Bergstraße

Staatstheater Ungewöhnliche Inszenierung der Händel-Oper

Verliebter Orlando rast im Feinripphemd

Archivartikel

Darmstadt.Opern haben oft eine komplizierte Handlung. Zahlreiche Personen stehen miteiander in einem komplexen Beziehungsgeflecht. Der Plot vollzieht sich auf mehreren Ebenen. Auf den ersten Blick ist das selten zu durchschauen. Wohl dem daher, der daheim einen guten Opernführer im Bücherregal hat. Zur Not tut’s auch mal der eilige Blick in das Programmheft oder ins Internet, kurz vor Vorstellungsbeginn.

Wem all dies fehlt, der ist darauf angewiesen und mag entsprechend hoffen, dass ihm die Regie das Bühnengeschehen mittels ein paar geschickter Kniffe begreiflich macht. Durch eine verständliche Interpretation, eine kluge Personenführung, ein aussagekräftiges Bühnenbild und eine kundige Bezugnahme auf die Musik kann das gelingen.

Verschraubt und verdreht

Wer dieser Tage die Händel-Oper Orlando im Kleinen Haus des Staatstheaters Darmstadt besucht, der hofft indes vergeblich auf derlei Hilfestellung. In der Regie Jörg Weinöhls wird das 1733 in London uraufgeführte Werk nämlich derart verschraubt und verdreht, dass wahrlich keiner mehr durchblickt. Nicht genug, dass Händel und seinem Librettisten Carlo Sigismondo Capece auf der Grundlage des Epos „Orlando furioso“ (Ludovico Ariosto) das Kunststück gelungen ist, mit gerade einmal fünf Akteuren ihr Publikum heftig darüber zum Grübeln zwingen, wer hier eigentlich wen liebt oder das nur vorspiegelt und wohin der ganze Wahnsinn am Ende führen soll. Nein, die Darmstädter Regie setzt dem noch die Krone auf, indem sie den ersten Akt komplett streicht, weitere Nummern weglässt, dafür aber nicht aus Händels Feder stammende Musik sowie zusätzliche Charaktere ergänzt. Einfacher oder gar besser wird dadurch nicht das Geringste. Im Gegenteil:

Konturverlust

Das Stück verliert seine Kontur und der Zuschauer den – ohnehin dünnen – Faden. Frau H (Kammersängerin Elisabeth Hornung) lauscht der Oper Orlando aus dem Kofferradio. Sie ist eine bisweilen Zigaretten rauchende Beobachterin am Rande des Geschehens – nicht mehr. Drei Tänzer (besonders ausdrucksstark: João Pedro de Paula) spiegeln die Handlung der Protagonisten. Oder leiten sie diese gar mit unsichtbarer, berührungsloser Energie?

Das wäre eigentlich Zoroastros Sache. Den geheimnisvollen Magier gibt Johannes Seokhoon Moon hingegen als Witzfigur mit Star-Wars-Shirt und Hauspantoffeln. Sein gerader, kräftiger Bass mag dazu überhaupt nicht passen. Für die Titelrolle hat das Staatstheater den britischen Countertenor Owen Willets engagiert. Sein Orlando ist ein sanfter, zeitweise bemitleidenswerter Kriegsheld. Die Verzweiflung über die Erkenntnis, dass sich wahre Liebe nicht mit militärischen Mitteln erobern lässt, nimmt man ihm sofort ab. Diesem Sänger mit seiner schönen Stimme, die auch durch zahlreiche Coloraturen nicht in Schieflage zu bringen ist, hätte die Regie auch darstellerisch durchaus mehr zutrauen dürfen, als in weißem Feinripp am Bühnenrand zu deklamieren.

Ähnlich gilt dies für Julie Grutzka in der Rolle der Dorinda, deren zarter, schlanker Sopran sich besonders im Pianissimo bewährt. Barfuß mit nackten Beinen und in einen dicken Strickpulli gehüllt, möchte sich diese unerwidert Liebende körpersprachlich wohl am liebsten in einem Loch verkriechen. Hilfsweise wird sie von Orlando – einem Kokon gleich – in einen Vorhang gewickelt, den Philipp Fürhofer mit Körperstudien bemalt hat. Julia Giebel als Angelica und Xiaoyi Xu in der Hosenrolle des Medoro sind gleichfalls zuverlässig singende Solistinnen. Die Musiker des Staatsorchesters hatten sich unter dem Dirigat von Kapellmeister Michael Nündel, der auch das Cembalo spielte, auf ein einigermaßen flottes Tempo festgelegt. Bemerkenswerte Soli waren von Cello, Violen und Flöten zu hören. Einem Teil ihrer Noten beraubt, durften die Musiker am Schluss immerhin noch die eigentliche Ouvertüre spielen, was sie mit Hingabe taten. ha

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