Einhausen

Verein für Heimatgeschichte Peter Gomes referierte in Einhausen über die wechselvolle Geschichte des Philippshospitals in Riedstadt

Aus dem Kerker wurde ein Krankenhaus

Einhausen.Reinhard Ahten, Kassierer des Vereins für Heimatgeschichte in Einhausen, ist mit einer Einhäuserin verheiratet. Aufgewachsen ist er in Crumstadt. Er kennt das Philippshospital aus früheren Jahren, als sein Vater noch dort gearbeitet hatte. Der habe ihm aber nicht davon berichtet, wie es dort zugegangen sei.

Ahten hatte im Jahr 2017 den Besuch des Einhäuser Vereins in dieser „Psychiatrie“ und im dazugehörigen Museum organisiert. Daraus entstand die Idee, mit einem Vortrag über diese Krankenanstalt zu informieren.

Peter Gomes, ein gebürtiger Portugiese, erwies sich als kompetenter Referent. Er ist seit 26 Jahren als Krankenpfleger beschäftigt, Leiter des Museums und Fachkraft für Forensik.

Die Forensische Psychiatrie befasst sich mit der Begutachtung, der Behandlung und Unterbringung von psychisch kranken Straftätern. Den Gutachten können freiheitsentziehende Maßnahmen folgen. Es geht vorwiegend um die Schuldfähigkeit von Straftätern.

Das Zentrum für Soziale Psychiatrie Philippshospital liegt in der Stadt Riedstadt im Landkreis Groß-Gerau. Betrieben wird es seit 2007 von der Vitos Riedstadt gGmbH, einer Einrichtung des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen. Das Zentrum bildet mit seinen fachlich selbstständigen Betriebszweigen, der Verwaltung, den Wirtschafts- und Versorgungsbetrieben, eine kooperierende Einheit.

Anfänge im Jahr 1535

Peter Gomes berichtete, dass das Landeshospital Hofheim, die Landesheilanstalt Hofheim oder auch das Philippshospital (seit 1904) zu den ältesten psychiatrischen Pflegeanstalten in Deutschland gehört. Die Geschichte begann im Jahr 1535, als Philipp der Großmütige, Landgraf zu Hessen, im Zuge der Reformation die Aufhebung aller Klöster und Pfarreien in seinem Einflussbereich stoppte und „Hofun“ in das „Hohe Landeshospital Hofheim“ umfunktionierte und eine Stiftung begründete.

Über mehr als vier Jahrhunderte gehörte Gewalt (Zwangsjacke) zum Alltag psychiatrischer Einrichtungen. Die Patienten waren eingekerkert, die Fenster waren vergittert und es gab hohe Mauern. Das Haus war für die Gesellschaft ein Tabu, weil dort Außenseiter und Kriminelle untergebracht waren. „Bis zum Jahr 1821 gab es dort keine Ärzte, nur Wärterinnen und Wärter“, wusste Peter Gomes. Damals hatte der Psychiater Dr. Ludwig Franz Amelung seinen „Dienst im hessischen Landeshospital für Alte, Unheilbare und Geisteskranke“ in Hofheim angetreten. Er wurde später von einem Patienten ermordet. Die Einrichtung glich mehr einem Gefängnis als einer Krankenanstalt, war bei dem Vortrag zu erfahren.

Auf einer Fläche von 25 Hektargab es zudem Wohnhäuser für das Personal, Schulen für Kinder und Krankenpfleger, eine Kirche, einen Friedhof und Ackergelände. Dort mussten die Patienten arbeiten, da die Anstalt auf Selbstversorgung angewiesen war. Zur Landwirtschaft gehörten Schweine, Kühe, Schafe, Hühner, eine Bäckerei (bis 2013), ein Schlachthof (bis in die 1970er Jahre) und eine Brauerei. Das Bier diente zur Beruhigung der Patienten.

„In der Bäckerei arbeitete auch ein Bäckermeister aus Einhausen“, wusste ein Besucher. Es wurden Getreide, Kartoffeln und Gemüse angebaut. Bis 1932 gab es auch ein eigenes Wasserwerk. Die Patienten arbeiteten auch in einer Schneiderei, einer Weberei, es gab eine Großküche und eine Bücherei. Mit zahlreichen Fotos belegte der Referent die Informationen.

Geschichte von Jakob Hiemenz

1933 wurden nach der Machtübernahme Hitlers und der Nazis aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums „45 unbeliebte Leute“ entlassen. Dazu gehörte auch Jakob Hiemenz aus Einhausen, wie der Vereinsvorsitzende Kurt Müller erklärte. Er sei SPD-Mitglied und gegen die Nazis gewesen, wurde gefangen genommen, gefoltert und ermordet, so Müller. Festgestellt habe man das, nachdem sein Bruder nach dem Zweiten Weltkrieg den Sarg habe öffnen lassen. Im Jahr 2016 wurde für ihn im Philippshospital ein „Stolperstein“ verlegt.

Durch das „Gesetz zur Verhütung erbkranken Nachwuchses“ wurden unter dem Naziregimes Frauen und Männer zwangssterilisiert. Unter anderem wurden Patienten mit Epilepsie, Taubheit, Schwachsinn, schweren körperlichen Missbildungen sowie Alkoholiker zu Versuchsobjekten für Mediziner. Es wurde von den Nazis öffentlich Propaganda gemacht, was diese Menschen den normalen Steuerzahler kosten würden. „Ein Erbkranker kostet bis zum Erreichen des 60. Lebensjahres 60 000 Reichsmark“, heißt es in einer Zeitungsanzeige. Im Zuge der Euthanasie wurden rund 600 Menschen zunächst in eine andere Psychiatrie „verlegt“, auch nach Heppenheim, und dann weiter mit verdunkelten Bussen in eine Anstalt wie Hadamar, wo sie ermordet wurden.

Das alles geschah sehr bürokratisch und diente dazu, den Tod und die Umstände für die Angehörigen zu verwischen. Peter Gomes verwies auf den 2016 in die Kinos gekommenen Film „Nebel im August“, der sich mit Kindereuthanasie befasst.

Nach dem Krieg begann ein Wandel in der Behandlung der kranken Menschen. 1953 wurden wirksame Medikamente eingeführt. Im Jahr 1975 habe es einen entscheidenden Durchbruch bei der Behandlung der Patienten gegeben. Wo es früher lange Schlafsäle gab, offene Waschstellen und offene Toiletten, wo es kaum eine Privatsphäre gab, wurden moderne Krankenhäuser geschaffen. Entscheidend dafür, so Gomes, sei einmal eine Psychiatrische Enquete-Kommission gewesen und der Schriftsteller Günter Wallraff. Der hatte sich als Patient einweisen lassen und später über die Missstände im Philippshospital berichtet. Eine Psychiatrie solle eine Heilanstalt sein für kranke Menschen, stellte der Referent fest. Es gebe aber keinen Grund, sich vor den Patienten zu fürchten, denn „nicht alle, die psychisch krank sind, sind gefährlich“.

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