Bergstraße

Glauben Geistliche über Beerdigungen in der Corona-Zeit

Trauer mit Abstand ist sehr bedrückend

Archivartikel

Bergstraße.In der Corona-Krise herrscht Ausnahmezustand. Besonders für die Angehörigen und Freunde von Verstorbenen ist die Situation wegen der Kontaktbeschränkungen extrem bedrückend. Wie gehen die Geistlichen damit um? Eine Umfrage im Evangelischen Dekanat Bergstraße.

Holger Mett, Pfarrer in Hofheim, hat die erste „Corona-Tote“ im Kreis Bergstraße beerdigt. Für ihn war es eine „Doppelbeerdigung“. „Die Frau starb, ohne dass Familienangehörige sie zuvor im Krankenhaus besuchen konnten. Fünf Tage später starb ihr Mann an Herzversagen, obwohl er nach Auskunft der Angehörigen kerngesund war. Er starb wohl an gebrochenem Herzen“, sagt Pfarrer Mett. Die Familie habe eine Quarantänezeit einhalten müssen, so dass er zunächst nur telefonisch Kontakt haben konnte. Danach hätte er sich mit der Familie im Gemeindehaus mit weitem Abstand voneinander treffen können.

„Kaum vorstellbar“

„Das verstorbene Ehepaar war im Fußballverein engagiert und unter normalen Verhältnissen wäre der Friedhof voller Trauergäste gewesen. Die mussten nun alle zu Hause bleiben. Bei der Trauerfeier durften nur 20 Personen anwesend sein.“ Es sei kaum vorstellbar, wie schwer das alles für die Familie sei. „Schon unter normalen Bedingungen ist Trauer ja der absolute Ausnahmezustand, aber unter den gegebenen Verhältnissen ist es unbegreiflich und völlig absurd“, so Pfarrer Mett.

Ähnliche Erfahrungen hat Daniel Fritz, Pfarrer in Rimbach und Zotzenbach, gemacht. „Es ist eine seltsame Situation. Gerade in den dichtesten Momenten der Trauer, in der Trauerfeier oder am Grab, müssen die Menschen Abstand halten, wenn sie nicht in einem Haushalt leben. In diesen Momenten suchen und brauchen wir doch körperliche Nähe, die Hand, die mir mein Partner reicht, der Arm, der um mich gelegt wird, die Umarmung. Das alles fehlt sehr und es schmerzt zu sehen, dass Menschen ein elementares Bedürfnis unterdrücken müssen.“

Pfarrerin Astrid Maria Horn von der Bensheimer Stephanusgemeinde betont ebenfalls, dass es bei einer Beerdigung besonders schwierig sei, physisch auf Distanz zu gehen, gerade weil hier die Gemeinschaft und auch die persönliche Zuwendung unendlich tröstlich seien. „Abschied zu nehmen fällt daher vielen Angehörigen gerade besonders schwer. Mir ist jedoch auch positiv aufgefallen, dass viele jetzt andere Möglichkeiten finden, um ihre Anteilnahme auszudrücken. Sie schreiben Briefe und Karten oder melden sich per Telefon. Auch wenn der direkte Kontakt nicht möglich ist, wissen die Angehörigen so, dass ihnen viele Menschen in diesem schweren Moment des Abschieds gedanklich verbunden sind. Ich hatte auch schon eine Beerdigung, in der eine Verwandte per Video dazu geschaltet wurde und ich biete den Angehörigen an, ihnen die Traueransprache zuzuschicken, so dass sie sie an die Menschen weitergeben können, die nicht teilnehmen konnten.“

Bittere Zeit für Heimbewohner

Für Pfarrerin Sabine Sauerwein von der Lukasgemeinde Lampertheim nehmen Trauergespräche und Beerdigungen derzeit einen besonderen Raum ein. „Es bedarf einer besonderen inneren Vorbereitung, so empfinde ich das, um die Angehörigen zu begleiten, um die Telefongespräche zu führen oder auch, um ein Treffen in geschütztem Rahmen zu ermöglichen. Auf dem Friedhof sind wir mit unserer ganzen seelsorgerlichen Kompetenz und Existenz gefragt. Hier können wir aber auch sehr viel geben und Trost spenden.“

Die Geistlichen betonen übereinstimmend auch, dass es für die alten Menschen in den Heimen und Pflegeeinrichtungen eine sehr bittere Zeit sei. „Es tut im Herzen weh, dies mitzuerleben“, sagt Sabine Sauerwein. Pfarrer Daniel Fritz berichtet, dass die Bewohner in dem Pflegeheim seines Pfarrbezirks völlig abgeschottet seien. „Geburtstagsgeschenke reiche ich den Pflegerinnen durch ein Fenster. Sie geben es dann weiter. Mit einer Bewohnerin konnte ich durchs Fenster sprechen.“ Telefonieren sei schwierig, weil die Alten oft schlecht hörten, sagt Pfarrer Mett. Computer und Handy hätten sie nicht.

„Ich schreibe täglich eine Ermutigung zur Tageslosung oder einem geistlichen Stichwort und wir bringen die auch zu den Menschen ins Altenheim. Ich hoffe, so einige zu erreichen und ein bisschen zu helfen.“

Pfarrerin Horn plädiert zudem dafür, jetzt niemanden aus dem Blick verlieren. „Die Krise trifft diejenigen am härtesten, die bereits vorher mit schwierigen Lebensumständen zu kämpfen hatten. Ich wünsche mir, dass wir nach unseren Möglichkeiten die Organisationen unterstützen, die sich für ein menschenwürdiges Leben aller einsetzen.“ red

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