Bergstraße

Senioren Caritas und Diakonie berichten von ihrem Beratungsalltag und ihren Problemen

Viele ältere Menschen fühlen sich hilflos und überfordert

Archivartikel

Bergstraße.Vereinsamung, fehlende Mobilität und unzureichende Infrastruktur, innerfamiliäre Konflikte, Krankheit und Demenz, Altersarmut, Altersdepression, Überforderung bei der Pflege des Partners oder einfach Unsicherheit beim Ausfüllen von Patientenverfügung oder Vorsorgevollmacht: Viele ältere Menschen fühlen sich allein gelassen, hilflos und überfordert bei der Bewältigung ihres Alltags.

„Wir wollen ihnen Wege für Lösungen aufzeigen. Wir suchen auch das Gespräch mit den Familien und nehmen Kontakt zu Kirchengemeinden, Pflegediensten, Behörden, Hospizinitiativen und der Nachbarschaft auf. Und wir nehmen uns Zeit zum Zuhören.“ Irene Finger, Leiterin des Diakonischen Werkes Bergstraße weiß, dass immer mehr der rund 60 000 Männer und Frauen über 65 Jahren im Kreis Hilfe und Unterstützung benötigen. Kreisweit liegt der Anteil der über 65-Jährigen bei 22 Prozent, in einzelnen Kommunen fast bei 25 Prozent und damit über dem hessenweiten Durchschnitt.

Im vergangenen Jahr haben 934 Ratsuchende die regionalen Hilfsangebote der insgesamt sieben Seniorenberaterinnen von Caritas und Diakonie in Anspruch genommen. Und der Beratungsbedarf steigt ständig „und muss angesichts des demografischen Wandels gestärkt werden“, sind sich die Beraterinnen, die jetzt schon am Limit arbeiten, einig. Die andere Seite der Medaille: Es gibt zu wenig Stellen. Die personelle Ausstattung der Seniorenberatungen im Kreis liegt bei 3,59 Ganztagsstellen und damit laut einer bundesweit gültigen Berechnungsgrundlage um Einiges unter dem Soll.

Fachkräfte und Wohnraum fehlen

Verschärft wird die Situation hilfsbedürftiger älterer Menschen durch Defizite in der professionellen Versorgung wegen eklatanten Fachkräftemangels und dem Fehlen von bezahlbarem barrierefreien Wohnraum. Dazu kommt, dass immer mehr Rentner für ehrenamtliche Tätigkeiten, beispielsweise den Besuchsdienst, nicht mehr zur Verfügung stehen, da sie zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts auf einen zusätzlichen 450-Euro-Job angewiesen sind: „Uns fehlt die Generation Ehrenamt. Sie kann sich das Ehrenamt schlichtweg nicht mehr leisten.“

Kaffeefahrt hat ausgedient

In einem Pressegespräch im Caritaszentrum in Heppenheim berichteten die Caritasmitarbeiterinnen Alexandra Mandler-Pohen (Heppenheim, Lorsch, Einhausen), Beate Weidner-Werle (Biblis, Bürstadt, Groß-Rohrheim), Marianne Lange (Lampertheim) sowie ihre Kolleginnen vom Diakonischen Werk Susanne Hagen (Bensheim, Lautertal, Zwingenberg), Nadesha Garms (Birkenau, Fürth, Mörlenbach, Rimbach) und Judith Friedrich (Abtsteinach, Wald-Michelbach, Neckarsteinach) von den Problemen und Ängsten der Ratsuchenden und mit welchen individuellen Beratungsmöglichkeiten sie Hilfe anbieten. Und mit welchen neuen Herausforderungen sie tagtäglich konfrontiert werden: „Es gibt eine neue Generation von Senioren mit anderen Erwartungen, Wünschen und Wahrnehmungen, wie das Alter aussehen soll.“ Themen wie Selbstbestimmtheit und Kreativität stehen demnach weit oben, Kaffeefahrten und Seniorennachmittage hingegen hätten ausgedient.

Große Angst vor Altersarmut

Viele ältere Menschen suchten Hilfe und Beratung wegen sozialrechtlicher oder auch psychosozialer Schwierigkeiten, wegen physischer oder psychischer Überforderung sowie Konflikte innerhalb der Familie. Besonders hoch sei die Angst vor Altersarmut. „Wir wissen, dass es sie gibt, aber wir erreichen die Menschen oft nicht, weil sie ihre eigene Lebenssituation aus Scham verbergen. Die Dunkelziffer ist hoch“, versichern die Seniorenberaterinnen von Caritas und Diakonischem Werk übereinstimmend. Gleichzeitig sprechen sie von der Ernüchterung der Klienten, dass ein Umzug in Betreutes Wohnen wegen hoher Mietpreise und eines nur geringen Renteneinkommens für sie nicht in Frage kommt: „Materielle Armut lässt sich im Alter nicht mehr verändern.“

Auch bei einsetzender Pflegebedürftigkeit oder einer Demenzerkrankung eines Partners kämen viele in große Bedrängnis und an ihr Limit – allein schon wegen des hohen Eigenanteils für einen Heimaufenthalt: „Auch das Leben der Angehörigen wird auf den Kopf gestellt – trotz Pflegereform.“

Martin Fraune, Dienststellenleiter des Caritaszentrums, wies am Ende des Pressegesprächs darauf hin, dass alle Beratungen „völlig neutral, kostenlos, konfessionsunabhängig und trägerneutral sind“.

Das im Jahr 2000 gegründete kreisweite Modell der ganzheitlichen Seniorenberatung – mit Ausnahme von Viernheim mit einem städtischen Angebot – wird zu jeweils 45 Prozent vom Kreis und den beteiligten Kommunen getragen. Die restlichen zehn Prozent teilen sich die Träger Caritas und Diakonie.

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