Bergstraße

Interview Im Gespräch mit Polizeihauptkommissar Jörn Metzler über Ablenkungen im Straßenverkehr

„Wir können unsere Kinder nicht in Watte packen“

Schülerinnen des Goethe Gymnasiums Bensheim im Gespräch über Ablenkungen im Straßenverkehr mit Polizeihauptkommissar Jörn Metzler, Verkehrssachbearbeiter der Polizeidirektion Bergstraße.

Herr Metzler, wie viele Verkehrsteilnehmer lassen sich durchschnittlich durch Kopfhörer oder generell durch das Smartphone ablenken? Können sie uns Zahlen nennen?

Jörn Metzler: Statistiken sind unheimlich schwierig zu belegen, es gibt zwar die Rubrik „sonstiges Fehlverhalten“, aber es ist noch nicht aufgeschlüsselt, ob das jetzt Unachtsamkeit oder etwas anderes war. Mit Sicherheit wird man dahingehend noch etwas verändern, aber wann das kommt und in welcher Form, das kann ich noch nicht beantworten.

Inwiefern wird es überhaupt aufgenommen, wenn ein Unfall durch Ablenkung passiert? Irgendeine Ursache hält man wahrscheinlich schon fest, oder?

Metzler: Genau, es kommt immer auf die Einzelbetrachtung des Unfalls an. Wenn ein schwerer Verkehrsunfall passiert und die Kollegen einen Hinweis durch Zeugen oder andere Verkehrsteilnehmer bekommen, dass da ein Handy im Spiel gewesen ist oder man sieht, dass das Handy beim Aufprall im Auto rumflog und bedient wurde, sind die Kollegen angehalten, erst einmal das Handy sicherzustellen. Für den Unfallbeteiligten kann das nicht nur belastend, sondern im besten Fall auch entlastend sein. Wir machen zum Beispiel auch Blutabnahmen bei schweren Verkehrsunfällen, um später vor Gericht darlegen zu können, dass der Fahrzeugführer nicht durch Alkohol oder Drogen beeinflusst war.

Lassen sich eher Jugendliche oder Erwachsene im Straßenverkehr ablenken?

Metzler: Ältere sind es eher weniger, weil viele mit der Technik nicht zurechtkommen und – wenn überhaupt – ein ganz altes Handy und kein Smartphone besitzen. Wenn man sich in Bensheim tagsüber gezielt an die Straße stellt und für eine Stunde die Autos, die vorbeifahren, beobachtet, dann kann man davon ausgehen, dass man von zehn Fahrzeugen bestimmt zwei, drei rausziehen kann, entweder für das Handy oder für den Gurt. Wenn man da mehr Zeit und mehr Personal hätte und das regelmäßig machen würde, dann hätten wir unheimlich hohe Zahlen.

Finden sie persönlich, dass das Handy die größte Ablenkungsquelle ist?

Metzler: Ja, das Handy ist mit das häufigste. Ob jetzt bei Fahrradfahrern, Autofahrern, in Bussen, Lkw oder Kleintransportern, es ist schon das Handy.

Was sind andere Ablenkungsquellen?

Metzler: Es gibt Leute, die fahren morgens Auto und rasieren sich, andere haben in der linken Hand einen Schoko Drink, in der anderen ein Croissant, dann wird irgendwie noch mit den Oberschenkeln und abwechselnd mit einer Hand gelenkt, ins Croissant gebissen und kurz geschaltet. Ablenkung kann aber auch der Beifahrer sein, das Kleinkind oder der Hund im Auto.

Welche Strafen gibt es für Fahrer, die sich von ihrem Smartphone ablenken lassen?

Metzler: Das Smartphone während dem Fahrradfahren zu benutzen kostet 55 Euro und beim Autofahren kostet es 100 Euro und einen Punkt, obwohl ich finde, dass das immer noch viel zu wenig ist. Wenn man in der Stadt mit dem Auto bei einer Geschwindigkeit von 50 km/h fährt und eine Sekunde auf das Handy guckt, um eine Nachricht zu lesen, dann legt man circa 14 Meter Blindflug zurück.

Zeigen die Täter Einsicht?

Metzler: Es weiß jeder, dass er etwas falsch gemacht hat, aber es gibt nicht jeder zu. Manche sind auch einsichtig, aber nicht alle. Da kommen dann immer wieder Ausreden, wie zum Beispiel, dass man ein kaltes Ohr hatte und man es nur mit dem Handy aufwärmen wollte. Es gibt nichts, was es nicht gibt.

Darf man während des Fahrens mit Kopfhörern Musik hören?

