Bergstraße

Prozess Heppenheimerin soll Mutter schwer vernachlässigt haben

„Sie lebt in ihrer eigenen Realität“

Archivartikel

Bergstraße/Bensheim.Am Bensheimer Amtsgericht wurde gestern der Prozess gegen eine 43-jährige Heppenheimerin fortgesetzt. Die Anklage wirft ihr vor, zwischen November 2016 und Januar 2017 ihre damals 78 Jahre alte Mutter zu Hause derart vernachlässigt zu haben, dass die Seniorin in einem ausgetrockneten Zustand und mit tiefen Druckwunden in die Klinik eingeliefert werden musste.

Gestern hat der vorsitzende Richter Gerhard Schäfer in der Sache weitere Zeugen gehört, darunter eine Heppenheimer Ärztin, bei der die Rentnerin bis Oktober 2016 in Behandlung war. Sie bezeichnete den allgemeinen Gesundheitszustand der Frau damals als recht stabil, die alte Dame habe gelegentlich über Rückenschmerzen geklagt.

„Sie schien mir nicht unterversorgt.“ Anzeichen für die später diagnostizierten Druckgeschwüre seien zu diesem Zeitpunkt noch nicht dokumentiert worden. Bei der Einlieferung ins Krankenhaus wurden offene Wunden festgestellt, die fast bis auf den Knochen reichten. Um dies zu vermeiden, werden bettlägerige Patienten normalerweise regelmäßig umgelagert. Im vorliegenden Fall war dies offenbar versäumt worden.

„Ich war entsetzt“

Ein Rettungshelfer des DRK-Kreisverbands bestätigte vor Gericht, dass es in der Wohnung der Tochter, die dort mit ihrem Lebensgefährten wohnt, sehr schmutzig gewesen sei. „Ich war entsetzt“, so der Mann mit 25 Jahren Berufserfahrung. Das Bett und die Bettlaken der Seniorin seien seit längerem nicht mehr erneuert worden und durch getrockneten Kot und Urin „gelb und braun“ gewesen.

In dem abgedunkelten Raum habe es stark gerochen. Auf einem Tisch soll vergammeltes Essen gestanden haben. Als die Patientin von den Sanitätern in Schutzkleidung abtransportiert wurde, habe sie nach Aussage des Rotkreuzhelfers geweint. „Und das nicht nur wegen der Schmerzen.“

Auch der Lebensgefährte der Tochter wurde am zweiten Tag der Hauptverhandlung vernommen. Der Berufskraftfahrer aus dem Südbadischen und die Angeklagte sind seit sieben Jahren zusammen. Man habe die Rentnerin so gut es ging versorgt, ihre Inkontinenzwäsche gewechselt, das Bett gemacht und ihr die Medikamente gegeben.

Erst kurz vor dem Abtransport in die Klinik habe das Paar einen „eitrigen Geruch“ bemerkt, der vom Wundlegen stammte. Bis zum Eintreffen der Notfallhelfer sei dann keine Zeit mehr gewesen, die pflegebedürftige und leicht demente Frau zu waschen. „Wir wurden vom Pflegesystem im Stich gelassen“, erklärte der 46-Jährige. Die Anträge auf eine Pflegestufe hätten sich hingezogen, der beantragte Heimplatz sei immer wieder geplatzt.

Die Aussage seiner Partnerin, wonach beide eine zweitägige Reise in die Heimat des Mannes unternommen hätten, während ihre Cousine auf die Mutter aufgepasst habe, widerlegte der Zeuge: „Das ist so nicht passiert.“ Die Cousine habe niemals bei der Mutter übernachtet, die geplante Fahrt nicht stattgefunden. „Der Zustand der Mutter hat dies nicht zugelassen.“

„Sie lebt in ihrer eigenen Realität“, gab eine ehemalige pädagogische Familienhelferin zu Protokoll, die sich damals im Auftrag der Arbeiterwohlfahrt um die Situation gekümmert hatte. Die Therapeutin betonte vor Gericht, dass sich die Angeklagte liebevoll um ihre Mutter und ihren Sohn gekümmert habe. Die Ursache ihres Verhaltens sei wohl auch psychisch bedingt.

„Der Haushalt war aus meiner Sicht nicht kindgerecht“, kommentierte sie die vermüllte Wohnung, in der es an dem Nötigsten gemangelt habe. Bereits seit 2013 gab es im gesamten Gebäude kein fließendes Wasser, lediglich einen kleinen Anschluss im Keller. Zum Waschen musste Wasser mit Eimern nach oben getragen und auf dem Herd erhitzt werden.

Kind lebt in einer Pflegefamilie

Die Frage, ob die Beschuldigte ein Alkoholproblem hat, steht nach wie vor im Raum. Auch sie habe bei der Frau Alkohol im Atem gerochen, so die Pädagogin. Betrunken habe sie die Heppenheimerin aber niemals erlebt. Für das damals dreijährige Kind habe es kein Töpfchen gegeben, die verpflichtenden Kindervorsorgeuntersuchungen seien nicht erfolgt. Mit Unterstützung der Familienhilfe habe sich die Situation aber verbessert.

Das Kind lebt seit November in einer Pflegefamilie, nachdem das Jugendamt den Kleinen auf Anordnung des Familiengerichts in Obhut genommen hatte. Die Mutter will ihren Sohn wieder nach Hause holen. Der Prozess wird am 8. Juni fortgesetzt. Dann wird das Schöffengericht die psychiatrische Gutachterin anhören.

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