Bergstraße

Umwelt Jahrestagung der Ortsbeauftragten in Bensheim / Flächenversiegelung bereitet Sorgen

Vogelschützer kritisieren Folientunnel

Archivartikel

Bergstraße.Industrialisierung, Massentierhaltung, der Streitfall Glyphosat: Die Art und Weise, wie die Welt sich ernährt, hat zu einem Rückgang der Artenvielfalt beigetragen. Der Ruf nach einer Agrarwende wird immer lauter. Auch die Bergsträßer Vogelschützer stimmen mit ein. Der Kreisbeauftragte Stephan Schäfer plädiert für ein großflächiges Umdenken und eine nachhaltige, ökologisierte Landwirtschaft, die Mensch und Natur gleichermaßen berücksichtigt.

Der Einsatz von Pestiziden müsse drastisch reduziert und schlussendlich vollständig verboten werden. Agrarwüsten sollen einer vielfältigen Landschaft mit Hecken, Sträuchern und Blühpflanzen weichen, die Pflanzen und Tieren Lebensraum und Rückzugsmöglichkeiten bieten. Nur so könne das massiv voranschreitende Vogel- und Insektensterben aufgehalten werden. Ackergifte wie Glyphosat entzögen den Vögeln ihre Nahrungsgrundlage und bedrohen die Gesundheit des Menschen.

Eine bedenkliche Entwicklung

Bei der Jahrestagung der regionalen Ortsbeauftragten im Naturschutzzentrum Bergstraße kritisierte Schäfer außerdem den geschützten Anbau von Obst unter Folientunneln, der den Landwirten weniger Ausfälle und eine wirtschaftlich tragbare, größere Ernte ermöglicht. Dadurch können die Produkte einige Tage bis hin zu Wochen früher am Markt angeboten werden. Ein erheblicher Wettbewerbsvorteil.

Für den Vogelschutz allerdings stellt diese zunehmende Versiegelung der Landschaft eine bedenkliche Entwicklung dar. Im Laufe der Jahrzehnte hätten sich die Produktionsmethoden stark verändert, die Erzeuger seien verstärkt zu einem geschützten Anbau übergegangen, so Schäfer. Hagelnetze und Folientunnel sind zum sichtbaren Kennzeichen dieser Methoden geworden.

„Für Vögel und andere wildlebende Tiere ist der Boden nicht mehr erreichbar“, so der Fachmann, der auch die rechtliche Situation bemängelt. Die ist eindeutig: Die Errichtung der Netze und Tunnel gelten als ordnungsgemäße landwirtschaftliche Bewirtschaftung. Daher bedürfen sie keinerlei Genehmigung durch die Bauordnungsbehörde oder die Landschaftsbehörde beim Kreis, so Werner Rühmkorff, Fachbereichsleiter Umwelt beim Kreis Bergstraße. Was das Landschaftsbild angeht, sind der Landschaftsbehörde die Hände gebunden.

„Wer diese Methode einmal genutzt hat, wird dabei bleiben“, sagte Stephan Schäfer. Der wirtschaftliche Vorteil sei für den Erzeuger das entscheidende Argument. Der Kreisbeauftragte erwartet künftig noch mehr Folienhäuser an der Bergstraße. Diese Entwicklung sei typisch für Südhessen.

Erfreulicher sei die laufende Flurbereinigung der Weinberge im kleinsten deutschen Anbaugebiet. Die Zusammenarbeit mit dem Amt für Bodenmanagement funktioniere gut. Bodenverluste würden durch Ausgleichsflächen kompensiert. Anders schaut es im Wald aus: Durch eine Intensivierung der Fortwirtschaft sehen die Naturschützer die Schaffung weiterer definierter Schutzgebiete als elementare Aufgabe, um das Grünland dauerhaft zu erhalten. Dies sei besonders in jenen Bereichen wichtig, in denen Windenergieanlagen gebaut werden, so Schäfer beim Treffen an der Erlache.

Die Windparks Stillfüssel und Kahlberg bei Wald-Michelbach und Fürth haben für Proteste auch aus der Bevölkerung gesorgt. Die Einschnitte in die Natur sind einer Bürgerinitiative aus Siedelsbrunn ein Dorn im Auge. Auch die Vogelfreunde sehen Konflikte mit dem Artenschutz. Stephan Schäfer befürchtet durch die Großprojekte im Odenwald einen sukzessiven Verlust an Artenvielfalt in dieser Region.

Von der Höhe in die Ebene: In den Siedlungsgebieten wächst der Druck auf naturnahe Areale durch die Überbauung von Freilandflächen. Ein Beispiel ist das Naturschutzgebiet Tongruben zwischen Bensheim und Heppenheim. Durch die neuen Wohngebiete im Heppenheimer Nordwesten rückt der expandierende Städtebau noch näher an die naturnahe Insel heran. Der örtliche Nabu will künftige Besucher gezielt durch das Gebiet lenken, um die wertvollen Flächen zu schonen. Ein unkontrollierter Naturtourismus schade der dortigen Vogel- und Pflanzenwelt, hieß es bei einem Treffen des Fördervereins im Februar. Neben einem Rundweg durch die Tongruben ist im Feuchtgebiet eine Beobachtungshütte vorgesehen. Eine Planung, die beim Treffen der Vogelschützer keinen Applaus hervorgerufen hat.

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