Bergstraße

Internationaler Frauentag Politikerinnen aus der Region diskutierten zum Thema „100 Jahre Frauenwahlrecht“ im Heppenheimer Kurfürstensaal

„Müssen unsere Töchter stark machen“

Bergstraße.„Es ist wichtig, dass die Politik weiblicher wird. Parität tut gut.“ „Wir müssen unsere Töchter stark machen, ihnen mehr Selbstvertrauen geben und ihre Diskussionsfreudigkeit wecken. Ich wünsche mir, dass das Wort Gleichberechtigung irgendwann aus dem Duden gestrichen wird.“ „Gleichberechtigung und Gleichstellung müssen endlich Realität werden. Was Frauen vor 100 Jahren und später erreicht haben, ist keine Selbstverständlichkeit und muss jeden Tag neu erkämpft werden.“

Erste Kreisbeigeordnete Diana Stolz (CDU), Heppenheims Stadtverordnetenvorsteherin Susanne Benyr (CDU) und die SPD-Bundestagsabgeordnete und Parlamentarische Staatssekretärin, Christine Lambrecht, lassen keinen Zweifel daran, dass der Weg zur Gleichstellung der Frau nach wie vor ein schwerer und das Ende nicht abzusehen ist. Und das, obwohl Elisabeth Selbert, Frieda Nadig, Helene Weber und Helene Wessel – die „Mütter des Grundgesetzes“ – es geschafft haben, den Gleichheitsgrundsatz gegen den erklärten Willen der Verfassungsväter 1949 im Grundgesetz zu verankern.

Gemeinsam mit der Grünen-Stadtverordneten von Heppenheim, Anna-Lena Groh, der ehemaligen FDP-Stadtverordneten Winifred Hörst und der CDU-Kreistagsabgeordneten Lisa Galvagno diskutierten Stolz, Lambrecht und Benyr am Weltfrauentag in einer munteren Talkrunde über den Status quo der Gleichstellung. Anlässlich des Jubiläums „100 Jahre Frauenwahlrecht in Deutschland“ hatten der Kreis Bergstraße und die Stadt Heppenheim interessierte Bürgerinnen und Bürger zu einer Festveranstaltung in den Heppenheimer Amtshof eingeladen.

Freudig überrascht über die große Resonanz war das Organisationsteam der Frauen- und Gleichstellungsbeauftragten von Stadt und Kreis, das während des Abends Regie führte. Kabarettistin Yvonne Hotz moderierte die ausverkaufte Geburtstagsfete unkonventionell und keck („Wenn morgen nur noch Frauen wählen dürften, hätten wir das Problem AfD nicht mehr.“). Ehe das weibliche Geschlecht im voll besetzten Kurfürstensaal das Zepter übernahm, hieß Bürgermeister Rainer Burelbach die Gäste willkommen, darunter SPD-Landtagsabgeordnete Karin Hartmann, die gesamte Kreisspitze mit Kreistagsvorsitzendem Gottfried Schneider (CDU) und zahlreiche Bürgermeister.

„Wir sind vom Ziel noch weit entfernt. Die Gleichstellung ist nicht da“, redete Landrat Christian Engelhardt nicht lange um den heißen Brei herum. Der Frauenanteil im Bundestag betrage gerade einmal 31 Prozent, hingegen verdienten Frauen noch immer 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen. Dass Frauen in der politischen Landschaft nach wie vor in der Minderheit sind, führte er unter anderem auf die „nicht gerade familienfreundlichen Abläufe“, die vielen Abendtermine und die hohen Wiedereinstiegshürden nach der Elternzeit zurück: „Wir müssen Lösungen finden, die es für Frauen erstrebenswert machen, politisch aktiv zu werden, auch in finanzieller Hinsicht.“

Nach etlichen Videoclips und Zitaten europäischer Frauenrechtlerinnen und Revolutionärinnen kamen Heppenheimer Frauen zu Wort. Die Mehrzahl der Interviewten äußerte sich in der Umfrage selbstbewusst bis kritisch zu ihrer Rolle als Frau, etwa: „Wer etwas verändern möchte, der kriegt das hin, egal ob Mann oder Frau.“ Dass Solidarität keine Frage von Parteizugehörigkeit oder Alter ist, bewies anschließend das weibliche Polit-Sextett Benyr, Groh, Stolz, Hörst, Lambrecht und Galvagno.

Übereinstimmend sprachen sich die Politikerinnen von CDU, SPD, Grüne und FDP für eine Frauenquote bis hinein in Führungspositionen aus. „Ich war früher der Meinung, Leistung allein sollte den Ausschlag geben. Aber das reicht nicht“, sagte Hörst. Aktuelle Zahlen sprechen für sich: So sind im Bergsträßer Kreistag Männer mit 75 Prozent klar in der Überzahl, und nur zehn Prozent der Landratsposten in ganz Hessen sind mit Frauen besetzt. Anna-Lena Groh wünscht sich, dass bei Nominierungen auf kommunaler Ebene mehr Frauen berücksichtigt werden.

Blond – und auch noch blauäugig

Lisa Galvagno und Diana Stolz trugen eigene Erfahrungen aus ihrem politischen Umfeld zum Thema Gleichstellung bei. So erzählte die Erste Kreisbeigeordnete („Blond und auch noch blauäugig“), dass ihr vor Amtsantritt von männlicher Seite empfohlen wurde, ihre Haare abzuschneiden und zu färben. „Aber ich bleibe ich selbst“, sagte sie. Lambrecht gab sich ebenfalls kämpferisch: „Ich würde mich as gleichberechtigte Feministin und emanzipierte Frau bezeichnen. Das ist etwas Gutes.“

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