Bergstraße

Verlagsgruppe Beltz Abschlussbericht der Forschungsgruppe um Prof. Ortmeyer zu Veröffentlichungen zwischen 1933 und 1947

„Systemkonform mit NS-Staat arrangiert“

Archivartikel

Weinheim.Der Beltz-Verlag hat sich, „wie viele andere Verlage auch, systemkonform mit dem NS-Staat arrangiert“. Das ist das Ergebnis eines Berichts der NS-Forschungsstelle der Goethe-Universität Frankfurt, die sich im Auftrag des Weinheimer Verlages mit dessen Publikationen während der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt hat. Das geht aus einer Pressemitteilung der Verlagsgruppe Beltz hervor, die Partner des Bergsträßer Anzeigers bei medienpädagogischen Projekten ist.

Auslöser für das Forschungsprojekt von Prof. Benjamin Ortmeyer war das 175-jährige Verlagsjubiläum im Jahr 2016. Damals sei bei der jungen Generation der Verlegerfamilie das Interesse gestiegen, die Vergangenheit des Verlags in diesem bisher wenig beachteten Zeitraum aufzuarbeiten.

„Unser Antrieb war und ist, mit dieser Untersuchung zur Aufklärung beizutragen, auch über die Verlagsgeschichte hinaus“, erklärt Marianne Rübelmann, Verlegerin und Geschäftsführerin der Verlagsgruppe, die Gründe für den Auftrag an Ortmeyer und sein Team. Dieser bestätigt: „Das Engagement der Verlegerfamilie war wirklich überzeugend. Ihr Bedürfnis, die eigene Publikationsgeschichte aufzuarbeiten, trug das gesamte Projekt.“

Pädagogischer Fachverlag

Der 1841 gegründete Beltz-Verlag zählte bereits Anfang der 1930er-Jahre zu den wichtigsten pädagogischen Fachverlagen Deutschlands. Das Programm umfasste weit über tausend Fachbücher und Lesehefte sowie 16 Zeitschriften.

Während der Zeit des Nationalsozialismus entwickelte er sich jedoch zu einem angepassten Verlag mit einer beachtlichen Anzahl an Nazi-Publikationen. Es wurden Bücher von Autoren verlegt, die NS-politische und -ideologische Positionen propagierten. „Es handelte sich bei Beltz aber keineswegs um einen NSDAP-Verlag“, betont Ortmeyer. „Quantitativ betrachtet, bildeten die NS-ideologischen Publikationen einen kleinen Teil des Verlagsverzeichnisses.“

Insgesamt wurden 1645 Publikationen ermittelt und begutachtet, die zwischen 1933 und 1947 bei Beltz erschienen. Davon wurden von den Wissenschaftlern 178 Titel (10,8 Prozent) als „ideologisch belastet“ eingestuft. „Sie sind voller Judenfeindschaft, NS-Propaganda und Rassismus“, fasst Ortmeyer die Inhalte zusammen.

Dazu gehörten Buchtitel wie „Ein Leben für Deutschland. Des Führers Leben in Wort und Bild für die deutsche Jugend“ samt Hakenkreuz und einem Foto Adolf Hitlers, aber auch Abhandlungen mit Titeln wie „Einführung in die Rassenkunde unseres Volkes. Rasse verpflichtet“ oder „Die Behandlung der Judenfrage im Unterricht“ sowie Bücher über „Rassenhygiene“ und Richtlinien für den Schulunterricht zur „nationalen Erbgesundheitslehre“.

Zur genaueren Einordnung wurde zudem ein umfangreicher Briefwechsel des Verlages mit dem Nationalsozialistischen Lehrerbund untersucht. Diese und weitere Dokumente böten einen Einblick in das Prüfsystem des Nationalsozialistischen Lehrerbunds, von deren Zwischen- und Endurteilen die Verbreitung der Bücher abhängig war.

Nach Einschätzung Ortmeyers biete der Forschungsbericht daher nicht nur Einblick in die Publikationsgeschichte des Beltz-Verlags, sondern darüber hinaus einen Überblick über NS-Pädagogik und Propaganda sowie deren Verbreitung in Gesellschaft und Schulen. „Er schafft eine Grundlage für weitere Forschungen, speziell zu Einzelthemen mit dem Schwerpunkt NS-Pädagogik“, betont Ortmeyer. „Eine solche detaillierte inhaltliche Betrachtung eines ganzen Verlagsprogrammes ist einmalig in der Bundesrepublik.“

Verantwortung übernehmen

Nils Rübelmann, Vertreter der siebten Generation der Verlegerfamilie, hat eng mit der Forschungsstelle in Frankfurt zusammengearbeitet. Sein Fazit: „Von der Betrachtung der Bücher, Texte, Lehrmittel oder Briefe können wir alle viel lernen. Die Nazis mussten ihre Propaganda nicht ausschließlich selbst machen, Verleger und Autoren haben das teilweise für sie übernommen. Ohne die Mitarbeit der Bevölkerung und der Wirtschaft wäre der Nationalsozialismus nicht möglich gewesen. Jeder in der Gesellschaft, vor allem Unternehmen, die die öffentliche Meinung prägen, trägt Verantwortung; heute wie damals.“ pro/ü

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