Heppenheim

Festspiele Heppenheim Die Familie Malente brachte mit ihrer 70er-Jahre-Revue den Amtshof zum Ausrasten / "Dalli Dalli", Bata Illic und Apfelshampoo

Geballte Auferstehung eines Jahrzehnts

Archivartikel

Heppenheim.Damals war alles gelb: die Tapete, der Pullunder und auch das Gemüt der Menschen, die dieses Jahrzehnt mehr oder weniger unbeschadet durchgemacht haben. Die sich zu erinnern glauben, zeichnen ein Bild, das trotz seiner Unschärfen einer gemeinsamen Vorstellung entspricht: überall Pril-Blumen, orangene Plastikmöbel sowie eine grellbunte Polyestergarderobe aus Schlaghosen, Dackelkragen und farbintensiven Minikleidern. 70er Jahre eben. Die Schlagermusik flankierte diese spezielle Ära mit der entsprechenden akustischen Kulisse, die ebenfalls irgendwie gelb war und bis heute nachwirkt. Regelmäßig fluten Retrowellen durch das Land und begeistern alte wie junge Hüpfer mit dem rätselhaften Reiz, sich laut singend im kollektiven Gedächtnis zu suhlen.

Das Publikum im Kurmainzer Amtshof tat das gleiche: mitsingen, ausrasten und mit den Füßen trampeln. Zum Finale der diesjährigen Saison gastierte das Quartett der Familie Malente aus Hamburg mit seiner 70er-Revue - und nicht mit der 60er-Jahre-Produktion "Mit 17 hat man noch Träume", wie es auf den Tickets stand und bei manchem Gast eine vorübergehende Verwirrung verursachte.

Wild, ausgelassen, rasant getaktet

"Aber bitte mit Sahne!", titelte also der Abend im sehr gut besuchten Theaterzimmer, das am Sonntag eine ziemlich wilde, ausgelassene und rasant getaktete Musikshow erlebte. Ausgarniert mit den Reklamestars von damals, die in süffiger Parodie nachgezeichnet wurden und von den Zuschauern wie gute alte Bekannte begrüßt wurden. Das Erraten von zurückliegenden Liedern, Stars und Kunstfiguren ist seit längerem schon ein beliebter Erinnerungssport, der auch in Heppenheim ausgiebig praktiziert wurde.

Die Bühne bestand aus zwei glitzergrünen Stellwänden, einer kuscheligen Kunststoffsitzecke und dem "Dalli-Dalli"-typischen Wabengitter, vor dem die Künstler eine atemlose Schlagersause abzogen.

2003 entdeckten die Hamburger Bühnenschaffenden Dirk Voßberg und Knut Vanmarcke ihre geteilte Liebe zueinander sowie zum deutschen Schlager allgemein. Daraufhin gründeten sie ihre eigene künstliche Kunstfamilie, die sich seither durch die deutsche Vergangenheit singt.

Die Brüder Peter und Vico Malente spielten in Schmidts Tivoli und im legendären Schmidt-Theater in unzähligen Mitternachtsshows. Sie standen mit Stars der 50er und 60er Jahre wie Paul Kuhn, Billy Mo, Evelyn Künneke oder Bill Ramsey auf der Bühne, entdeckten ihre Liebe zu Schlagern und realisierten bald eigene Theaterproduktionen.

Ob die röstfrische Frau Sommer oder der steife Persil-Mann, ob gebissverstärkter Bata Illic oder TV-Helden wie Eduard Zimmermann oder "Derrick" Horst Tappert: Mit stark überzeichneten, aber liebevoll in Szene gesetzten Figuren eroberte die Hamburger Retortenfamilie das Bergsträßer Publikum im Sturm. Mehr als nur begleitet wurden die beiden Herren von Bianca Arndt und Annemarie Reuter. Die beiden Sängerinnen prägten das Tempo der Show mit und meisterten perfekt die schnellen Rollenwechsel - von der gesanglichen Klasse ganz abgesehen.

Die Festspiele im Nostalgie-Rausch: Vom Gard-Haarstudio ging es schnurstracks "hinter die Kulissen von Paris" und ins Fahndungsstudio von "Aktenzeichen XY ungelöst". Cindy und Bert jagten "Spaniens Gitarren", und Rex Gildos musikalischer Schluckauf namens "Hossa!" animierte das Publikum gleich mehrmals zum Mitmachen.

Die Malentes inszenierten eine Gute-Laune-Show, die früher oder später jedem ein Lächeln abrang. Die einen mögen sich ans traditionelle Samstagabend-Baden mit Schauma-Apfelshampoo erinnert haben, die anderen an den braunen Frottee-Schlafanzug oder den Schulmädchenreport. Obwohl das natürlich wieder keiner zugegeben hat, wie die Hamburger anmerkten.

Peter Maffay sang "Ich war 17 und einseinunddreißig ..." oder so ähnlich, während ein flüchtiger "Junge mit der Mundharmonika" davon träumte, wie es einmal war. Die Heppenheimer taten es ihm gleich und freuten sich über diese geballte Auferstehung der 70er Jahre.

Die Zeiten haben sich geändert - auch im Amtshof. Wo früher Shakespeare gespielt wurde, heißt es heute in einem leicht abgewandelten Sinne: "Wie es euch gefällt." Die Gäste von Familie Malente konnten daran nichts Schlechtes finden. Erinnern macht gemeinsam eben noch mehr Spaß. Stürmischer Applaus war die Folge. tr

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