Bergstraße

Vortrag Der Wald-Michelbacher Bürgermeister Sascha Weber sprach über die Reform der Landschulen im Kurmainzer Raum des 18. Jahrhunderts

Neue Fächer – und Unterricht auf Hochdeutsch

Archivartikel

Bergstraße.Bei der jüngsten Versammlung der Bergsträßer Geschichts- und Heimatvereine hat der Wald-Michelbacher Bürgermeister Sascha Weber (Bild) über die Reform der Landschulen im Kurmainzer Raum des 18. Jahrhunderts gesprochen. Im Wald-Michelbacher Rathaus war die Arbeitsgemeinschaft zu ihrem Treffen zusammengekommen.

„Die Einführung der Schulpflicht 1763 in Preußen gilt gemeinhin als eine der großen Leistungen Friedrichs des Großen“, sagte der Bürgermeister einleitend. Jedoch sei die Frage weniger, ob und wann eine Schulpflicht erlassen, sondern vielmehr, ob und wie sie durchgesetzt worden sei. Einen ersten Aufruf zur Schulpflicht in Mainz habe es bereits 1670 in der Kirchenordnung Johann Philipps von Schönborn gegeben.

Das kurmainzische Landschulwesen des 18. Jahrhunderts war bestimmend für die Menschen auch an der Bergstraße und im Odenwald. „Große Teile des heutigen Kreises Bergstraße gehörten zum Mainzer Kurfürstentum“, so Weber. Dieses auch als Mainzer Erzstift bezeichnete mittlere Territorium war vom Mittelalter bis ins Jahr 1803 das eigentliche weltliche Herrschaftsgebiet der Mainzer Erzbischöfe. Hier war der Erzbischof zugleich der Fürst und Landesherr. Im viel größeren Mainzer Erzbistum, dem größten im Alten Reich, hatten Erzbischöfe dagegen nur die kirchliche Führung inne.

Lesen, Schreiben, Choralgesang

Der Unterricht bestand im 18. Jahrhundert dem Referenten zufolge aus Lesen, Schreiben und Choralgesang. Als Lehrer fungierten ehemalige Soldaten, Lehrerkinder oder auch „Dorftrottel“, wie es Weber flapsig formulierte, Personen, die sowieso schon andere Tätigkeiten im Ort ausübten. „Schule allein reichte nicht zum Leben“, sagte er. Deshalb waren die Lehrer meist auch Küster, Organist, Gärtner oder Gerichtsschreiber.

Schulpflicht galt damals für Knaben und Mädchen, betonte Weber: „Geschlechterdiskriminierung kam erst durch die Spätaufklärung.“ Getrennter Unterricht galt zwar unter sittlichen Erwägungen als vorzuziehen, war aber selten umzusetzen. Mit einer umfassenden Erhebung des Schulwesens 1740 und 1747 wurde der Bedarf an Schulen und Lehrkräften erfasst, wie der Rathauschef erläuterte. Außerdem wurden zusätzliche Lehrer eingestellt.

1758 folgte die dritte Erhebung. Dabei wurden der Erfolg des Schulausbaus überprüft und Informationen über Einkommen und Nebenbeschäftigungen der Lehrer erhoben. Außerdem ging es um die Höhe der Schulgelder, die Einführung einer Sommerschule und die Schulpflicht für Sieben- bis 13-Jährige. Das Ergebnis war „eine hohe Schuldichte, die den meisten Kindern den Schulbesuch ermöglichte“.

„Die Alphabetisierungsrate in Kurmainz und Kurtrier war überdurchschnittlich hoch“, erläuterte Weber. Die kurmainzischen Schulreformen der 1760er und 1770er Jahre orientierten sich an der französischen Aufklärung. Die Verwaltungsstrukturen wurden modernisiert, das Beamtentum professionalisiert und der Missbrauch von Gebühren für selbsterfundene Verwaltungsarbeiten abgestellt. Zudem wurden Grundsteuer und Gemeindebuchführung reformiert und das Bürgermeisteramt eingeführt.

Verstaatlichung des Schulwesens

1768 startete die flächendeckende Einführung der Sommerschule. Bei Vernachlässigung der Schulpflicht drohte den Eltern eine Strafe. Für die Durchsetzung der neuen Regelung waren Ortsvorsteher und Schultheißen verantwortlich, nicht mehr die Pfarrer. Die Verstaatlichung des Schulwesens in katholischen Territorien geschah in den 1770er Jahren, in den protestantischen Regionen erst zwischen 1790 und 1830.

Im Zuge der Schulreformen wurden laut Weber das Fächerspektrum erweitert und die Lehrinhalte an die Bedürfnisse der Zeit angepasst. Der Schwerpunkt lag nun auf der deutschen Sprache, zu deren Gunsten das Lateinische vernachlässigt wurde, und den Naturwissenschaften. Die Kinder sollten auf diese Weise zu „nützlichen Untertanen“ erzogen werden. Eine qualitative Verbesserung der Ausbildung war aber nur durch eines möglich: bessere Lehrer. Weshalb nun auch in deren Ausbildung investiert wurde und ihr Beruf eine Aufwertung erfuhr. Das Gehalt wurde auf 300 Gulden im Jahr verdreifacht.

„Die Bevölkerung war nicht begeistert von den Schulreformen“, erläuterte Weber in seinem Vortrag. Kritisiert wurden die Verdrängung des Religionsunterrichts, neue Fächer, der Lebenswandel der Lehrer und der Unterricht auf Hochdeutsch statt Dialekt. Teilweise schlug die Kritik in offene Feindseligkeit um.

Lob aus dem Ausland und langsam steigende Akzeptanz verhinderten dennoch ein Zurückdrehen der Reformen, jedoch führte die Konzentration auf die Gymnasien zur Vernachlässigung der Landschulen. Der Untergang des Kurfürstentums 1803 brachte die Schließung der meisten Schulen mit sich. Das führte dazu, dass die Bildung im Kurmainz des 19. und 20. Jahrhunderts einen schlechten Ruf hatte. tom/Bild: Wilken/ü

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