Metzler: Ja, man darf sich nur nicht ablenken lassen. Man muss, wenn man die Kopfhörer in den Ohren hat, trotzdem noch am Straßenverkehr so teilnehmen können, dass man alles mitbekommt. Kein Verkehrsteilnehmer sollte sich ablenken lassen, das Handy-Problem haben wir auch bei Fußgängern.

Gelten die Strafen für Fußgänger gar nicht?

Metzler: Wenn man als Fußgänger in einen Verkehrsunfall verwickelt ist und ein Handy dabei hat, dann wird das erst einmal aufgenommen und ermittelt. Jedoch gehen die meisten davon aus, dass als Fußgänger schon nichts passiert. Das ist meistens auch die Rückmeldung bei unseren Präventionsveranstaltungen an Schulen, dass viele Schüler dann mit ganz großen Augen dasitzen und denken, dass das in Paris, Hamburg, Frankfurt, München und Berlin passiert, aber nicht hier. Wir erklären dann, dass das hier an der Bergstraße täglich passiert, meistens ist es eine kleine Ursache mit großer Wirkung.

Was halten Sie von der Idee mit den Augsburger Bodenampeln für Fußgänger mit Smartphone?

Metzler: Ich persönlich finde, man sollte an jeden selbst appellieren, wenn er sich im Straßenverkehr aufhält, egal wie alt er ist. Klar, muss ich mit dem Fehlverhalten anderer rech-nen, aber es geht um meine eigene Sicherheit und als Fußgänger oder Radfahrer hat man so-wieso keine Knautschzone, man ist immer der Benachteiligte. Das ist auch immer das, was wir dann vielen Eltern sagen: Wir können unsere Kinder nicht in Watte packen und den ganzen Verkehrsraum so ausstatten, dass nichts mehr passiert. Wir müssen unsere Kinder dahingehend erziehen, selbstständig am Straßenverkehr teilzunehmen und auch mit dem Fehlverhalten anderer zu rechnen. Da müssen wir hinkommen, um nicht für alles eine Ampel oder ein Schild machen zu müssen. Außerdem ist man momentan bestrebt in Städten so wenig zusätzliche Lichtquellen wie möglich zu schaffen, weil Autofahrer sonst zu sehr abgelenkt sind.

Was unternimmt die Polizei im Kreis Bergstraße oder im Generellen, um gegen Ablenkungen im Straßenverkehr vorzugehen?

Metzler: Wir haben beispielsweise mehrmals im Jahr bestimmte Kontrollwochen zu den Themen Alkohol und Drogen, Geschwindigkeit und auch zum Thema Ablenkung. Mit der Präventionsveranstaltung „SchleuderDRAMA“ für mehr Sicherheit im Straßenverkehr und mehr Zivilcourage gehen wir auch an die Schulen. Das Projekt, das aus zehn bis zwölf Vortragsveranstaltungen im Jahr besteht, richtet sich vor allem an Schülerinnen und Schüler der Oberstufe. Für Senioren gibt es das Projekt „MAXImal mobil bleiben – mit Verantwortung“. Dabei geht es vorrangig um die Mobilitätssicherung und die Verkehrssicherheit älterer Verkehrsteilnehmer.

Also würden Sie sagen, Aufklärung ist eigentlich die beste Maßnahme? Besser als die Gegebenheiten anzupassen?

Metzler: Ja genau, zum einen Aufklärung und zum anderen, gerade bei dem Thema Handy am Steuer, gehe ich davon aus, dass noch teurere Strafen, wie zum Beispiel in anderen europäischen Ländern, viele abschrecken würden.

Finden Sie, dass es eine gute Alternative ist, wenn man als Autofahrer eine Freisprechanlage hat?

Metzler: Freisprecheinrichtungen sind zwar erlaubt, aber ich finde, während des Autofahrens sollte man gar nicht telefonieren, denn man ist doch immer abgelenkt. Wenn man die Möglichkeit hat anzuhalten, dann möge man bitte anhalten. Vor zwei Jahren gab es einen schweren Verkehrsunfall bei Köln, der durch das Smartphone verursacht wurde. Eine Gruppe hat Rast gemacht und dann hat einer einen Anruf bekommen. Das Gespräch war anscheinend sehr intensiv, denn der Betroffene ist von der Gruppe weggegangen und ist den ganzen Parkplatz einmal abgelaufen, an den Lkw vorbei, bis er irgendwann an der Leitplanke war. Er hat die Leitplanke überquert und war so in das Gespräch vertieft, dass er nicht mehr mitbekommen hat, dass er auf die Autobahn gelaufen ist und wurde dann von einem Reisebus erwischt. Er wurde tödlich verletzt und man hat dann später anhand des Handys und der Auswertung der GPS-Daten genau sehen können, wie er gelaufen ist und wie er sich auf dem Parkplatz bewegt hat. Das war dann sein letztes Telefonat.

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