Heppenheim

Finanzmärkte Chefsvolkswirtin Gertrud Traud referierte bei der Sparkasse Starkenburg

„Die Rezession ist wie ein Nervenzusammenbruch“

Heppenheim.Um die weltweiten Konjunktur- und Kapitalmärkte ging es beim diesjährigen Vortrag von Chefvolkswirtin Gertrud Traud vor über 200 Kunden der Sparkasse Starkenburg. Zum zwölften Mal war die Leiterin Research der Hessischen Landesbank (Helaba) Frankfurt der Einladung von Peter Meusel, Bereichsdirektor Vermögensmanagement, nach Heppenheim gefolgt.

„Am Ende wird wohl alles gut“

„Das Melodram hält Einzug in die Politik“, begann die Analystin ihren Konjunkturausblick. Die Weltwirtschaft stehe Ende 2019 am Rande einer Rezession, dem ökonomischen Pendant zu einem Nervenzusammenbruch. Doch die Helaba-Volkswirte gingen, ähnlich einem Melodram, davon aus, dass nach dem klassischen Leidensweg am Ende alles gut werde.

„Die Konjunktur wird sich ins Jahr 2020 hinein fangen, und die weltwirtschaftliche Expansion setzt sich fort, wenn auch mit überschaubarer Dynamik“, prognostiziert Traud mit einer Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent. Trotz erheblicher Risiken und Unsicherheiten zeigten die Protagonisten Einsicht in das Notwendige: Weder die USA noch China hätten einen Anreiz, den Handelskonflikt so eskalieren zu lassen, dass die Weltkonjunktur gegen die Wand fahre.

„Im Abschwung werde ich immer gefragt: Wo soll es denn herkommen?“, schmunzelte die Chefvolkswirtin und erklärte, dass der Aufschwung in der Regel genau aus der Ecke komme, in der vorher die konjunkturelle Schwäche konzentriert war. Eine Erholung im globalen Industriezyklus sei für sie realistisch; davon dürfte vor allem Deutschland dank der hier besonders wichtigen Industrie profitieren. Der private Konsum und die Bautätigkeit gäben weiterhin Impulse. Allerdings begrenzten strukturelle Hemmnisse und eine mangelnde Reformtätigkeit die Dynamik. Aus diesem Grund falle auch das Wirtschaftswachstum in Deutschland trotz konjunktureller Belebung im Jahresdurchschnitt 2020 mit einem Prozent verhalten aus. Etwas besser werde voraussichtlich die Eurozone mit 1,3 Prozent abschneiden.

„Bei Aktien und Renten ist das Ertragspotenzial 2020 überschaubar“, erwartet Traud eine Senkung der Rendite zehnjähriger Bundesanleihen um -0,2 Prozent am Jahresende. Gegen eine nachhaltige Rückkehr in den positiven Renditebereich spreche neben der fortgesetzt lockeren Geldpolitik anhaltend niedrige Inflationserwartungen. Bei Aktien dürfe es zeitweilig zu Übertreibungen kommen, weil der Mangel an Anlagealternativen anhalte. Ein Ausflug des DAX über die Marke von 14 000 Punkten erweise sich als nicht nachhaltig. Gegen Jahresende werde nach Auffassung der Helaba-Volkswirte der Index um 13 500 Punkte notieren.

Keine Entspannung beim Wohnen

Auch die Immobilien bleiben angesichts extrem niedriger Zinsen beim Anleger-Publikum beliebt. Die jüngste wirtschaftliche Schwäche könne dafür sorgen, dass Mieten und Kaufpreise 2020 etwas weniger dynamisch zulegen. Am deutschen Wohnungsmarkt werde sich die Lage nicht entspannen, solange restriktive politische Maßnahmen die Neubautätigkeit belasteten.

Eine dramatische Entwicklung bis hin zu einer globalen Rezession schätzt Traud mit einer Eintrittswahrscheinlichkeit in Höhe von 10 Prozent sehr gering ein. Etwas wahrscheinlicher, wenn auch nur mit 20 Prozent, würden die Entwicklungen den Verlauf einer Komödie nehmen: „Auf der weltpolitischen Bühne würden in diesem Fall die teilweise skurrilen Persönlichkeitszüge einiger Protagonisten nicht mehr als Belastung wahrgenommen, sondern münden in eine kooperative Zusammenarbeit der Nationen.“ zg

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