Bergstraße

Technisches Hilfswerk Rund 30 Mal im Jahr auf Vermisstensuche / Eveline Kümper und Marion Sassen üben für den Ernstfall

Mit Rettungshunden im Einsatz: „Es ist ein gefährliches Hobby“

Archivartikel

Bergstraße.„Such“, sagt Marion Sassen leise – und Hund Sharky trabt los. Immer der Nase nach klettert er über Betontrümmer, schlüpft in enge Spalten und verschwindet schließlich aus dem Blick. Eine Sekunde, zwei, drei – dann schallt Bellen aus dem Trümmerberg. Sassen lächelt. Das Opfer ist gefunden. Lebend.

Die Betontrümmer, die Sharky anbellt, sind im Hof des Technischen Hilfswerks (THW) Viernheim aufgeschüttet. Kein Einsatz, nur Training. Aber der Ernstfall ist nie weit weg. 30 Mal im Jahr wird die Viernheimer Rettungshundestaffel alarmiert, um im Odenwald und an der Bergstraße vermisste oder verschüttete Menschen zu suchen. „Etwa alle zwei Wochen geht der Pieper“, sagt Ausbilderin Eveline Kümper. Und immer wieder rücken Teile des Teams mit der Schnell-Einsatz-Einheit Bergung Ausland (SEEBA) aus in Katastrophengebiete weltweit.

Erst vor wenigen Wochen flogen Sassen und Sharky in die libanesische Hauptstadt Beirut, um nach einer großen Explosion im verwüsteten Hafen Überlebende zu suchen. Ein kräftezehrender Einsatz, doch das Training ging gleich danach weiter – mit neuen Szenarien. „Oft tippe ich schon auf dem Heimweg von einem Einsatz eine Nachricht an das Team: Wir müssen üben!“, sagt Sassen und lacht.

Das Training jeden Freitag leitet Kümper, die schon seit 22 Jahren Rettungshundeführerin beim THW ist. „Aber das ganze Team wirkt an der Ausbildung mit“, sagt sie – insgesamt vier Hundeführer und sechs geprüfte Trümmer- und Flächensuchhunde sowie ein Mantrailer.

Klimageräte baumeln herab

Für sie zählt nur eins: Im Einsatz muss jeder Schritt sitzen. Weil für Verschüttete die Zeit abläuft. Und weil die Suche in den Trümmern riskant ist. Trümmerteile können verrutschen und herabstürzen. „Es ist ein gefährliches Hobby, für die Hunde und für uns“, sagt Kümper nüchtern. Bei Einsätzen innerhalb Deutschlands rückt das Viernheimer Team immer geschlossen aus – und passt aufeinander auf. „Vertrauen ist im Team total wichtig“, sagt Sassen. „In Beirut wurde ich von Kollegen vor herabbaumelnden Klimageräten gewarnt – die hatte ich gar nicht wahrgenommen, weil ich voll auf meinen Hund fokussiert war“, erzählt die 38-Jährige.

Und dann ist da noch die Angst um den tierischen Partner. „Es kostet schon Überwindung, stehen zu bleiben und zu warten, dass der Hund wieder aus den Trümmern rauskommt“, sagt Sassen. „Eveline legt mir meistens die Hand auf die Schulter und sagt: ganz ruhig.“

Neben dem wöchentlichen Training übt die Rettungshundestaffel auch mehrmals im Jahr auf Bauschuttdeponien oder in halb abgerissenen Häusern.

Training im Abrisshaus

„Wenn ich ein Abrisshaus sehe, frage ich sofort, ob wir es für das Training nutzen dürfen“, erzählt Eveline Kümper. „Das ist das beste Trainingsgelände, das wir haben können!“ Trainiert wird speziell das Aufspüren lebender Menschen. Erst versteckt sich der Hundebesitzer, später ein Fremder. „Die Hunde suchen anfangs mit allen Sinnen“, erklärt Kümper. „Aber sie merken bald, dass sie mit der Nase am schnellsten ans Ziel kommen.“

Und das Ziel ist nicht nur der Vermisste, sondern auch die besondere Belohnung, die es nur im Training und Einsatz gibt. „Bei Sharky sind es aktuell Wiener Würstchen“, sagt Sassen und fügt trocken an: „Da geht beim Einkaufen so einiges über die Theke.“ Auch in Beirut war die Belohnung dabei, „extra in eine Blechdose gepackt, die gegen Hitze und Kälte beständig ist“.

Aber nicht nur die Belohnung hält die Hunde bei der Stange – mehr noch der Spaß an der Suche. „Die Hunde merken es sofort, wenn es in den Einsatz geht“, erzählt Sassen. „Wenn der Pieper losgeht und wir die blaue Einsatzkleidung anziehen, sind sie ganz aufgeregt.“

Erinnerung an ersten Einsatz

Auch beim Training können es Sharky und Kümpers Hündin Quaskiya kaum abwarten, endlich losschnüffeln zu dürfen. Beide sind fünf Jahre alt. Im Dienst bleiben werden sie, bis die Suche für sie zu anstrengend wird. „Für die Hunde ist das eine Lebensaufgabe“, sagt Sassen. Und für ihre Besitzerinnen? „Als ich mir meinen ersten Hund geholt hatte, wollte ich etwas Sinnvolles mit ihm machen. Keinen Hundesport, sondern anderen helfen“, erklärt die 55-jährige Kümper.

Marion Sassen nickt – und erinnert sich dann an ihren ersten Trümmereinsatz, als aus dem Spaß am Training plötzlich Ernst wurde: „Als das Flatterband für mich und Sharky angehoben wurde, da wurde mir klar, dass das real ist, dass etwas Schlimmes passiert ist“, erzählt sie. Die Einsätze seien nicht immer einfach, aber etwas anderes überwiege für sie: „Als Team können die Hunde und wir Großes bewirken: Lebende Menschen finden, egal, ob sie sich im Wald verirrt haben oder bei einer Gasexplosion verschüttet wurden.“ Dafür üben sie. Unermüdlich. /sm

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