten über die Facebook-Gruppe. „Die Stoffe kaufe ich selbst, teilweise online und auf Stoffmärkten, aber hauptsächlich hier vor Ort. Mir persönlich ist es auch sehr wichtig, dass es qualitativ hochwertige Stoffe sind, gerade, da die Mützen für kranke Menschen bestimmt sind“, so Müglich. Aus Stoffresten näht sie unter anderem auch ganz kleine Mützchen für Frühchen und Sternenkinder. Wer gerne auch „Onkomützen“ nähen möchte, die Stoffe aber nicht selbst finanzieren kann, der könne auch Material aus einem Lager bekommen. Sie selbst bekomme auch von Freunden oder von anderen Handarbeitenden in der Gruppe gelegentlich Stoffe geschenkt.

Nicht perfekt, aber einzigartig

„Natürlich sind die Mützen nicht perfekt, ich nähe nicht hauptberuflich. Für mich ist es aber gerade an einem schlechten Tag entspannend, die Mützen zu nähen und etwas Gutes zu tun. Danach bin ich immer positiv und die Arbeit ruft mir wieder ins Gedächtnis, wie dankbar man dafür sein sollte, dass es einem gut geht und dass man gesund ist.“

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