Bergstraße

Prozess Beweisaufnahme abgeschlossen / Plädoyers am Mittwoch

Mörlenbach: Eltern sind voll schuldfähig

Archivartikel

Darmstadt/Mörlenbach.Werner H. und seine Frau Christiane H. sind voll schuldfähig. Zu dieser Einschätzung kam Prof. Henning Saß am siebten Tag des Mordprozesses. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Ehepaar vor, seine beiden Kinder am 31. August 2018 gemeinschaftlich und heimtückisch ermordet zu haben. Während Werner H. die Tat auf sich nimmt, streitet seine Frau jegliche Mitwisserschaft und Beteiligung ab.

Der Verhandlungstag stand ganz im Zeichen des Gutachtens von Saß, einem der bekanntesten forensisch-psychiatrischen Gutachter Deutschlands, der unter anderem auch Beate Zschäpe begutachtete. Er hat sich mit den Angeklagten unterhalten, den Prozess von Beginn an verfolgt und sich durch die Akten gekämpft.

Vieles erscheint gesteuert

Sein Fazit: Bei beiden Angeklagten gibt es keinen Anhaltspunkt für eine schwerwiegende psychische Erkrankung oder eine tiefgreifende Bewusstseinsstörung, die als mildernder Umstand gewertet werden könnte. Bei beiden ist er sicher, dass sie die von ihnen angegebenen hohen Dosen an starken Beruhigungsmitteln nicht vor der Tat eingenommen haben. Die Tötung der Kinder unter Einfluss von Medikamenten hält Saß für nicht plausibel, zu vieles erscheine zu gesteuert.

Sein gut dreistündiger Vortrag beleuchtete die Lebensumstände und Biografien der Angeklagten, wobei dies bei Werner H. leichter fällt als bei dessen Frau. Sie führte nur ein Gespräch mit dem Gutachter, ein zweites wurde auf ihren Wunsch abgesagt. Das Gutachten spricht trotzdem eine deutliche Sprache in Sachen Schuldfähigkeit. Doch was sich genau in den frühen Morgenstunden des 31. August in dem Haus der Familie zugetragen hat, ist noch nicht endgültig geklärt.

Vor allem, weil beide Angeklagte sich beharrlich weigern, bei der Verhandlung Fragen zu beantworten. Und so war es erneut der Vorsitzende Richter Volker Wagner, der in die Offensive ging und sich vor allem an Werner H. wandte: „Mit einem Zimmermannshammer dem eigenen Kind ins Gesicht zu schlagen, da steht man schon etwas unbeholfen da.“ Diese überbordende Gewalt sei schrecklich und unvorstellbar.

Eine Rechtfertigung gibt es nicht

Dem Richter geht es um eine Erklärung für die schrecklichen Ereignisse, denn eine Rechtfertigung gibt es nicht. Das sieht auch Saß so, denn der psychische Zustand der Angeklagten mit Ängsten, Wut, Anspannung oder auch – wie bei Werner H. am Ende stärker ausgeprägt – Jähzorn, sei der Gesamtsituation geschuldet und erklärbar.

Forensisch betrachtet spiele dies keine Rolle. Daher schloss er eine Affekttat ebenfalls ganz klar aus. Er beleuchtete auch das Thema Suizid und geht davon aus, dass dies durchaus Thema in der Familie gewesen sei. Dass es aber eine Verabredung für ein gemeinsames Ausscheiden aus dem Leben gab, bezweifelt er stark. Diese Behauptung von Werner H. könne nach Ansicht des Richters vielmehr eine Art Rechtfertigung sein – als habe er letztlich nur den Wunsch der Familie erfüllt.

Es ist einer der vielen schwer zu verstehenden Gedanken, mit denen sich das Gericht seit Wochen befasst, um zumindest ansatzweise in die Köpfe der Angeklagten zu schauen. Als Ursache der Tragödie gilt das Insolvenzverfahren, das die Familie aus einem Leben mit vielen Annehmlichkeiten riss und vor allem am Ego des Angeklagten kratzte. Er, der stets das Sagen und alles unter Kontrolle hatte, musste sich plötzlich Dritten beugen.

Richter, Anwälte, Krankenkassen, Insolvenzverwalter – alle hatten sich aus seiner Sicht gegen die Familie verschworen. „Das hat seinen narzisstischen Ehrgeiz verletzt“, ist sich der Gutachter sicher, der Werner H. zudem Egomanie und mangelnde Empathie attestierte. Dies habe aber keine Auswirkungen auf seine Steuerungsfähigkeit gehabt. Hass, Zorn und Verbitterung sah auch Richter Wagner als möglichen Handlungsantrieb.

Keine pathologische Abhängigkeit

Christiane H. bezeichnet sich selbst als tough und gut organisiert. Ihr Mann schätze ihren Fleiß im Beruf und als Mutter. Auch bei ihr hatte das Insolvenzverfahren Spuren hinterlassen. Sie versuchte dies unter anderem mit einer Gesprächstherapie zu verarbeiten. Das Verhältnis zu ihrem Mann war, analog zu den zunehmenden finanziellen und beruflichen Schwierigkeiten, zunehmend belastet. Vor allem seine Dünnhäutigkeit den Kindern gegenüber wurde zum Problem. Immer mehr geriet die Frau in die Rolle der Vermittlerin.

Trotzdem kämpfte sie zusammen mit ihrem Mann gegen die vermeintliche Ungerechtigkeit des „Systems“, wie sie es einmal selbst bezeichnete. Saß sieht darin eine gewisse Solidarisierung, jedoch keine pathologische Abhängigkeit. An die Tatnacht selbst will Christiane H. keine Erinnerung haben, weiß aber noch, dass der letzte erfolglose Versuch um Aufschub der Räumung „das Ende“ bedeutet habe.

Trotzdem erinnerte sie sich, wie sie die bereits toten Kinder nach der Tat berührt und bei ihrer Tochter keinen Puls mehr gefühlt hatte. Und daran, dass sie ihren Mann angefleht hatte, sie ebenfalls umzubringen. Für Saß alles Indizien, die gegen eine Überdosis Medikamente sprechen. Trotzdem ist immer noch nicht geklärt, inwieweit die Mutter in die Tat involviert war. So bleiben am Ende verschiedene Szenarien, bei denen eine gemeinsame Verabredung der Tat nicht ausgeschlossen wird. Der Prozess wird am kommenden Mittwoch, 29. Mai, ab 9 Uhr am Landgericht Darmstadt mit den Plädoyers fortgesetzt. sf/ü

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