Bergstraße

Interview Willi Billau, Chef des Regionalbauernverbands Starkenburg, nimmt zur Kritik an der Landwirtschaft Stellung

„Natürlich sind wir Bauern von der Industrie abhängig“

Archivartikel

Bergstraße.Die Landwirtschaft bewegt eine Protestwelle in Deutschland, die Aktionen reichen von Lampertheim bis nach Berlin. Grund ist das Agrarpaket der Bundesregierung. Darin haben Umweltministerin Svenja Schulze (SPD) und Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) zum Zweck des Klimaschutzes Einschnitte für die Bauern formuliert. So sollen etwa Insektizide in Naturschutzgebieten wie dem Lampertheimer Biedensand komplett verboten werden. Gleichzeitig werfen Umweltschützer dem Deutschen Bauernverband vor, sich von der Agrarmittelindustrie gängeln zu lassen. Ein Gespräch mit Willi Billau. Er ist Vorsitzender des Regionalbauernverbands Starkenburg, in dem fünf Landkreise vereint sind.

Herr Billau, Sie sind ein CDU-Mann. Wenn am Sonntag Bundestagswahl wäre, würden Sie die CDU wieder wählen?

Willi Billau: Jein. Ich würde CDU wählen, wenn auch mit Zahnschmerzen, weil ich mit vielen Dingen nicht einverstanden bin. Aber es sind wenigstens noch ein paar Leute drin, die den Bauern nahestehen. Aber die Zweitstimme bekäme die FDP.

Die FDP?

Billau: Mag sein, dass es nur Oppositionstaktik ist, aber die FDP hat sich in jüngster Zeit ganz eindeutig pro Landwirtschaft positioniert.

Spitzenleute der AfD leugnen den menschlichen Einfluss auf den Klimawandel. Mit ihr wären die Bauern weit weniger eingeschränkt. Schon mal dran gedacht?

Billau: Alles schon mal dagewesen. Mit der AfD habe ich ein großes Problem – und das sind die radikalen Köpfe. Mit denen würde ich keine politischen Experimente machen.

Das Agrarpaket wurde geschnürt, obwohl der Deutsche Bauernverband einer der mächtigsten Lobbyisten in Berlin ist . Es sieht so aus, als wollten Sie widersprechen.

Billau: Ja, weil wir als Vertreter der Basis das Gefühl haben, dass die Beschwichtigungspolitik der Verbandsspitze zum zahnlosen Tiger mutiert ist.

Meinen Sie mit „die da oben“ Ihre Verbandsspitze?

Billau: Ja.

Ihre Parteifreundin Klöckner hat am Agrarpaket mitgearbeitet. Es sieht unter anderem ein Verbot von Insektiziden und Herbiziden in Schutzgebieten vor. Das betrifft Lampertheim in hohem Maße. Ist es nicht ein Zeichen höchster Dringlichkeit für diese Verbote, wenn ausgerechnet eine CDU-Landwirtschaftsministerin sie fordert?

Billau: Wie haben seit Jahren das Problem, dass uns mehr angelastet wird als wir tatsächlich verursachen. Natürlich löst unsere Arbeit Kollateralschäden aus.

Das heißt, Bauer Billau leugnet den Klimawandel nicht?

Billau: Nein, ich leugne ihn nicht. Es ist nur die Frage, wie hoch der menschliche Anteil daran ist. Das weiß keiner. Wenn alle Länder dieser Erde gleichermaßen mitzögen, dann würde ich wie die Klimaaktivisten sagen: Wir müssen alle schneller machen. Wenn wir aber als Einzelstaat drastische Maßnahmen treffen, wie den Sprit um 70 Cent zu verteuern oder die Pendlerpauschale abzuschaffen, machen wir das Land kaputt.

Wie meinen Sie das?

Billau: Wir bekommen soziale Unruhen und eine enorm hohe Arbeitslosigkeit. Deutschland als Land mit global zwei Prozent Klimaanteil kann die Welt nicht alleine retten.

Das heißt weiter so?

Billau: Nein, um Gottes Willen. Wir müssen aber mit Bedacht vorgehen und nicht mit der Verbotskeule. Wir dürfen die Sozialsysteme und das Wirtschaftssystem nicht ruinieren. Wir müssen nach den Ursachen und den Lösungen forschen. Wir müssen die Klimatechnik der Zukunft entwickeln und verkaufen.

Der Biedensand ist Naturschutzgebiet. Dort haben Insektengifte und Unkrautvernichter doch nichts verloren.

Billau: Der Biedensand hat seine Geschichte. Er wurde vor Generationen schon als Hochwasserpolder für die Rheinanlieger . . .

. . . was hat das mit Insektiziden zu tun?

Billau: Es sind im Laufe der Zeit Wirkstoffe entwickelt worden, gerade bei den Herbiziden, auf denen steht, sie seien unschädlich für empfindliche Organismen. Ich sage Ihnen ganz ehrlich, wir gehen davon aus, dass das dann auch stimmt.

Noch mal: die Insektizide.

Billau: Die zielen natürlich auf Insekten, allerdings sehr selektiv. Aber wir spritzen nur einmal im Jahr, wenn überhaupt. Nämlich nur, wenn auch Schädlinge da sind. Nur 28 Prozent der Bundesfläche sind Acker. Sind wir auch für den Insektenrückgang im Wald, auf Wiesen und in den Städten verantwortlich?

Warum ist ein Verbot so schlimm, wenn Sie Insektizide ohnehin kaum einsetzen?

Billau: Was mache ich denn, wenn ein Schädling da ist? Die Ernte vernichten? Wir können auf das Gelände nicht verzichten. Die Ursachen für Insektensterben sind vielfältig und längst nicht geklärt.

Umweltaktivisten behaupten, der Bauernverband tanzt nach der Pfeife der großen Dünge- und Futtermittelkonzerne, der chemischen Industrie und der Saatguthersteller. Was sagen sie dazu?

Billau: Ich weiß es nicht, aber man versucht natürlich, Einfluss auf uns auszuüben.

Heißt in der Praxis?

Billau: Durch Mitgliedschaften der Industrie im Bauernverband und durch Stiftungen. Das muss aber nicht unbedingt negativ sein.

Stehen Sie selber auf der Honorarliste von einer dieser Firmen?

Billau: Nein. Ich bekomme als Vorsitzender des Regionalverbands 200 Euro Aufwandsentschädigung im Monat – für fünf Landkreise.

Nehmen wir das Saatgut. Es heißt, die Bauern seien von den Herstellern abhängig.

Billau: Ja, das sind sie. Und zwar eindeutig. Wenn die Herbizide wegfallen, werden die züchterischen Eigenschaften der Pflanzen noch wichtiger. Damit ist der Bauer vom Hersteller dann noch abhängiger.

Sind Sie auch abhängig von der Pflanzenschutzindustrie?

Billau: Natürlich. Schon immer. Ohne die Mittel wären wir nur noch die Hälfte an Landwirten.

Herr Billau, Sie zeichnen oft apokalyptische Bilder und stellen Kreuze auf Ihren Feldern auf. Wenn das Agrarpaket kommt, sterben massenhaft Betriebe, sagen Sie. Wenn es nicht kommt, stirbt die Natur. Haben Sie auch eine pragmatische Lösung?

Billau: Das Agrarpaket light. Die Einschnitte müssen abgemildert werden. Und wir müssen uns fünf Jahre Zeit nehmen für eine gründliche Ursachenforschung und die Entwicklung von Lösungen. /sm

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