Bergstraße

Energie Ex-Landrat Dr. Dietrich Kaßmann beobachtet die aktuelle Entwicklung mit Sorge und mahnt zur Vorsicht

„Windkraft bedroht Odenwald“

Archivartikel

Bergstraße.Um zu beschreiben, welches Szenario er infolge des Ausbaus der Windenergie für den Odenwald befürchtet, zieht der Windkraftkritiker und frühere Bergsträßer Landrat Dietrich Kaßmann Fußballfelder als Bezugsgröße heran. Sollten wirklich, wie es die Landesregierung in Wiesbaden wünscht, zwei Prozent der Fläche Hessens als Vorranggebiet für Windräder dienen, könnten sich in dem gesamten Mittelgebirge auf einem Areal Rotoren drehen, das zusammengenommen der Größe von 1400 Fußballfeldern entspricht, hat er ausgerechnet. „Und ich meine damit keine kleinen Bolzplätze, sondern richtige Stadien“, betont der Sozialdemokrat.

Die Fläche etlicher Fußballfelder

Zwei Prozent der Fläche des Regierungspräsidiums mit seinen zehn Landkreisen und vier kreisfreien Städten entspricht 149 Quadratkilometern. „Etliche Fußballfelder“ voller Windräder würden allein im Kreis Bergstraße entstehen.

Dass sich der sozialdemokratische Landrat der Jahre 1985 bis 1997 gegen Windkraft engagiert, ist nicht neu. Im Sommer vergangenen Jahres nahm er etwa an einer Demonstration verschiedener Bürgerinitiativen in Heppenheim teil – Seite an Seite mit seinen Nachfolgern Matthias Wilkes und dem jetzigen Landrat Christian Engelhardt (beide CDU).

Was ihn in jüngster Zeit nervös macht, ist eine Änderung zu einer Verordnung des Entwicklungsplans Hessen 2000, der im Juni Thema im Hessischen Landtag sein soll. Die Zwei-Prozent-Regel gab es auch schon in der ursprünglichen Verordnung. Neu ist aber der Satz: „Daher wurde, bezogen auf den Windenergieausbau, der im Wesentlichen den genannten Strombedarf bis 2050 sicherstellen soll, der Wald als Suchkulisse geöffnet.“

Kaßmann befürchtet nun, dass in Südhessen damit vor allem der Odenwald gemeint ist und sich die Energieindustrie vor allem dort auf die Suche nach Flächen für die Windräder macht. Denn im Ried gebe es nicht genug Wind, anders als auf den Bergkuppen. „Der Odenwald könnte zu einem Industriegebiet mit 300 Windrädern werden“, ist die düstere Vorahnung des Politikers im Ruhestand.

Der Odenwald liegt ihm am Herzen

Der Odenwald liegt ihm am Herzen, Kaßmann war Jahren Vorsitzender des Naturparks Bergstraße-Odenwald, bevor dieser zum Unesco-Geopark wurde. „Er ist ein Kind, das ich mit betreut habe“, sagt er. Die Windräder würden das Landschaftsbild gerade im Mittelgebirge verändern, weil sie auf den Kuppen weithin sichtbar seien, ist er überzeugt. Entscheidend sei auch, was die Parlamente in den betroffenen Kommunen beschließen.

Im Vorfeld der hessischen Landtagswahl spricht er sich dafür aus, dass alle Kandidaten für Abgeordnetensitze bei jeder sich bietenden Gelegenheit öffentlich befragt werden sollten, wie sie zur Windkraft stehen – sei es auf Podiumsdiskussionen, Dialogforen oder Informationsveranstaltungen. Er hofft dabei auf die Bürgerinitiativen, die sich gegen die Windräder am Kahlberg und am Stillfüssel engagiert haben.

Ein fundamentaler Windkraftgegner ist Kaßmann nicht. „Ich möchte auch nicht der Atomkraft das Wort reden“, sagt er. Der 78-Jährige vermisst aber den politischen Willen bei einigen Aspekten der Energiewende. Der Atomausstieg nutze nichts, wenn es in den Ländern um Deutschland herum noch Kernkraftwerke gebe.

„Ich vermisse, dass Bundeskanzlerin Merkel das zum Thema macht“, bekennt der Sozialdemokrat, geht dabei aber auch mit seinen Genossen ins Gericht. Er hat kein Verständnis für das Argument, man könne überschüssige Energie an andere Länder verkaufen. „Wir haben mit den teuersten Strom in Europa“, gibt er zu bedenken.

Alternative Energien aus Sonne und Wasser würden nicht ausreichend gefördert, die Windenergie bekomme aber Subventionen in einer Größenordnung, „die man sonst heutzutage kaum noch findet“, klagt Kaßmann. Finanzieren müssten das die Gebührenzahler.

Immer höhere Anlagen

Der Ex-Politiker glaubt, dass die Windkraft nicht mehr zurückgedrängt werden kann, zumal bereits 15 Windräder im Kreis Bergstraße stehen. Kaßmann spricht sich deshalb dafür aus, dass statt zwei nur noch ein Prozent der Fläche Hessens für Windräder Vorranggebiete werden sollen. „Das wäre immer noch reichlich“, sagt er. Eben 700 anstatt von 1400 Fußballfeldern im Odenwald – oder auch 150 und nicht 300 Windräder. Sorgen macht ihm, dass zunehmend höhere Windkrafträder gebaut werden – für die mehr Wald abgeholzt werden muss als für die weniger hoch aufschießenden Rotoren.

Das Wichtigste von heute
Newsticker Bergstraße
Newsticker Rhein-Neckar
Newsticker überregional
Meistgelesene Artikel
Neueste Artikel